MAINFRANKENTRIATHLON

Ein Eisenmann mit weichem Kern

Als Profi hat Henry Beck gelernt, körperliche Grenzen zu überwinden. Aber dann passiert etwas, was seine Psyche blockiert. Der Sieg in Kitzingen ist ein erster Schritt.
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Auf dem langen Weg zurück in die Normalität ist Henry Beck mit dem Sieg beim Kitzinger Mainfrankentriathlon wieder ein Stück vorangekommen.

Henry Beck hat schwere Tage und Wochen hinter sich, auch wenn man ihm das nicht ansieht. Henry Beck steht an diesem Samstagnachmittag hinter der Ziellinie am Kitzinger Mainkai und lächelt. Er weiß: Dieser Moment gehört ihm, dem Gewinner des 9. Main-Post-Mainfrankentriathlons. Henry Beck stützt die Hände in die Oberschenkel, atmet tief durch und lässt sich erst mal auf eine der orangefarbenen Bierbänke fallen. Als er nach einer halben Minute wieder aufsteht, hängt ihm eine der Weinprinzessinnen eine Medaille um den Hals. Alle, die auf eigenen Beinen das Ziel erreichen, bekommen von den nett lächelnden Weinhoheiten so eine goldene Medaille umgehängt. Aber wohl keiner hat sie so verdient wie Henry Beck.

Der Mann, der etwa eineinhalb Autostunden entfernt von hier in Schleusingen aufgewachsen ist und heute in Jena lebt, ist Profi. Seit 2009 verdient er seinen Lebensunterhalt, indem er zwischen acht und zwölf Triathlons im Jahr absolviert. Es sind keine Reichtümer, aber er kommt über die Runden – vor allem, seit er vor anderthalb Jahren einen Manager gefunden hat. Henry Beck nennt ihn so, aber er nennt ihn auch einen guten Freund, denn er hält ihm den Rücken frei, regelt den Papierkram und das mit den Startlizenzen. So kann sich Beck zu hundert Prozent auf seinen Sport konzentrieren.

Immer noch ein paar PS mehr aus sich herausholen

Henry Beck ist 32. Vor einem Jahrzehnt hat er Sportwissenschaften studiert für einige Semester – mit Betriebswirtschaft kennt er sich eher weniger aus. Fragte man ihn als kleinen Jungen, was er werden wolle, sagte er: Irgendwas mit Sport. Sport ist sein Leben. Das kann man spüren, wenn man mit ihm spricht, und man kann es sehen an seinem austrainierten Körper.

Er hat, nachzulesen auf seiner Homepage, einen Ruhepuls von 33 Schlägen in der Minute, ein Lungenvolumen von 8,25 Litern und einen Körperfettanteil von 7,3 Prozent. Alles Werte, die um das Doppelte bis Dreifache besser sind als der Durchschnitt. Normalwerte für einen, der seit nunmehr acht Jahren an seinem Körper tüftelt wie ein Mechaniker an seinem Rennwagen, um ihm immer noch ein paar PS mehr zu entlocken, ein paar km/h schneller zu sein.

„Triathlon ist meine Berufung“, hat Henry Beck im Jahr 2011 in einem Interview gesagt. „Ich weiß, dass ich mit Disziplin, Zielstrebigkeit und der Bereitschaft zu Höchstleistungen etwas erreichen kann.“ Was ihn antreibe, sei der Kick, immer der Beste zu sein. Und Musik von AC/DC, Highway to hell. Einmal war er mit seinem Rennrad gestürzt, Schaltwerk kaputt, das erhoffte WM-Ticket scheinbar verloren.

Aber Beck verließ nicht etwa das Rennen. Per Anhalter fuhr er zurück zum Zielgelände. Dort bot ein Amerikaner Hilfe an. Der Mann raste wie ein Irrer nach Hause, um Beck sein Hobbyrennrad zu leihen. Eine Stunde später saß Beck wieder im Sattel – und qualifizierte sich noch für die Weltmeisterschaft, weil einige vor ihm Platzierten auf ihren Startplatz verzichteten.

Der Tod des Stiefvaters wirft den gestählten Profi aus der Bahn

Weiter, immer weiter – nicht von ungefähr nennt Beck Oliver Kahn als eines seiner Vorbilder. Er hat gelernt, wie man seinem Körper Höchstleistungen abverlangt. Er hat gelernt, wie man Grenzen überschreitet und wie man mit sportlichen Rückschlägen umgeht. Aber auf eines war er als Profisportler nicht vorbereitet – auf seelische Tiefschläge. Zwei Monate vor seinem Start beim Mainfrankentriathlon hat Henry Beck seinen Stiefvater verloren.

Er starb an der seltenen Muskelschwächekrankheit ALS, einer nicht heilbaren degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems. Die Betroffenen leiden oft über Jahre. Henry Beck, seine Mutter und seine Schwester waren die letzten Wochen und Monate rund um die Uhr im Einsatz, wechselten sich bei der Pflege ab. Der Sport trat in den Hintergrund. Dabei verdankt Henry Beck seinem Stiefvater einiges.

Wenn ein Junge wie er, der aus einfachen Verhältnissen stammt, irgendwann sein Studium schmeißt mit dem Ziel, Triathlon-Profi zu werden, löst das in etlichen Elternhäusern keine große Begeisterung aus. Immer schwebt die Frage im Raum: Und nach deiner Karriere, Junge – was dann? „Mein Stiefvater hat mich immer unterstützt, er hat an mich geglaubt“, sagt Beck.

Beim Wettkampf in Roth versagt der Rücken – Ende einer Dienstfahrt

Vier Wochen nach dessen Tod trat Henry Beck beim Triathlon in Roth an, dem weltweit größten Wettkampf auf der Langdistanz, dem Klassiker für echte Eisenmänner mit 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,2 Kilometer Laufen, und das alles vor einer Viertelmillion Zuschauern an der Strecke. Beck glaubte, er sei dazu bereit – und der Stiefvater hätte es bestimmt so gewollt.

Beim Schwimmen kam er noch irgendwie zurecht, auf dem Rad aber schoss ihm der Schmerz in den Rücken. Ende einer Dienstfahrt, Krankenhaus. „Der psychische Druck“, sagt er, „war zu groß.“ Ganz langsam kämpft Henry Beck sich zurück in eine Saison, die er als „Katastrophe“ bezeichnet.

Fragt man ihn, ob der Sport ihn über einen Schicksalsschlag wie diesen hinwegzutrösten weiß, sagt er: „Ich weiß nicht. Ich hatte noch nie einen Trauerfall in der Familie.“ Doch irgendwie muss es weitergehen. Henry Beck ist zu jung zum Aufhören, und etwas anderes als diesen Sport hat er nicht gelernt. Das ist es, was er mit „Risiko“ meinte, als er sich im Jahr 2009 mit seiner Triathlon-Ich-AG selbstständig machte.

Diesmal schwimmt Henry Beck auf der perfekten Welle

Kleinere Wettkämpfe wie der in Kitzingen, wo er schon zwei Jahre vorher am Start war, helfen ihm auf dem Weg zurück in die – soll man sagen – Normalität? Auf alten Fotos auf seiner Internetseite sieht man eine lächelnde und stolze Mama Ulrike. Henry Beck spricht oft von ihr – auch in Kitzingen hatte sie ihren Sohn begleitet und sich mit ihm über gewisse Fortschritte gefreut.

Als er vor zwei Jahren im Main unterwegs war, fühlte es sich für ihn an, als schwimme er in „Teerwasser“, so zäh kam er voran. Diesmal lief es besser. Sein leiblicher Vater, ein Wildwasser-Kanute, hatte die Strecke vorher abgefahren und die optimale Wasserlinie bestimmt. So schwamm Henry Beck, einer der Weltbesten in dieser Disziplin unter den Triathleten, auf der perfekten Welle und entstieg nach 1670 Metern als Erster den gezähmten Fluten.

Wer in seiner Vita blättert, findet viele solcher Rennen, in der Sportsprache heißen sie Start-Ziel-Siege. Die 40 Kilometer auf dem Rad von Kitzingen über Sulzfeld, Segnitz, Frickenhausen und Eibelstadt empfand er durchaus als „anspruchsvoll“. Immerhin waren – kurzer Blick auf seine Smartuhr am Handgelenk, die wie ein Fahrtenschreiber im Auto alle wesentlichen Daten aufzeichnet – mehr als 300 Höhemeter zu absolvieren.

„Ein Schnitt von 40 km/h, auf der Abfahrt 72 km/h in der Spitze.“ Ganz ordentlich, sollte das wohl heißen. Nur mit dem Laufen war er nicht zufrieden. Die Beine wurden schwer auf den zehn Kilometern, wie bei vielen der etwa 650 Teilnehmer. Am Ende kam Beck nach 1:56 Stunden ins Ziel – eine glänzende Zeit. 250 Euro Preisgeld nahm er mit, nicht sehr üppig für einen Profi wie ihn.

Von Mallorca über die Philippinen – nur ein Traumziel fehlt noch

An die 140 Triathlonwettkämpfe hat Henry Beck in seinem Leben absolviert, beim Seeberger Silvesterlauf oder bei der Challenge in Roth, auf den Philippinen und auf Mallorca, wieviel genau, kann er auf Anhieb nicht sagen. Wovon träumt einer wie er in seiner Karriere noch? „Von Hawaii“, sagt er – und man stutzt. Von Hawaii? War nicht jeder ambitionierte Hobby-Triathlet schon auf Big Island?

„Als Amateur hat man es leichter. Als Profi ist es brutal schwer.“ Aus Deutschland schafft es meist nur eine Handvoll Profis, Leute wie Jan Frodeno oder Sebastian Kienle, die man von Olympia aus dem Fernsehen kennt. Beck hat seinen Traum mit 32 noch nicht aufgegeben. Aber er weiß, dass es irgendwann vorbei sein wird als Profi. Sein Ziel sind noch fünf Jahre. Und dann?

Er könnte wie damals, als kleiner Junge, sagen: irgendwas mit Sport. Derzeit verdient er sich bei Möve etwas dazu, zu DDR-Zeiten ein Volkseigener Betrieb (VEB), heute ein modernes Unternehmen für Fahrräder. Es wirbt mit der Botschaft: Das Rad können wir nicht neu erfinden, aber den Antrieb. Beck, der Tausende und Abertausende Kilometer auf dem Rad verbringt, ist als Testfahrer in der Entwicklung eingesetzt. Ob er dort eines Tages voll einsteigen wird, wer weiß das schon? „Das Leben ist zu kurz, um extrem weit nach vorn zu schauen“, sagt Henry Beck. „Man sollte das Leben genießen.“

Triathlon in Zahlen

Olympische Distanz, Männer

1. Henry Beck (HSV Weimar) 1:55,59

2. Hendrik Becker (Collhyaleen) 1:56,42

3. Felix Hohm (SSKC Aschaffenburg) 1:57,00

4. Lukas Engelbert (TG Witten) 1:58,19

5. Thomas Tietz (TV Mergentheim) 1:58,28

Olympische Distanz, Frauen

1. Laura Zimmermann (SV Würzburg) 2:07,52

2. Kristina Sendel (SV Bayreuth) 2:13,36

3. Katrin Schmidt (Nikar Heidelberg) 2:16,11

4. Anna-Lena Klee (TSV Mellrichstadt) 2:20,07

5. Lisa Philippin (EC Wallhausen) 2:29,35

Volksdistanz, Männer

1. Jonas Tischner (TSV Altenfurt) 0:55,58

2. Marco Sahm (Nonstop Bamberg) 0:57,37

3. Torben Hoffmeister (Uni Bayreuth) 0:57,40

4. Felix Hentschel (Nonstop Bamberg) 0:57,41

5. Christian Trunk (LSV Ladenburg) 0:57,45

Volksdistanz, Frauen

1. Lena Gottwald (TSV Zirndorf) 1:01,26

2. Susann Hoffmeister (SV Bayreuth) 1:05,50

3. Pauline Bauer (TV Mergentheim) 1:07,58

4. Johanna Meyer (Viktoria Wombach) 1:08,50

5. Julia Koschmin (TV Eckersmühlen) 1:08,59

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