DIE WOCHE

Die offene Flanke von CSU und FC Bayern

Auf nichts mehr ist Verlass, nicht mal mehr auf die CSU und ihren sportlichen Arm in Bayern. Beide beklagen das gleiche Schicksal, und doch gibt es einen Unterschied.
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Es ist nichts mehr, wie es war. Die alten Werte und Gewissheiten lösen sich auf wie die Eisberge in der Arktis. Was früher als Körperverletzung galt, nennt man heute Schmuck. Gerade einen Meter weit schauen heißt Fernsehen. Und einen Fußballer zu fragen, ob und wenn ja, wann er am Samstag die 67. Minute erlebt hat, nennt sich Interview. Die Welt dreht durch, und die gewohnte Ordnung ist dahin. Trump wütet, die Kanzlerin hütet Schaf, und wir Menschen fragen: Wem in einer Welt des Wahnsinns dürfen wir noch trauen? Worin finden wir noch Heimat und Halt?

Ja, nicht mal mehr bei der CSU und ihrem sportlichen Arm, dem FC Bayern München, die sich in diesen Tagen mit schmerzvollen Verlustanzeigen an die Öffentlichkeit gewandt haben: Den einen ist das Vertrauen der kleinen Leute verloren gegangen, den andern das berühmte Selbstwertgefühl „Mia san Mia“. Oder war es umgekehrt?

Die CSU und der FC Bayern, das sind zwei Phänomene, die man außerhalb des Freistaats gern als Mischung aus Folklore und Feudalismus wahrnimmt. Wobei keiner weiß, was nun länger währt: der Absolutismus der CSU oder die Alleinherrschaft des FC Bayern im deutschen Fußball. Ist eigentlich auch egal – denn bedroht ist gerade mal wieder beides.

Sowohl Partei als auch Verein beklagen eine „offene Flanke“: Bei der CSU hat sich dort die AfD eingeschlichen und bei den Bayern der 222-Millionen-Mann Neymar, der für Paris Saint Germain schon nach zwei Minuten die rechte Flanke des FCB aufriss und damit die Vorlage für das 1:0 gab. Hier wie dort ist das Geschrei jetzt groß, denn jede Schmach braucht einen Schuldigen.

Die Münchener haben ihren bereits gefunden: in Trainer Carlo Ancelotti, den sie am Tag nach dem Debakel in Paris mit einem charmanten „Ciao, bello“ verabschiedeten, dem Mantra gehorchend: Wenn es einem Klub an der Spielidee und Philosophie fehlt, hat immer der Trainer versagt. Dann muss er gehen.

Nach dieser Logik hätte die CSU am Morgen nach dem Tag der Wahrheit ebenfalls ihren Vorturner austauschen müssen. Wo war denn die grandiose Spielidee des Strategen Seehofer? Zuerst die Kanzlerin syste-matisch niedermachen, dann wieder mit ihr kungeln. Das ist so, als hätte Ancelotti mal mit Libero und mal mit Viererkette spielen lassen. Ein Schlingerkurs, den am Ende niemand mehr nachvollziehen konnte.

Also stürzte die so stolze Volkspartei auf wirklich erniedrigende 39 Prozent! Was beim Heiligen Franz Josef natürlich nicht zu vereinbaren ist mit dem seltsamen Selbstverständnis dieser Partei: Alles unter fünfzig Prozent ist Mist!

Doch so schnell wie im Münchner Circus Maximus wechselt man bei der CSU dann doch nicht das Zugpferd, denn Seehofer wird noch gebraucht, seiner Partei einen letzten Dienst zu erweisen: Grünen und FDP nach dem bewährten Motto „Bayern first!“ so viel Zugeständnisse wie nur möglich abzuschwatzen.

Wenn sie beim FCB die Zeichen richtig gedeutet hätten, hätte den großen Entscheidern eigentlich auffallen müssen, dass es – anders als in der CSU – gar nicht am Trainer lag, zumindest nicht nur. Ancelotti hatte eine Mannschaft übernommen, über die er mit der Zeit selbst erschrak. Eine Mannschaft, die ihren Zenit überschritten hat und die abhängig ist vom Zustand der meist knarzenden Flügelzange Robben und Ribery.

Weltklasse hat der FC Bayern außer in Neuer, mit Abstrichen in Boateng und Müller, wenig. Und Spieler wie Rudy, Süle, Kimmich, Coman, James oder Tolisso, alle mit Talent gesegnet, zu Weltstars zu formen ist eine Aufgabe, die sich womöglich noch Pep Guardiola zugetraut hätte.

Ancelotti arbeitet lieber mit fertigen Stars. Er ist kein Entwickler, auch kein Reformer, vielleicht ein Gestalter. Um zu gestalten aber brauchte es Stars, von denen der FC Bayern im Moment zu wenig hat. Reagiert der Verein nicht auf diesen Missstand, wird er künftig häufiger Tage erleben wie neulich in Paris. Tage des Zorns, die einem klarmachen, dass nichts mehr ist, wie es mal war.

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