HANDBALL

Ein kritischer Geist, gnadenlos ehrlich

Karlheinz Rost war in der DDR ein gefeierter Handball-Star. Aber dann legte er sich mit den Parteibonzen an. Wie wäre sein Leben wohl sonst verlaufen?
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Karlheinz Rost war von 1990 bis 1993 Trainer der TG Kitzingen. Heute lebt er nahe Fulda.

Ein Café in Gersfeld mit Wursttheke, klein und beschaulich. Irgendwie passt es zu Karlheinz Rost. Der Zweiundsiebzigjährige kommt unprätentiös daher: dunkle Jacke, grauer Pullover, gedeckte Farben auch beim Schal, der als modisches Accessoire herhalten könnte. Eine unaufgeregte, uneitle Erscheinung. Der kritische Geist steckt unter der Oberfläche.

Dem Handballsport hat Karlheinz Rost seinen Bekanntheitsgrad zu verdanken und noch etwas mehr. Mit der Vizeweltmeisterschaft 1970 in Frankreich als sportlichem Höhepunkt. Torschützenkönig im Turnier wurde Rost obendrein. Das alles im Trikot der DDR-Nationalmannschaft. Lange her. Wenn Karlheinz Rost erzählt, hätte es auch vor einem Monat sein können.

Nein, dieser aufrechte Mensch lebt nicht in der Vergangenheit. Aber das Erlebte lässt ihn auch nicht los. Eigentlich soll sich dieses Gespräch um seine Zeit beim TSV Münnerstadt drehen. Aber das hat noch Zeit, findet Karlheinz Rost, der von vorne beginnt. Er erzählt vom Tod des Vaters „mit 49 Jahren, als ich 13 war. Wir waren nicht auf Rosen gebettet. Der Sport bot mir eine Aufstiegsmöglichkeit. Und ich war ehrgeizig.

“ Karlheinz Rost hatte auch mal Fußball gespielt, mit Kumpels bei Lokomotive Engelsdorf. Und geboxt. Das erste Angebot, höherklassig Handball zu spielen, kam von Lokomotive Leipzig. Die erste Berufung in die Nationalmannschaft folgte 1962 – zu einer Zeit, als Feldhandball im Freien und auf Rasen populär war.

Er hätte ein Held werden können

Eine ostdeutsche Sportlerkarriere begann. Status: Staatsamateur. Vormittags wurde gearbeitet, nachmittags trainiert. „Es gab immer eine Verbindung zur Produktion. Ich war nie ganz raus“, sagt Rost, der sich seine Ostmark auch mal im Drei-Schicht-Betrieb verdiente. Und der später noch einmal die Schulbank drückte, die Fachhochschulreife nachholte, um studieren zu dürfen. Ein Held hätte Karlheinz Rost in der DDR werden können. Doch dann legte er sich mit den Parteibonzen an. „Beim SED-Parteitag 1970 in Ostberlin war ich Gastdelegierter. Die wollten mich in der Partei haben“, erzählt er freimütig. „Ich habe aber gesagt, dass ich parteilos abreisen werde. Ich wollte nicht um jeden Preis vorwärtskommen. Und ich war noch nie ein großer Diplomat.“

Konsequenzen nahm er sehenden Auges in Kauf. „Ich habe damals auch in der Nationalmannschaft darüber meine Meinung gesagt. Dass der Parteitag reiner Personenkult gewesen sei und eine reine Showveranstaltung. Sogar das Hotelpersonal war ja mit Stasi-Leuten bestückt. Der Lenin würde sich im Grab umdrehen, habe ich gesagt. Natürlich wusste ich, dass wir in der Mannschaft Spitzel hatten. Daher habe ich dann auch die Quittung bekommen, indem ich vor den Olympischen Spielen 1972 ausgebootet wurde. Zu Olympia nach München durften nämlich nur Genossen.“

Republikflucht war keine Alternative, obwohl gerade die Auslandseinsätze mit der Nationalmannschaft die Sinne zusätzlich geschärft hatten. „Ich sah meine eigenen freiheitlichen Einschränkungen. Aber über den Zaun springen wollte ich nicht. Das hat mit innerer Haltung zu tun. Und ich wollte meine Familie nicht in Gefahr bringen.“ Das Ende des staatlich geförderten Leistungssports in der DDR führte Rost nach Eisenach, später zurück nach Leipzig, wo sich der „unbequeme Mensch“ gar als Fleischerhilfsgeselle verdingte. Im Frühjahr 1986 klappte es dann mit seiner Ausreise.

Ein Engagement als Handballtrainer beim TuS Hofweier schlug er aus, da die berufliche Perspektive für die Zeit nach dem Sport nicht passte. Stattdessen nahm er ein Angebot des HSC Bad Neustadt an. Parallel dazu kämpfte der diplomierte Sportwissenschaftler, der in Münnerstadt wohnte, um die Gleichwertigkeits-Anerkennung, um als Pädagoge arbeiten zu dürfen. „Ich habe teilweise auf drei Steuerkarten für verschiedene Schulen gearbeitet. Die Bayern sind schon schräge Fürsten“, sagt Karlheinz Rost. Erst durch das Ableben eines Arbeitskollegen konnte er sein Stundenmaß am Berufsbildungszentrum in Münnerstadt erhöhen.

Seinen Ehrgeiz nahm Rost mit in den Beruf. „Anatomie und Bewegungslehre waren mir wichtig. Wir haben zum Beispiel Unterrichtseinheiten in den Altenheimen abgehalten. Das wurde sehr gut angenommen.“ Eine kleine Erfolgsgeschichte, die sich beim HSC Bad Neustadt in zwei Jahren als Spieler und Trainer nicht schreiben ließ. „Ich habe mich mit dem damaligen Präsidenten Sepp Schmitt in die Wolle bekommen“, erinnert sich Rost, „wegen der vom Verein geplanten Verpflichtung eines Spielers, den ich kannte und den ich für nicht gut genug befand.“

Im Januar 1988 wurde Rost vom Verein fristlos entlassen. „Der Karlheinz war damals noch ein sehr guter Handballer, aber auch ein Sturkopf. Der hatte immer seinen eigenen Kopf“, sagt Josef „Sepp“ Schmitt. Das bestätigt Hans Wenzke, damals Spieler beim HSC. „Da gab es Übungen im Training, da ist einem schlecht geworden, und er hat noch mitgemacht. Wer an Kalle vorbei wollte, der konnte später seine Knochen zusammensammeln. Kalle war gnadenlos, aber auch liebenswert. Da kamen auch mal Sprüche unter der Gürtellinie, aber man konnte sich immer zu hundert Prozent auf ihn verlassen“, sagt der 59-Jährige „Das ist ein geradliniger Mensch, der auch mal angeeckt ist mit seiner Art, sich aber nie verbogen hat.“ Von 1990 bis 1993 trainierte er drei Jahre die TG Kitzingen in der Oberliga – und scheiterte dreimal mit ihr am Aufstieg. Auch dort wurde er zum Saisonende entlassen. „Sie suchten einen Sündenbock“, sagte Rost nach dem Rauswurf.

Ein Trainer mit sehr viel Ahnung

Etwas ruhiger ließ es der Sachse beim TSV Münnerstadt angehen, aber auch dort hat er Spuren hinterlassen. Anfang 20 und Student war seinerzeit Günter Reuscher. „Wir haben uns erst mal über einen Trainer gefreut, der Ahnung vom Handball hatte. Und Karlheinz Rost hatte sehr viel Ahnung. Das war ein Gewinn für unsere Mannschaft. Wie man in den Mann reingeht, wie man in der Verteidigung richtig steht, das alles konnte Kalle einem zeigen. Und er sah sofort, was man falsch macht, und korrigierte das“, sagt der 48-Jährige. Höhepunkt in dieser Zeit war ein Freundschaftsspiel gegen Leipzig, als bei den Sachsen Peter Rost trainierte, der Bruder des Trainers. „Vor allem durch Tore Matthias Pfisters hatten wir damals geführt, das war sensationell. Dann gab es aber wie erwartet eine Riesenklatsche“, sagt Reuscher.

Sowohl in Bad Neustadt als auch in Münnerstadt hat Rainer Kirchner seine Erfahrung mit dem vielfachen Auswahlspieler machen dürfen. „Ich habe mich immer gut verstanden mit Kalle. Er war sehr kameradschaftlich, aber Disziplin war das oberste Gebot, das hat mir gefallen. Kalle hat viel erreicht in seinem Sport und hat seine Erfahrung an die Spieler weitergegeben“, sagt der ehemalige Münnerstädter Spielertrainer, der ebenfalls typische Attribute von Rost hervorhebt: zielstrebig und geradlinig.

Bis ins Jahr 2003 war Karlheinz Rost Münnerstädter. „Ich habe mich sehr wohl gefühlt dort“, erzählt er, „aber weil meine Frau in Fulda gearbeitet hat, sind wir nach Lütter gezogen.“ 2011 und 2016 musste sich der 72-Jährige zwei Herzoperationen unterziehen. „Da hätte ich auch das Zeitliche segnen können, das war schon ein wesentlicher Einschnitt.“ Umso wichtiger ist die sportliche Betätigung beim Schwimmen und Fahrradfahren. „Und ich habe viel Zeit für die Familie. Vormittags bin ich Hausmann, gehe einkaufen und koche.“ Was ist Heimat für einen, der so viel gesehen und erlebt hat? „Deutschland ist meine Heimat. Mit all seinen positiven und negativen Seiten.

Ich bin ein bodenständiger Mensch, der seinen Urlaub bevorzugt an der Ostsee verbringt“, sagt Karlheinz Rost. Zum Abschied im Café bestellt der Handball-Vizeweltmeister noch ein wenig Wurst. Passt irgendwie.

339 Tore und 102 Spiele für die DDR-Auswahl

Karlheinz Rost: Geboren am 14. Januar 1945 in Leipzig. Der 72-Jährige ist gelernter Schlosser und nach einem Studium an der Hochschule in Leipzig seit 1976 auch diplomierter Sportwissenschaftler. Nachdem sein Ausreiseantrag genehmigt worden war, siedelte er am 21. März 1986 in die Bundesrepublik über.

Sportliche Erfolge: In 102 Spielen für die Nationalmannschaft der DDR gelangen Rost 339 Tore. Sportlicher Höhepunkt war der Gewinn der Vizeweltmeisterschaft 1970. Der Sachse war in seiner Zeit einer der besten halblinken Rückraumakteure der Welt, er wurde bei der WM in Frankreich auch Torschützenkönig.

Stationen: In seiner besten Zeit spielte Karlheinz Rost für den SC Leipzig. Auch als Spieler und Trainer in Eisenach verbrachte er ein paar erfolgreiche Jahre. Im Westen der Republik trainierte Rost den HSC Bad Neustadt, die TG Kitzingen oder den TV Rothenburg, später den TSV Münnerstadt und TV Gerolzhofen.

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