SPORTPOLITIK

„Diese Pingeligkeit erschlägt dich im Amt“

Der BLSV-Kreisvorsitzende Josef Scheller sieht die Sportvereine im Dilemma: Die Jungen fehlen, die Alten sind zum Teil überfordert. Gibt es eine Lösung?
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Fünf Jahre sind vergangen seit diesem Bild von Josef Scheller im Sitzungssaal des Kitzinger Landratsamts. Dort stellt er sich an diesem Freitag noch einmal zur Wahl als BLSV-Kreisvorsitzender.

Josef Scheller ist gerade nach Hause gekommen. Nach einmal Klingeln ist er schon am Telefon. Er habe jetzt Feierabend, sagt er, lächelt und fügt hinzu: Eigentlich habe er immer Feierabend. Scheller ist 67 und Rentner. Aber Ruhestand gönnt er sich längst noch nicht. An diesem Freitag will er noch einmal für fünf Jahre um das Amt des BLSV-Kreisvorsitzenden kandidieren, das er 2007 von Rudi Grein übernommen hat. Scheller weiß: Auf ihn warten die nächsten Jahre nicht nur Einsätze als Glücksbote, wenn er staatliche Projektgelder überbringen darf. Von ihm werden in steigendem Maße auch Antworten verlangt werden auf die schwelende Krise des Vereinssports.

Frage: Herr Scheller, Sie kommen viel in Turnhallen und auf Sportplätzen herum. Wie geht es dem Vereinssport in unserem Land?

Josef Scheller: Es geht ihm nicht schlecht, aber es wird immer schwieriger, Leute zu finden, die Posten und damit Verantwortung übernehmen. Hinzu kommt ein gravierender Wandel, allein in den letzten zehn Jahren, seitdem ich das Amt des Kreisvorsitzenden angetreten habe. Die Spielgemeinschaften werden mehr, die jungen Menschen in Vereinen weniger. Sie treiben zwar Sport, aber lieber in Fitnesscentern und damit außerhalb der Vereine.

Das klingt alles nach einer eher düsteren Diagnose.

Scheller: Wir hier im Kreis Kitzingen können noch zufrieden sein. Wir haben ein vielfältiges breitensportliches Spektrum, die Angebote sind da. Das sieht man bei den Sportlerehrungen. Rudern, Schwimmen, Schießen, Judo, Kraftsport – wir sind da gut aufgestellt.

Sieht es denn in anderen Teilen Bayerns anders aus?

Scheller: Wenn ich mich mit Kollegen unterhalte, dann haben die überall ähnliche Situationen – das zieht sich durch ganz Bayern. Aber ich will nicht von Problemen sprechen. Die Vereine kriegen vom Staat nach wie vor gutes Geld, um Sportheime zu sanieren oder Sportplätze zu bauen: in den letzten fünf Jahren 200 000 Euro Fördermittel allein für den Landkreis Kitzingen.

Reicht dieses Geld?

Scheller: Ja. Die Vereine müssen bei ihren Projekten natürlich offenlegen, was sie haben oder nicht haben, weil das, was sie kriegen, ja Steuergeld ist. Der BLSV verteilt die Mittel nur. Aber Geld genug ist da, wenn Vereine was vorhaben.

Mit Geld allein sind die Strukturprobleme der Vereine aber nicht zu lösen. Überall trifft man Leute, die seit 20, 30 oder 40 Jahren ihren Verein führen, und von vielen hört man den gleichen Blues: Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Kennen Sie eine Antwort?

Scheller: Das Problem für viele ist, dass heute alles über Computer geht. Ab Januar 2018 wird komplett umgestellt. Jeder Verein im BLSV hat dann seinen eigenen Zugangscode und organisiert sich online, zentral gesteuert von München aus. Ich habe im-mer gewarnt und gesagt: Wir haben da draußen auch Ältere, die das nicht mehr lernen können, auch nicht lernen wollen. Die müssen wir mitnehmen. Und das ist noch nicht das Ende. Das wird in den nächsten Jahren noch schlimmer. Ich bin jetzt 67 und müsste eigentlich sagen: Lass junge Leute ran, die sich mit dieser Technik auskennen.

Aber bei jungen Leuten hapert es an der Fähigkeit oder am Willen, einen Verein zu führen.

Scheller: Sehen Sie, und das ist das Dilemma, in dem wir stecken. Wenn ich mich umhöre, gibt es schon junge Leute, die mitmachen, aber nicht mehr in der Masse wie früher. Oft ist da der Verein gefordert: Zieht er sich genügend Junge nach, geht er gut mit ihnen um?

Braucht nicht jeder Verein heute im Vorstand einen Wirtschaftsprüfer oder Juri-sten, um im Ehrenamt nicht verloren zu sein?

Scheller: Ja, das ist so. Ich war selbst zwölf Jahre Vereinsvorsitzender und bin froh, es heute nicht mehr zu sein. Man steht immer mit einem Bein im Gefängnis.

Das habe ich schon mal von einem Vorsitzenden gehört.

Scheller: Wissen Sie, der ganze Aufwand mit der Steuer: Alles muss dokumentiert sein. Wenn dir einer den Rasen mäht und du ihm Geld gibst, muss das schriftlich belegt sein. Diese Bürokratie, diese Pingeligkeit, das erschlägt dich im Amt. Früher war das viel lockerer. Da hatte man Zeit, den Verein zu führen. Ich verstehe junge Leute, wenn sie sagen: Das ist mir zu viel.

Wenn Vereine keinen Vorstand mehr finden, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sie geben auf – oder sie suchen sich einen Partner.

Scheller: Meist sind es Ein-Sparten-Vereine, in denen es langweilig wird und nicht mehr funktioniert. Wenn ich Fußball anbiete und sonst nichts, bekomme ich Probleme. Mittlerweile wollen die Leute auch andere Dinge machen. Und was Fusionen angeht: Davon halte ich nicht viel. Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue: In Effeldorf, Bibergau und Schernau sind die Vereine selbstständig geblieben, da ist noch ein bisschen Leben. In Euerfeld haben sich die Fußballer mit den Dettelbachern zusammengeschlossen; viele Euerfelder spielen inzwischen in anderen Orten – weil sie in Dettelbach keine Chance haben. Auf lange Sicht ist das der Untergang des Vereins.

Was ist die Alternative? Allein kommen diese Vereine doch nicht mehr über die Runden.

Scheller: Das kommt immer darauf an, welche Idee der Vorstand mit seinem Verein verfolgt. Es geht ja nicht allein um Fußball. Sie müssen Ihren Mitgliedern halt etwas bieten, damit sie zufrieden sind. Wenn ich mich da nur auf Fußball verlasse, tja, dann bin ich verlassen.

Sie sagten vorhin, Sie möchten mit Blick auf die Situation der Vereine nicht von Problemen reden. Fehlt uns nicht genau dieses Bewusstsein? Müsste man nicht eher sagen: Wir haben hierzulande ein Problem, lasst uns das als Krise definieren und anfangen, eine neue Perspektive zu schaffen?

Scheller: Ja, aber sagen Sie mir, welche Perspektive ich den Leuten unterbreiten soll. Dass sich etwas ändern muss, ist klar, aber ich habe da keine Patentrezepte.

Glauben Sie nicht, der Vereinssport täte sich ein Stück leichter, wenn es endlich mit einer Kooperation mit den Schulen klappte?

Scheller: Wissen Sie, da nenne ich Ihnen bloß ein Beispiel: Sportabzeichen. Die meisten Schulen machen nicht mehr mit. Es gibt ganz wenige, vier oder fünf im ganzen Landkreis, die sich noch daran beteiligen. Unsere BLSV-Beauftragte Birgit Hofmann hat die Schulen abgeklappert. Das Ergebnis war: In einige kam sie erst gar nicht rein. Da sagte man ihr: Lassen Sie Ihre Unterlagen mal da. Andere meinten: Wir haben gerade Wichtigeres zu tun, als uns um Sportabzeichen zu kümmern. Ein anderes Beispiel: Franken aktiv, unser Spiel- und Sportfest vor den Sommerferien. Bis man da Vereine und Schulen findet, die mitmachen! Da heißt es: Das ist uns zu aufwändig. Die machen lieber einen Tagesausflug mit den Kindern, das ist stressfreier, und sie haben ihre Ruhe.

Aber für die Zusammenarbeit zwischen Vereinen und Schulen gibt es doch schöne Zukunftsmodelle.

Scheller: Ja, die Bayerische Sportjugend hatte auch gute Programme, etwa für den Sport in Ganztagsschulen. Aber von schulischer Seite besteht da wenig Interesse.

Könnte sich der BLSV da nicht als Vermittler einbringen? Als jemand, der alte Muster aufbrechen hilft und neue Wege ebnet?

Scheller: Wir hatten dieses Jahr den Trikot-Tag an den Schulen. Da gehst du an die Schulen, bringst ein Plakat, und es heißt: Was wollen Sie damit? Ja, sagen wir, wir machen einen Tag, an dem junge Leute inspiriert werden sollen, ihre Vereine vorzustellen. Einige Schulen sind bei solchen Aktionen gerne dabei. Vielen ist es zu aufwändig.

Sie sind jetzt zehn Jahre BLSV-Kreisvorsitzender. Sind Sie gespannt, was Sie an diesem Freitag erwartet?

Scheller: Ich wäre froh, wenn Interesse und Zuspruch mal etwas größer wären. Viele Vereine freuen sich, dass ich mich mal draußen bei ihnen zeige, aber große Fragen haben sie nicht. Die meisten wursteln einfach so vor sich hin.

Sie wursteln vor sich hin?

Scheller: Na ja, sie wollen irgendein Projekt umsetzen und rufen mich an. Ich sage dann: Habt ihr den Bayernsport gelesen – da stehen jede Woche die neuesten Infos drin. Und als Antwort kriege ich: „Bayernsport? Lesen wir nicht.“ Manche sind sich einfach zu bequem.

Zum letzten Kreistag kam nicht mal ein Drittel der eingeladenen Vereine. Lassen die sich nur blicken, wenn sie Geld brauchen?

Scheller: Diesen Eindruck könnte man haben. Wenn das Interesse jetzt wieder so gering ist, werde ich mich mal hinstellen und das auch so offen sagen.

Wo sehen Sie Ihre Hauptaufgabe für die nächsten fünf Jahre?

Scheller: Ich will die Vereine unterstützen, gerade wenn es darum geht, an staatliche Zuschüsse zu gelangen. Aber ich hoffe, dass von den Vereinen etwas mehr zurückkommt – dass sie zum Beispiel mehr Übungsleiter ausbilden. Auch dafür gibt es Geld vom Staat.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten als BLSV-Kreisvorsitzender – welches wäre Ihr größter?

Scheller: Mir ist es wichtig, dass ich einen guten Draht zu allen Vereinen habe und wir aufeinander zugehen können. So war das die vergangenen zehn Jahre. Ich habe versucht, mein Bestes zu geben, habe mich sehen lassen. Ich würde natürlich gerne zu jedem Jubiläum einen Scheck mitbringen, aber das geht nicht. Das müsste ich jedes Mal aus der eigenen Tasche zahlen . . .

. . . und so weit reicht die Freundschaft dann doch nicht . . .

Scheller: Bei Geld hört sie auf. Ich habe gerade den jährlichen Bescheid aus München bekommen: Noch vor Weihnachten werden die Zuschüsse an die Vereine ausgezahlt. Die wissen noch nichts von ihrem Glück. Um so größer wird dann die Überraschung sein.

Herr über 39 000 Sportler

Aller guten Dinge sind drei für Josef Scheller. Der 67-Jährige will an diesem Freitag für eine dritte und letzte Amts- zeit als BLSV-Vorsitzender des Kreises Kitzingen kandidieren. Andere Bewer- ber gibt es offenbar nicht, seine Wahl gilt als Formsache. Im Dezember 2012 erhielt der Euerfelder hundert Prozent der Stimmen. „Ich habe mir das lange überlegt“, sagt Scheller, „man wird ja nicht jünger.“ Aber nach viel Zuspruch von der Basis und auch aus dem BLSV- Bezirk will er nun noch einmal für fünf Jahre antreten. Seine bisherige Mann- schaft wird großteils ebenfalls weitermachen. Scheller war sechs Jahre lang Sportreferent im Dettelbacher Stadtrat und zwölf Jahre lang Vorsitzender des FC Euerfeld. Er spielte 40 Jahre selbst Fußball, sieht diesen Sport inzwischen aber verroht durch zu viel Geld, das im Umlauf sei. Als BLSV-Kreisvorsitzender ist Josef Scheller Herr über gut 39 000 aktive und passive Sportler, die in 124 Vereinen organisiert sind. Der BLSV als Dachverband verleiht ihnen allen eine Stimme, er vertritt ihre Interessen und betreibt Lobbyarbeit in Politik und Ge- sellschaft. elz
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