EBRACH/BAMBERG

"Saumäßig gefährliche Situation"

Fünf Häftlinge sind für die Randale in der JVA Ebrach verantwortlich. Für das Amtsgericht Bamberg war es eine Gefangenenmeuterei.
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Großeinsatz im Jugendgefängnis
Am 9. Mai 2017 war wegen des Aufstands in der JVA Ebrach ein Großaufgebot der Polizei bis tief in die Nacht vor Ort.

Für die Justizvollzugsbeamten war es eine extrem bedrohliche Situation, so bedrohlich, dass später sogar das Sondereinsatzkommando (SEK) gerufen wurde. Die sechs betroffene Beamten schilderten vor dem Schöffengericht des Amtsgerichts Bamberg am Montag ihre Eindrücke des Abends im Mai 2017, als mehrere Häftlinge den Aufstand in der JVA Ebrach probten.

Fünf Angeklagte im Alter zwischen 20 und 23 Jahren mussten sich deshalb am Montag wegen Gefangenenmeuterei, versuchter gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung verantworten. Kein Spaß, wie Vorsitzender Richter Martin Waschner befand. Er wollte somit im Gerichtssaal auch nicht auf Fuß- oder Handfesseln bei vier der fünf Angeklagten verzichten. Die Verhandlung wurde von vielen Polizeibeamten begleitet. Sie passten alle auf die Häftlinge auf, die inzwischen nicht mehr in der JVA Ebrach, jedoch in anderen Gefängnissen sitzen – bis auf einen, der derzeit in Freiheit auf eine Entzugstherapie wartet.

Die Angeklagten sind bereits mehrfach mit Vergehen im Körperverletzungsbereich, der räuberischen Erpressung oder des Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte aufgefallen und verurteilt. Nun kam eine weitere Verurteilung hinzu.

Decke in Brand gesetzt

Vor allem in einem heute 22-Jährigen sah das Gericht den Rädelsführer der Randale, die sich im Mai 2017 gegen 21 Uhr in Haus 2 der JVA Ebrach ereignet hatten. Der Angeklagte hatte, so gab er an, aus Frust über seine anstehende Verlegung in eine Erwachsenenanstalt und familiären Problemen mehrere Stoffdecken im Gang eines Zellenbaus in Brand gesteckt und die Hände triumphierend nach oben gerissen. Ein weiterer Gefangener zündete damals ebenso ein Tuch an, warf es auf das Gitter in der Mitte des Zellenbaus, auf das er noch eine Matratze und eine Klopapierrolle schmiss, um auch diese in Brand zu setzen. Die restlichen Angeklagten ließen sich von der Gruppendynamik anstecken.

Als Justizvollzugsbeamte eingreifen wollten, verhinderten dies die randalierenden Häftlinge. Der Rädelsführer soll mit „Haut ab, verschwindet“-Rufen die Beamten zum Rückzug aufgefordert haben. Auch streckte er ihnen den Mittelfinger entgegen. Die Beamten zogen sich, wie sie angaben, aus Selbstschutz zurück. Schnell schlossen sie die Tür zum Gang. Gerade schnell genug, da kurz danach ein Marmeladenglas gegen die Tür knallte, das ein heute 23-jähriger Gefangener geworfen hatte – die Beamten berichteten von einer aggressiven und aufgeheizten Stimmung. Ein Betroffener sprach außerdem von starker Rauchentwicklung.

Löschversuche durch Beamte von einem Stock weiter oben wurden von Würfen mit Marmeladengläsern und Tassen begleitet. Die Angeklagten vermummten sich zum Teil, rissen Toiletten heraus, fluteten den Zellenbau, zerstörten Fenster, schlugen Brandmelder ab, ebenso zwei Videokameras, durch die die Taten dennoch bestens fürs Gericht dokumentiert waren. Insgesamt war ein Schaden von gut 11 000 Euro entstanden.

Häftlinge hörten von selbst auf

Die Justizvollzugsbeamten alarmierten Feuerwehr und Polizei. Letztere rückte mit einem Großaufgebot an. Sogar das SEK wurde später hinzugerufen, da die Lage zunächst unübersichtlich war. Allerdings musste das Kommando nicht eingreifen: Die Randalierer ergaben sich von selbst. Einer von ihnen wedelte sogar mit einer Art weißen Fahne. Ge-gen 21.45 Uhr soll spätestens alles vorbei gewesen sein, auch wenn die Polizei noch bis tief in die Nacht im Einsatz war.

Die Angeklagten hatten wohl eingesehen, dass ihr Verhalten nicht richtig war. Sie machten sich ans Aufräumen. Sogar eine Gitarre wurde ausgepackt, ein Lied wurde gespielt. Bis sie sich einzeln den Justizvollzugsbeamten stellten. Für die Verteidiger stand deshalb die Frage im Raum, ob die Randale überhaupt eine klassische Meuterei oder doch eher jugendliches Imponiergehabe gewesen war, schließlich wurden auch keine Forderungen gestellt. Ihre Mandanten waren geständig und bereuten die Tat.

Die Anwälte wollten geringere Strafen als Oberstaatsanwalt Matthias Bachmann, der zum Teil über zwei Jahre forderte und in den Handlungen das fatale Versagen der Gefangenen sah. Versuchte gefährliche Körperverletzung konnte den Angeklagten aber nicht nachgewiesen werden.

Für das Gericht war es am Ende eine Gefangenenmeuterei, wenn auch keine klassische. Der Rädelsführer wurde zu zwei Jahren, zwei andere Angeklagte zu einem Jahr und neun Monaten, ein weiterer zu einer Geldstrafe von 1500 Euro verurteilt. Der jüngste Randalierer bekam eine Gesamtjugendstrafe, unter Einbeziehung anderer Urteile, von drei Jahren und sechs Monaten.

Für Richter Waschner stand außer Frage, dass noch viel mehr hätte passieren können: Das Handeln der Gefangenen habe zu einer „saumäßig gefährlich Situation“ geführt. Allein der Brand wäre woanders wohl nicht so glimpflich abgelaufen: „Mein Wohnhaus wäre abgefackelt gewesen!“

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