IPHOFEN

Saatgut-Festival mit Kartoffel-Oma und Preußenkönig

Was haben Hindenburgs und Guttenbergs mit dem Saatgut-Festival in Iphofen (Lkr. Kitzingen) zu tun? Jede Menge, weiß Rosa Störkle. Sie kommt jedes Jahr – mit unzähligen Knollen.
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Die Frau der 150 Kartoffelsorten: Rosa Störkle kommt jedes Jahr vom Bodensee zum Saatgut-Festival nach Iphofen (Lkr. Kitzingen) – um ihre „Lieblinge“ zu verschenken.

Kartoffelbegeisterung. So etwa gibt es. Wer wissen will, wie das aussieht, muss nur in die leuchtenden Augen von Rosa Störkle schauen.

Die 77-Jährige hat vor über einem halben Jahrhundert in einen Kartoffelhof in Heiligenberg am Bodensee eingeheiratet. Dabei entdeckte sie nicht nur ihre Leidenschaft für den Hofbesitzer, sondern auch für die Knolle.

150 Sorten aufgespürt

Ein paar Quadratmeter sind seither für ihr Hobby reserviert: alte Sorten wiederentdecken und anbauen. Etwa 150 Sorten hat sie inzwischen aufgespürt. Welche Kartoffel ihr besonders am Herzen liegt? Mehr als ein mitleidiges Lächeln erntet man für diese Frage nicht: „Das sind alle meine Lieblinge!“ Was dann der Auftakt ist für ein sehr langes Gespräch – wenn die Kartoffel-Oma ins Schwärmen gerät, spielt Zeit keine Rolle.

Am Samstag war wieder mal so ein Schwärmtag: Seit 2011, als das Internationale Saatgut-Festival erstmals in der Iphöfer Knauf-Halle (Lkr. Kitzingen) stattfand, ist Rosa Störkle dabei. Auch diesmal wurde wieder in aller Herrgottsfrühe das Auto bis hart an die Belastungsgrenze mit Kartoffeln vollgeladen.

Drei Stunden später hieß es ausladen und den Stand herrichten. Kurz darauf geht auch schon der Ansturm los: Die Kartoffeln gibt es heute umsonst, die Vielfalt soll sich schließlich ungehemmt verbreiten – und keinesfalls am Geld scheitern.

Kreative Sortenbezeichnungen

Das Leuchten in den Augen von Rosa Störkle steckt an: Auch die Besucher stehen mit großen Augen vor den unzähligen Kartoffelsorten. Der „König von Preußen“ gleich neben „Guttenberg blau“ aus dem Frankenwald. Das „Bamberger Hörnchen“ neben dem „Blauen Schweden“, „Ackersegen“ neben „Hindenburg 1916“.

Alle Formen, alle Farben. Klein, groß, dick, dünn. Sogar getarnt als Bananen oder Apfelsine – man muss daran glauben, dass es sich um Kartoffeln handelt. Was man dagegen sofort glaubt: dass „jede Kartoffel ihre eigene Geschichte“ hat. Geschichten, die aus der 77-Jährigen geradezu heraussprudeln.

Vielleicht schreibt sie eines Tages ein Buch darüber und erklärt, was es mit den Hindenburgs, Guttenbergs und den Preußenkönigen so auf sich hart. Ein Buch gibt es bereits: Das „Kartoffel-Festival“ ist pickepackevoll mit Kartoffelrezepten. Vorspeise, Hauptgang, Nachspeise – alles aus der Knolle. Kuchen, Torten, Pralinen, Lebkuchen – bei Rosa Störkle macht die knollige Begeisterung vor nichts Halt. Das ungehemmte Experimentieren mit ihren „Multitalenten“ nennt sie: „Der Lust an der Kartoffel freien Lauf lassen.“

Kartoffelwissen geht schnell verloren

Diese Lust ist – wie bei allen anderen Ausstellern auch – wichtig, weil „die Gefahr weiterhin groß ist, dass die Vielfalt verloren geht.“ Dann weiß womöglich eines Tages keiner mehr, dass es mal Tausende von Kartoffelsorten gab. Wissen kann so unglaublich schnell verloren gehen. Wer kann zum Beispiel auf Anhieb sagen, wo die Kartoffel ihren Ursprung hat?

Sie kann's: Die 77-Jährige ist sich sicher, dass die Mutter aller Kartoffeln vom Titicacasee kommt. Der bolivianische Ureinwohner darf in Iphofen nicht fehlen. Und wer lange genug bohrt, erfährt dann doch, dass die „Negra Titicacasee“ für Rosa Störkle unter allen Lieblingen vielleicht doch der Oberliebling ist.

„Ich lasse der Lust an der Kartoffel freien Lauf.“
Rosa Störkle, Kartoffelliebhaberin

Wenn dieses Wissen und die Vielfalt erhalten bleiben, wäre das auch ein Verdienst des Iphöfer Saatgut-Festivals, das seit 2011 von Barbara und Martin Keller, den Gründern der Projektwerkstatt „open house“ in Mainstockheim, veranstaltet wird. Mit seinen diesmal über 2000 Besuchern zählt es zu den größten Veranstaltungen dieser Art in Deutschland.

Dass das Festival zudem über die Landesgrenzen hinaus an Bedeutung gewinnt, liegt auch an Besuchern wie der Trägerin des alternativen Nobelpreises Vandana Shiva, die 2014 zu Gast war. Oder an Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig, der diesmal mit einem Kurzauftritt das Anliegen der Veranstalter unterstützte.

Zu diesem Zeitpunkt war der Stand von Roas Störkle schon leer geräumt – säckeweise hinausgetragen in die Welt. Ebenso wie Hunderte von Tomatensorten und die ganze Palette der Gemüsesamen.

Mit jedem Samen verließ auch eine Botschaft die Knauf-Halle, die vom Iphöfer Saatgut-Festival einmal mehr ausging: „Saatgut ist Allgemeingut – nicht Privatbesitz von Konzernen!“

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