RÜDENHAUSEN.

Nikolaus-Dämmerung

Karl Graf zu Castell-Rüdenhausen dankt den aktiven Nikoläuse in seinem Weinkeller. Die können sich noch gut daran erinnern, wie sie als Kind selbst Besuch vom Heiligen bekamen. Schön ging es dabei nicht immer zu.
Artikel einbetten Artikel drucken
Nikolaustreffen im Weinkeller: Graf zu Solms-Laubach, Edmund Neuerer und Manfred Reif tauschen Anekdoten aus.
+2 Bilder

Er tut es seit fünf Jahren. Weil ihm aufgefallen ist, dass am 6. Dezember auf den Straßen die Nikoläuse weniger werden. Und für aussterbende Arten, so seine Idee, muss man etwas tun.

Als kleines Kind fürchtete sich Karl Graf zu Castell-Rüdenhausen vor dem Nikolaus. „Wir Kinder saßen aufgereiht auf dem Sofa im Kinderzimmer, und auf der Treppe hörte man das Kettengerassel des Knecht Rupprecht. Ich bin dann meist hinter der Couch in Deckung gegangen.“ Heute ist er ein Freund der Männer in Rot und lädt sie an jedem 6. Dezember zu einem Dämmerschoppen in sein Gasthaus ein. „Üblicherweise haben wir eine Jury und küren den Schönsten. Da heute nur zwei gekommen sind, haben beide einen Buchpreis erhalten.“ Es handelt sich um den Bildband „Mein Franken lob ich mir“, den er selbst herausgegeben hat.

„Es genügt zum Glück, ein wenig böse zu gucken. “
Edmund Neuerer, Nikolaus der Gegenwart

Einer der „Professionellen“ war der Graf zu Solms-Laubach, der allerdings zugab, an diesem Tag nicht selbst aktiv gewesen zu sein. Doch war er von Kopf bis Fuß standesgemäß eingekleidet und kann auf eine Vergangenheit als Nikolaus zurückblicken, genauso wie mancher der Gäste.

Der zweite Nikolaus – beziehungsweise das Nikolaus-Team – Manfred Reif und Edmund Neuerer, waren dafür um so fleißiger. Sie kamen aus Hohenfeld und hatten an diesem Abend bereits sieben Familien besucht. „Mehr ist zwischen 17 und 19 Uhr nicht zu schaffen, man will sich ja Zeit nehmen für die Kinder, auch etwas vorlesen.“ Die beiden gehen als Bischofs-Nikolaus und Knecht Rupprecht auf Tour. Für Manfred Reif ist es Berufung.

„Ich wollte das als Kind schon, lief mit einem Watte-Bart herum. Und immer war klar, es muss der Bischof sein. Ich habe es mal ein Jahr lang mit dem einfachen roten Mantel versucht, aber das war es nicht.“ Zwanzig Jahre lang spielt der gelernte Maler und Lackierer schon den Nikolaus. Angefangen hat es im Betrieb, für die Söhne des Chefs. Schnell griffen Nachbarn und Freunde zu. Er macht es gerne, noch immer, nicht für Geld, sondern „weil es schön ist zu sehen, wie die Kinder sich freuen.“

Sein Kompagnon, der den Bösen geben muss, ist bereits der dritte Knecht Rupprecht an seiner Seite. „Wir kennen uns von der Freiwilligen Feuerwehr“, erklärt Edmund Neuerer. Männer in Rot waren sie also schon immer. „Bei unserem ersten Auftritt wurden wir kaum fertig, weil wir direkt einen Einsatz hatten.“ Ob das ihr schwierigster Abend war? „Nein, das war der Versuch, im Schneesturm nach Laubach zu kommen. Ein Abend, an dem alles schief lief.“ Der schönste Auftritt dagegen lag gerade hinter ihnen, der bei den Kindern von Reifs verstorbener Nichte. Zu sehen, dass die sich wieder freuen können, war für ihn der Höhepunkt des Abends.

Vom Kellerabend hatte er sich ein wenig Austausch mit Kollegen erhofft. Daraus ist leider nichts geworden. Zu wenig Nikoläuse hatten den Weg nach Rüdenhausen gefunden. Zumindest eine erholsame Pause ist es geworden, wenn er es sich auch nicht nehmen ließ, mit Versen aufzutreten.

Zwei Profis nur, dafür standen die Gäste nicht zurück und erschienen zahlreich mit Mütze in den liebevoll dekorierten Keller. Manche sogar mit Handpuppen, Umhängen, Perücken und weiteren Requisiten, vor allem mit guter Laune. Einige erzählten von ihren eigenen Auftritten als Nikoläuse in der Vergangenheit, andere von ihren Erlebnissen als Kinder. Andreas Hungbauer und Reinhold Feth waren sich einig, dass es beängstigend gewesen sei. „Der Knecht Rupprecht holte mit der Rute aus und knallte sie auf den Tisch, dass es krachte“, erzählt Andreas Hungbauer. „Ich wurde blass und verkroch mich im Winkel unter der Eckbank. Da kam ich auch nicht mehr raus, bis er weg war.“ Auch Reinhold Feth erinnert sich an Schläge. „Und einen Nachbarjungen, der damals wohl schon acht war, stopfte er in den Sack und trug ihn weg. Ich hatte blanke Angst.“ So sah Pädagogik vor 40 bis 50 Jahren wohl noch aus. Der heutige Knecht Rupprecht dagegen winkt ab. „Es genügt zum Glück, ein wenig böse zu gucken“, meint Edmund Neuerer. „Zumindest bei den Kindern bis neun Jahren.“ Seine Aufgaben besteht eher darin, zusammen mit dem Nikolaus Geschenke zu verteilen. Manchmal bekommen sie sogar welche: Zeichnungen, oder, mit sanfter Nachhilfe der Eltern, den Schnuller. „Ja, das ist immer noch üblich. Wir stecken ihn in den Sack, geben ihn aber vor der Tür heimlich zurück.“ Damit die Nacht auf den 7. Dezember nicht zum Schauplatz eines Familiendramas wird.

Mit so viel Rücksicht konnten frühere Kinder nicht rechnen. Trotzdem sitzen sie heute als Erwachsene da und freuen sich des Festes, trinken ihren Schoppen, vespern und vernaschen zwischendurch die großzügig ausgelegten Schokonikoläuse. Ein besonders schönes Exemplar bekommt jeder Gast noch vom Wirt persönlich überreicht.

„Einen Nachbarjungen stopfte er in den Sack und trug ihn weg. Ich hatte blanke Angst.“
Reinhold Feth, erinnert sich an frühere Zeiten

Der verabschiedet auch Reif und Neuerer, als sie aufbrechen. Der Nikolaus-Bischof lässt es sich nicht nehmen, noch eine gereimte Abschiedsrede aus seinem goldenen Buch zu halten. „Alles geklebt“, verriet er vorher. „Mütze, Buch und Hemd. Nähen kann ich nicht.“ Fast kommt er flüssig durch, er hatte ja auch keinen Alkohol getrunken, der Autofahrt wegen. In der drittletzten Zeile erwischt es ihn doch: „Etzd hab ich einen Hänger. Gut, dass keine Kinder da sind“, rettet er sich.

Die Gäste lachen und applaudieren, bedanken sich für den Segen, der noch erfolgt und geleiten ihren Nikolaus mit „Ho-ho-ho-Rufen“ hinaus. Dem Alter nach mögen sie keine Kinder mehr sein. Aber ein paar kindliche Freuden haben sie sich bewahrt. Schoko-Nikoläuse bleiben jedenfalls keine übrig.

Verwandte Artikel
Noch keine Kommentare
Sie sind nicht angemeldet.
Sie müssen angemeldet sein, um Kommentieren zu können!
registrieren