KITZINGEN

Jagdszenen nach Spielabbruch

Anfang Oktober 2015. In Kitzingen findet auf dem SSV-Platz ein Spiel der U-17-Nachwuchskicker gegen die Gäste aus Erlenbach statt. Das Nachspiel gab es jetzt vor Gericht.
Artikel einbetten Artikel drucken
Ein Fußballspiel – hier ein Symbolbild – zwischen zwei Jugendmannschaften hatte in Kitzingen unschöne Begleiterscheinungen, die jetzt vor dem Kitzinger Strafrichter aufgearbeitet werden mussten.

Anfang Oktober 2015. In Kitzingen findet auf dem SSV-Platz ein Spiel der U-17-Nachwuchskicker gegen die Gäste aus Erlenbach/Main statt. Es ist eine ebenso torreiche wie hektische Partie, die kein gutes Ende nehmen wird. Kurz vor Schluss führen die Hausherren, weshalb sie ein bisschen Zeit von der Uhr nehmen wollen und wechseln. Der Spielertausch geht den Gästen wohl nicht schnell genug – und dann ist es auch schon passiert: Schlagartig wird geschubst und gerangelt. Die Tumulte sind so groß, dass sich die Gäste weigern, das Spiel zu Ende zu bringen.

Sportgerichtlich ist die Sache bald aufgearbeitet: Erlenbach bekommt eine Geldstrafe über 90 Euro wegen des verursachten Spielabbruchs. Die Kitzinger bekommen zwar die Punkte zugesprochen, müssen aber ebenfalls finanziell bluten: Der SSV muss 50 Euro zahlen, weil nicht genügend Ordner da waren, die die Übergriffe hätten verhindern können.

„Ein Riesen-Aufstand. Jeder hat jeden angegriffen.“
Der Kitzinger Jugendtrainer über den Moment vor dem Spielabbruch

Ausgestanden ist das Ganze damit aber noch nicht: Die herbeigerufene Polizei hatte einiges zu tun, es hagelt Anzeigen und Gegenanzeigen.

Weitere Beschuldigte?

Dieses Hin und Her wird später der Staatsanwaltschaft einiges Kopfzerbrechen bereiten – weil es eben nicht den einen Täter gibt und die Minuten rund um den Spielabbruch ziemlich verworren sind. Es könnte – um es auf den Punkt zu bringen – durchaus auch weitere Beschuldigte geben.

Fakt ist: Auf der Anklagebank im Kitzinger Amtsgericht müssen zwei Erlenbacher Platz nehmen. Der eine war damals Co-Trainer. Bei dem anderen handelt es sich um den Vater eines Erlenbacher Spielers. Beide sollen laut Anklage einen Kitzinger Zuschauer in den Schwitzkasten genommen und geschlagen haben.

Vorstellen muss man sich die dazugehörige Szene in etwa so: Der Kitzinger Zuschauer und Vater eines SSV-Spielers muss ziemlich ausgerastet sein. Jedenfalls stürmte er – so mehrere Zeugenaussagen – während der Auswechslung auf den Platz, um einen Erlenbacher Spieler anzugehen und ihn sogar zu würgen.

Chance zur Flucht genutzt

Das allgemeine Durcheinander samt Rudelbildung nutzte der Zuschauer dann umgehend zur Flucht. Das wiederum löste regelrechte Jagdszenen aus: Der angegriffene Erlenbacher Spieler rannte zunächst zu seiner Mutter, um sich deren Handy zu schnappen. Dann nahm er die Verfolgung des Mannes auf, der ihn gewürgt hatte. Das alles in der Hoffnung, ein Handybild von dem ihm unbekannten Mann machen und ihn so identifizieren und anzeigen zu können.

Diese Szene hatten die beiden Angeklagten – die nicht vorbestraft sind – mitbekommen. Sie rannten nun ebenfalls los, um ihren Jugendspieler wieder einzufangen. Zwei Ecken weiter dann diese Szene: Der Jugendspieler rutscht bei der Verfolgung auf seinen Stollen aus und fällt hin. Der eigentlich flüchtende Kitzinger Zuschauer bekommt das mit, dreht daraufhin um und will erneut auf den Spieler losgehen.

In diesem Moment stoßen die angeklagten Männer zu der Szene. Um ihrem Spieler zu helfen, greifen sie ihrerseits den Kitzinger Zuschauer an, nehmen ihn in den Schwitzkasten und langen – zumindest will das der Spielervater nicht ausschließen – ein paar Mal hin.

Verworrene Szenen

Wie gesagt: Alles ziemlich verworren, jede Partei erzählt ihre eigene Geschichte. Der Kitzinger Zuschauer spielt vor Gericht seinen Tatbeitrag herunter und will nicht gewürgt haben. Er spricht von „Schubserei“ und davon, dass „alles nicht hätte sein müssen“. Wie schwierig die Schuldfrage zu klären ist, zeigt auch die Aussage des Kitzinger Trainers: Selbst er verlor am Ende bei dem „Riesen-Aufstand“ den Überblick, weil „jeder jeden angegriffen hat“. Neben den Spielern hätten sich unmittelbar vor Spielabbruch auch Trainer, Betreuer und mehrere Zuschauer auf dem Platz befunden.

Zwischen den Vereinen hat es später so etwas wie ein Friedensabkommen gegeben: Die Betreuer waren sich einig, dass alle an dem Tag nicht richtig reagiert hätten. Man kam überein, sich gegenseitig nichts mehr nachzutragen und die Strafanzeigen allesamt zurückzunehmen.

Verfahren mit "gewissem Geschmack"

Dass nun die beiden Erlenbacher auf der Anklagebank landeten – ein bisschen schimmerte hier das Prinzip Zufall durch. Jedenfalls lässt das Gericht durchblicken, dass das Verfahren „einen gewissen Geschmack“ hinterlasse und genauso gut der Kitzinger Zuschauer der Angeklagte hätte sein können.

Um einen Schlussstrich zu ziehen, stellte Richter Peter Weiß das Verfahren schließlich gegen eine Geldauflage ein: Der damalige Co-Trainer muss 400 Euro zahlen, dann ist die Sache für ihn erledigt. Der zweite Angeklagte muss tiefer in die Tasche greifen und 800 Euro zahlen.

Dass alle Beteiligten nach den unschönen Tumulten durchaus dazugelernt haben, zeigte das Rückspiel in Erlenbach: Das verlief dem Vernehmen nach ohne weitere Auffälligkeiten.

Verwandte Artikel
Noch keine Kommentare

Für diesen Artikel wurde die Kommentarfunktion deaktiviert.