KITZINGEN

Die Gewalt gegen Polizisten nimmt zu

Dienststellenleiter Harald Hoffmann von der Polizeiinspektion in Kitzingen fordert: "Wer Polizisten tätlich angreift, gehört ins Gefängnis."
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Gewalt gegen Polizisten
Die Gewalt gegen Polizisten nimmt zu. Nicht nur bei Demonstrationen, sondern auch bei einfachen Verkehrskontrollen müssen die Beamten mit dem Schlimmsten rechnen.
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Sie wollen für Recht und Ordnung sorgen und werden immer häufiger selbst zur Zielscheibe von Angriffen. Polizeibeamte werden beschimpft, beleidigt und bespuckt. Der Leiter der Inspektion Kitzingen, Harald Hoffmann, spricht von einem steigenden Aggressionspotenzial – und hat wenig Hoffnung, dass sich daran in nächster Zeit etwas ändern wird.

Frage: Sie sind seit mehr als 30 Jahren im Dienst. Seit wann hat sich Gewalt gegen Polizisten zu so einem Problem entwickelt?

Harald Hoffmann: Das Thema ist in den letzten Jahren immer brisanter geworden. Wir haben allerdings erst seit 2010 belastbare Zahlen vorliegen.

Gewalt gegen Polizeibeamte gab es doch auch früher schon.

Hoffmann: Das ist richtig. Ich war als junger Polizist in Wackersdorf im Einsatz. Der Unterschied ist, dass es damals fast immer um ein gesondertes Themengebiet ging. Die Leute wollten halt keine Wiederaufbereitungsanlage vor der Haustür. Heutzutage kann es bei ganz normalen Kontrollsituationen zu Angriffen kommen.

Ist der Respekt verloren gegangen?

Hoffmann: Bei der Mehrzahl der Bevölkerung sicher nicht. In den konkreten Fällen aber schon. Ich stelle immer wieder fest, dass die Gesamtheit des staatlichen Handelns häufiger in Frage gestellt wird, als früher. Die Bürger sind klagefreudiger geworden, sie hinterfragen auch das Verhalten der Polizei.

Das ist grundsätzlich in Ordnung.

Hoffmann: Sehe ich auch so. Aber es darf nicht in Gewalt abdriften. Das passiert allerdings immer häufiger.

„Die Leute drehen von einem Moment auf den anderen auf.“
Harald Hoffmann, Dienststellenleiter Kitzingen
Haben Sie ein Beispiel?

Hoffmann: Nehmen wir die Kontrollen bei Weinfesten. Die Kollegen wollen nur die Personalien feststellen, müssen sich dann aber teils unflätig beleidigen lassen. Es kommt zu Drohungen, manche Leute beißen, kratzen und spucken. Das kann bis zum Kopfstoß gehen. All das wegen einer einfachen Kontrolle.

Welche Zahlen haben Sie bezüglich der Gewalt gegen Polizeibeamte?

Hoffmann: Sie gelten für den gesamten Freistaat. Und da sah es 2016 so aus: 6250 Täter, ein Zuwachs von zehn Prozent im Vergleich zu 2015.

Und hier im Landkreis?

Hoffmann: Da schaut die Tendenz ähnlich aus. Von durchschnittlich 90 Beamten, die hier im Dienst sind, haben 67 im letzten Jahr solche Erfahrungen machen müssen. Mehr als zwei Drittel.

„Wir haben eine neue Schutzausrüstung, wir haben einen Spuckschutz, den man den Angreifern anlegen kann. Aber beim ersten Angriff ist man in der Regel ziemlich wehrlos.“
Harald Hoffmann,
Was genau passiert da?

Hoffmann: Das ist ganz unterschiedlich. Die Palette reicht von eher harmlosen Beleidigungen bis hin zu wüsten Bedrohungen - auch gegenüber den Familienangehörigen der Kollegen. Und leider gibt es auch massive Verletzungen.

Wir hatten erst kürzlich über die beiden Kollegen berichtet, die bei einer Verkehrskontrolle angegangen wurden.

Hoffmann: Beide mussten ins Krankenhaus, ein Kollege hat einen Nasenbeinbruch davon getragen.

Wie gehen die Kollegen mit solchen Vorfällen um?

Hoffmann: Erstaunlich sachlich. Sie fragen sich, wie sie die Situation hätten vermeiden können, wie sie sich beim nächsten Mal besser schützen können.

Kann man sich denn besser schützen?

Hoffmann: Grundsätzlich schon. Wir haben eine neue Schutzausrüstung, wir haben einen Spuckschutz, den man den Angreifern anlegen kann. Aber beim ersten Angriff ist man in der Regel ziemlich wehrlos.

Weil er so überraschend kommt?

Hoffmann: So ist es. Die Leute drehen von einem Moment auf den anderen auf.

Was sind das für Menschen? Haben die ein besonders hohes Aggressionspotenzial? Sind Drogen im Spiel? Alkohol?

Hoffmann: Fast immer Alkohol. Und es sind vor allem die Wiederholungstäter, die uns zu schaffen machen. Auffallend viele tauchen immer wieder auf.

Was sind das für Menschen?

Hoffmann: Viele gehen keiner geregelten Arbeit nach. Zweidrittel sind bei den Kontrollen alkoholisiert oder unter Drogen.

Handelt es sich vor allem um junge Männer?

Hoffmann: Etwa 70 Prozent sind Männer, etwa 30 Prozent Frauen. Sie werden es kaum glauben, aber auch die können betrunken unglaubliche Kräfte entwickeln. Es braucht manchmal vier Kollegen, um sie in eine Zelle zu bringen. Ein Kollege hat sich bei so einem Einsatz ein Band in der Schulter gerissen und ist mehrere Monate lang ausgefallen.

Und in der Zelle ist dann endlich Ruhe?

Hoffmann: Von wegen. Diese Leute sind ja richtiggehend angestachelt. Wir hatten mal einen Mann, der hat es, wie auch immer, geschafft, mit einem Kleidungsstück durch die Gitterstäbe an einen Wasserhahn heranzukommen. Den hat er herausgerissen und damit alles mögliche in der Zelle zerstört. Und er stand mit einem scharfkantigen Gegenstand einem Beamten gegenüber.

Wie gehen Ihre Kollegen mit solchen Vorfällen um?

Hoffmann: Wir haben neue Schutz- anzüge, das Einsatztraining umgestellt und das Verhalten in solchen Fällen mit allen Kollegen in Bayern abgestimmt.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Zahl dieser Täter steigt?

Hoffmann: Eine empfundene soziale Gerechtigkeit ist die beste Kriminalstrategie. Möglicherweise wird die soziale Gerechtigkeit in den letzten Jahren nicht mehr als solche wahrgenommen. Aber das ist eine sehr politische Vermutung meinerseits. Sicher ist: Wer sich vom Staat verlassen fühlt, der erkennt auch die Werkzeuge des Staates nicht mehr an. Und damit trifft es uns.

Hört sich nicht so an, als würde sich das Problem von selbst lösen.

Hoffmann: Sicher nicht, ich gehe davon aus, dass sich die Gewalt gegen Polizeibeamte eher noch steigern wird.

„ Ich gehe davon aus, dass sich die Gewalt gegen Polizeibeamte eher noch steigern wird“
Harald Hoffmann
Was würde helfen? Härtere Strafen?

Hoffmann: Ich habe schon den Eindruck, dass diese Täter noch ermutigt werden, weil nicht viel passiert. Allerdings haben wir seit Mai eine bemerkenswerte Gesetzesneuerung. Jegliches Angreifen eines Polizeibeamten wird ab sofort unter Strafe gestellt. Wesentlich für mich ist folgender Zusatz: Jeder tätliche Angriff gegen Polizisten wird mit einer Mindestfreiheitsstrafe von drei Monaten belegt. Die Aussage dahinter kann ich zu hundert Prozent unterstützen: Wer Polizisten tätlich angreift, gehört ins Gefängnis.

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