WÜRZBURG

Das schmackhafte Zellgift

Teile des Gehirns schrumpfen, die Organe werden geschädigt: Warum zu viel Alkohol so gefährlich ist.
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„Der Konsum einer größeren Menge Alkohol über einen längeren Zeitraum kann nahezu jedes Gewebe buchstäblich von Kopf bis Fuß schädigen.“ Dr. Thomas Polak vom Interdisziplinären Zentrum für Suchtforschung Würzburg.

Es wird ein bisschen warm im Hals und im Bauch. Bei einem Gläschen zuviel wird der Gang leicht schwankend, man kann sich nicht mehr richtig ausdrücken. Diese Erfahrung haben schon viele Menschen gemacht. Aber was passiert eigentlich im Körper, wenn man Alkohol trinkt und was macht den Alkohol so gefährlich für die Gesundheit? Ein Gespräch mit Dr. Thomas Polak vom Interdisziplinären Zentrum für Suchtforschung Würzburg.

Frage: Ein einführender Satz zum Thema Alkohol?

Dr. Thomas Polak: Grundsätzlich ist Alkohol ein natürliches Produkt, und die Wirkung alkoholischer Getränke wurde schon früh in der Menschheitsgeschichte entdeckt. Alkohol entsteht, wenn Mikroorganismen bei ihrer Ernährung zum Abbau von Zucker zu wenig Sauerstoff haben. Er ist aber gleichzeitig ein Zellgift, das im Körper viele schädliche Veränderungen hervorruft.

Was passiert im Körper, wenn man Alkohol zu sich nimmt?

Polak: Viele Menschen verspüren im Bereich bis 0,5 Promille Blutalkoholkonzentration ein Gefühl gesteigerter Leistungsfähigkeit, Euphorisierung und Enthemmung, bis 1,5 Promille einen Bewegungs- und Rededrang verbunden mit schnellem Herzschlag, Fehleinschätzung von Gefahren, Störung von Gleichgewicht, Koordination und räumlichem Sehen sowie eine Verminderung von Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit. Oberhalb von 1,5 Promille können dann vermehrtes Schwitzen und Schwindel, Benommenheit, Übelkeit, Erbrechen, Gedächtnislücken, Verstimmungszustände bis hin zu Gedanken, nicht mehr Leben zu wollen, Gereiztheit und Aggressivität sowie Orientierungsstörungen auftreten, ab vier Promille Bewusstlosigkeit, Atemlähmung und schließlich der Tod eintreten.

Warum schwankt und lallt ein Betrunkener und der andere nicht?

Polak: Die Auswirkung einer bestimmten Menge Alkohol im Blut kann bei verschiedenen Personen ganz unterschiedlich ausfallen, denn mit zunehmender Regelmäßigkeit des Konsums ergeben sich Veränderungen im Gehirn, durch die der Alkohol dann anders wirkt.

Wie schnell wird Alkohol vom Körper aufgenommen?

Polak: Der erste Alkohol wird schon im Mund durch die Mundschleimhaut aufgenommen. Das ist zwar nur eine geringe Menge, aber von hier aus geht er direkt ins Blut und dann auch gleich ins Gehirn. Der restliche Alkohol wird in Magen und Darm aufgenommen. Das passiert langsamer, wenn man vorher fetthaltige Nahrung zu sich genommen hat, auch wenn dadurch die Gesamtmenge des ins Blut gelangenden Alkohols nicht weniger wird.

Und abgebaut?

Polak: Die Menge Alkohol, die pro Stunde vom Körper abgebaut wird, ist abhängig vom Körpergewicht und beträgt ungefähr 0,1 Gramm Ethanol pro Stunde und Kilogramm Körpergewicht. Als Faustformel kann man sagen, dass das in etwa 0,1 Promille pro Stunde sind. Bei Menschen, die regelmäßig größere Mengen trinken, geht das schneller.

Warum bekommt man einen „Kater“ und was ist das eigentlich?

Polak: Als „Kater“ bezeichnet man die Beschwerden nach übermäßigem Alkoholkonsum, wenn die akuten Wirkungen des Alkohols abgeklungen sind, also in der Regel am Morgen danach. Dabei kann es zu Unwohlsein bis Übelkeit und Erbrechen, Schwindel und Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen und Zittern, aber auch Schuldgefühlen oder Angstzuständen kommen. Man fühlt sich dann in der Regel körperlich und geistig nicht fit – und ist es auch nicht!

Woran liegt das?

Polak: Die Ursache ist einmal, dass Alkohol eine harntreibende Wirkung hat: man scheidet mehr Flüssigkeit aus, als man durch den Alkohol aufnimmt und das bewirkt einen Wassermangel im Körper. Eine weitere Ursache ist, dass bei größeren Mengen getrunkenen Alkohols dieser zu einem ersten Zwischenprodukt, dem giftigen Acetaldehyd umgebaut wird. Was wir dann merken, sind die Folgen des giftigen Acetaldehyd.

Wie wirkt sich zu starker Alkoholkonsum auf die Organe aus?

Polak: Der Konsum einer größeren Menge Alkohol über einen längeren Zeitraum kann nahezu jedes Gewebe und somit jedes Organ des Körpers buchstäblich von Kopf bis Fuß schädigen. Das geht mit einer Schrumpfung bestimmter Teile des Gehirns durch Untergang von Nervenzellen los und reicht bis zu einer Schädigung der peripheren Nerven, die hinunter bis in die Füße ziehen. Beides führt dazu, dass die Betroffenen schon in jungen Jahren nicht mehr eigenständig laufen können, sondern auf einen Gehwagen angewiesen sind. Oder sie bekommen eine Alkoholdemenz. Oder die Muskulatur zerfällt oder Herz und Leber funktionieren nicht mehr usw.

Erhöht regelmäßiger und starker Alkoholkonsum das Risiko, an Krebs zu erkranken?

Polak: Durchaus, und zwar nicht nur in Kombination mit Rauchen, was häufig vorkommt. Krebs an Lippen, Mund, Rachen, Kehlkopf, Speiseröhre, Leber, Bauchspeicheldrüse und Dickdarm, also im gesamten Verdauungstrakt können die Folge sein. Man nimmt an, dass Alkohol in 2012 für fast sechs Prozent aller Todesfälle durch Krebs verantwortlich war.

Ab welchem Wert wird es kritisch für den Körper oder gar für das Leben?

Polak: Akut ab etwa vier Promille, bei chronischen Trinkern liegt der Wert höher. Doch auch der tägliche Konsum von 20 Gramm reinen Alkohols bei Frauen, 40 Gramm bei Männern, wird nach aller Erfahrung irgendwann zu den körperlichen Schäden führen, von denen wir schon gesprochen haben. Damit man sich das besser vorstellen kann: Eine Flasche Bier hat etwa 12,7 Gramm Alkohol, ein kleines Glas Wein etwa 8,8 Gramm.

Wo beginnt in Ihren Augen die Sucht?

Polak: Hierfür gibt es internationale Kriterien der Weltgesundheitsorganisation. Zu diesen gehört, dass man ein übergroßes Verlangen nach Alkohol hat, mit der Zeit die Trinkmenge steigert, immer wieder mehr trinkt, als man eigentlich will, nicht aufhört, obwohl man von den schädlichen Folgen weiß oder sie schon eingetreten sind, wichtige Interessen darüber vernachlässigt und Entzugssymptome bekommt, wenn man denn doch einmal plötzlich aufhört. Wenn von diesen sechs Kriterien drei innerhalb eines Jahres erfüllt sind, spricht man von Alkoholabhängigkeit.

Kann man auch selbst feststellen, ob man gefährdet ist?

Polak: Es gibt einen einfachen Fragebogen, mit dem man sich selber testen kann, den sog CAGE-Test. Er besteht aus vier Fragen: Haben Sie jemals daran gedacht, weniger zu trinken? Ärgert Sie die Kritik Ihrer Umgebung wegen Ihres Alkoholkonsums? Empfinden Sie Schuldgefühle aufgrund Ihres Trinkverhaltens? Brauchen Sie morgens nach dem Aufwachen Alkohol, um leistungsfähig zu werden? Beantwortet man nur eine Frage mit „ja“, hat man eine 62-prozentige, bei vier bejahten Fragen eine 99-prozentige Wahrscheinlichkeit, eine Alkoholabhängigkeit zu haben.

Warum ist es so schwer, wieder vom Alkohol loszukommen?

Polak: Bestimmte tiefe Regionen des Gehirns – das Belohnungssystem – senden auf Umweltreize wie Alkohol einen Botenstoff an andere Regionen aus, die dann das Verlangen nach diesen Umweltreizen auslösen, und diese Menge Botenstoff ist bei manchen Menschen größer als bei anderen. Das ist eine Frage der Veranlagung. Diese Menschen sind diejenigen, die besonders gefährdet sind, vom Alkohol abhängig zu werden und kommen, wenn sich die Abhängigkeit einmal ausgebildet hat, nur schwer wieder davon los.

Haben diese Menschen dann überhaupt eine Chance, die Sucht zu besiegen?

Polak: Ja, denn das heißt nicht, dass man nicht mehr vom Alkohol loskommen kann. Es bedeutet aber, dass es nicht – wie man früher dachte – reicht, einfach keinen Alkohol mehr zu trinken, sondern man weiß heute, dass es wichtig ist, das Leben so zu gestalten, dass das Belohnungssystem auf andere, gesündere Art und Weise aktiviert wird. Dies wird in modernen Therapien entsprechend berücksichtigt.

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