KITZINGEN

„Das Problem ist hausgemacht“

Rotary-Präsident Prof. Dr. Tino Schwarz kämpft für ein besseres Image von Impfungen. Deshalb hat er das Thema Impfen in den Mittelpunkt der Neujahres-Matinee gerückt.
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Impfung Kinderarzt
Beim Impfen ist Deutschland für Professor Schwarz ein Entwicklungsland.
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Kitzingen/Würzburg Deutschland ist ein hoch entwickeltes Land. In einem Punkt herrscht allerdings großer Nachholbedarf. „Was die Impfungen betrifft, liegen wir europaweit gesehen im unteren Drittel“, sagt Professor Dr. Tino Schwarz. Als diesjähriger Präsident des Rotary Clubs Kitzingen hat er das Thema Impfen deshalb in den Mittelpunkt der Neujahres-Matinee gerückt.

Das Impfen genießt hierzulande nicht gerade den besten Ruf.

Tino Schwarz: Leider.

Woran liegt das?

Schwarz: Schwer zu sagen. Womöglich an den Pocken-Impfungen, die tatsächlich mit einer hohen Nebenwirkungsproblematik behaftet waren. Das ist allerdings schon Jahrzehnte her. Die Verunsicherung von damals hat sich aber wahrscheinlich fest in den Köpfen verankert. Dabei sind diese Pocken-Impfstoffe längst nicht mehr zugelassen.

Die Forschung ist vorangeschritten.

Schwarz: Die Forschung und die Praxis. Impfen ist für mich die optimale Gesundheitsvorsorge. Es gibt nichts Besseres.

Nicht jeder denkt so.

Schwarz: Das ist richtig. Die absoluten Impfgegner machen in Deutschland etwa vier bis fünf Prozent der Bevölkerung aus. Das ist aus gesundheitlicher Sicht nicht schlimm. Diese fünf Prozent werden durch die anderen 95 Prozent über die Herdenimmunität mit abgedeckt.

Dann ist doch alles in bester Ordnung.

Schwarz: Leider nicht. Es gibt auch eine wachsende Zahl an Skeptikern. Denken Sie nur an die Impfung gegen die Masern.

Da ist die Quote doch gut.

Schwarz: Nur bei der ersten Impfung. Die zweite Masern-Impfung wird jedoch nur bei knapp 90 Prozent der Kinder durchgeführt. Das macht mir Sorgen. Die Masern gelten weltweit als ein Indikator für das Funktionieren eines Impfsystems. Wir hatten 2015 rund 2500 Fälle an Masern in Deutschland, im letzten Jahr noch 920. Viel zu viele.

Warum sind Masern so gefährlich?

Schwarz: Weil ich andere, geschwächte Menschen anstecken kann. Denken Sie an den Fall in der Berliner Charite. Ein Arzt hat ein Neugeborenes einer nicht Masern geimpften Mutter angesteckt. Das Kind ist verstorben.

Das heißt: Alle Ärzte und Krankenschwestern sollten auf jeden Fall geimpft sein?

Schwarz: In der Schweiz ist das so. In deutschen Krankenhäusern darf der Arbeitgeber den Impfstatus jedes Mitarbeiters erfassen. Gegebenenfalls wird ein Mitarbeiter in bestimmten Bereichen nicht eingesetzt. Außerdem kann verlangt werden, in bestimmten Stationen einen Mundschutz zu tragen, wenn der Mitarbeiter über keinen Impfschutz verfügt.

Sie haben von Verweigerern und Skeptikern gesprochen. Wie lassen sich Letztere überzeugen?

Schwarz: Durch eine andere Form der Kommunikation. Es fehlt die Gesundheitserziehung in den Schulen. Es fehlt vor allem der politische Wille, Impfungen durchzusetzen. In Großbritannien sind sie staatlich organisiert. Italien, Frankreich und Australien haben eine Impflicht für Kinder eingeführt.

Wo funktioniert die Impfung deutschlandweit am besten?

Schwarz: Die höchsten Impfraten zeigen sich in den neuen Bundesländern. Bayern rangiert ganz im unteren Drittel. Interessante Ansätze gibt es in Bremen. Dort gibt es jetzt Schulimpfungen gegen Gebärmutterhalskrebs. In Hessen läuft derzeit ein ähnliches Schul-Pilotprojekt.

Gegen wie viele Erreger kann man derzeit impfen? Wie viele Impfstoffe gibt es?

Schwarz: 23. Und die würde ich alle empfehlen.

Auch den neuesten, gegen Gürtelrose.

Schwarz: Aber sicher. Es geht ja nicht um diese Krankheit alleine. Wer eine Gürtelrose hat, bei dem steigt das Risiko für einen Schlaganfall oder Herzinfarkt beträchtlich. Im letzten Jahr gab es in Deutschland rund 400 000 Fälle von Gürtelrose. Mit einer Impfung könnten zirka 97 Prozent dieser Fälle verhindert werden.

Verstehen Sie die Skeptiker, die vor gesundheitlichen Risiken warnen?

Schwarz: Nein, weil Nebenwirkungen wie lokale Reaktionen an der Einstichstelle oder leichtes Unwohlsein harmlos und vorübergehend sind. Für schwerwiegende gesundheitliche Folgen gibt es keine nachweisbaren statistisch relevanten Belege. Außerdem gefährde ich durch diese Einstellung die Gesundheit und eventuell sogar das Leben anderer. Siehe die Masern.

Und die Kosten?

Schwarz: Auf Dauer gesehen ist Impfen für eine Gesellschaft immer kosteneffizient. Das Gesundheitswesen spart an allen Impfungen. Jede Nachversorgung ist für eine Gesellschaft teurer als eine Prophylaxe. 10 bis 30 Prozent derjenigen, die an einer Gürtelrose erkrankt sind, benötigen in der Regel danach eine teure Schmerztherapie und erleben Einbußen der Lebensqualität.

Also früh genug anfangen.

Schwarz: Sicher. Bis zum Alter von zehn Jahren erreichen wir einen Großteil der Kinder für Impfungen durch den Kinderarzt. Bei den Zehn- bis Zwölfjährigen nimmt die Rate auf rund 30 Prozent ab. 14- bis 16-Jährige werden vom Kinderarzt nur noch selten gesehen. Da in dieser Altersklasse wenig Erkrankungen auftreten, kann der Hausarzt nur einen Teil dieser Jugendlichen in der Vorsorge betreuen. Wenn der jeweilige Hausarzt nicht selbst hinter einer Impfung steht, werden seine Patienten sie auch nicht einfordern. Bestes Beispiel hierfür ist die erschreckend niedrige Impfquote gegen Gebärmutterhalskrebs bei 14-jährigen Mädchen, die nur etwa 40 Prozent beträgt.

Deutschland ist also so etwas wie ein Impf-Entwicklungsland?

Schwarz: Diese Aussage ist tatsächlich nicht übertrieben. Selbst Ruanda oder Malaysia haben eine höhere Durchimpfungsrate bei Gebärmutterhalskrebs als wir. Am besten schneidet Portugal mit 95 Prozent ab. Dort impfen neben Ärzten auch die Apotheker.

Ein System, das auf uns übertragbar ist?

Schwarz: Ich denke nicht. Genauso wenig wie die Grippe-Impfungen in den USA. Die finden in Supermärkten statt. Bei uns ist das gesamte Impfwesen viel zu komplex organisiert.

Ein politisches Thema?

Schwarz: Sicher. Die Landesministerien setzen die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission als öffentliche Impfempfehlungen um, der gemeinsame Bundesausschuss legt über die Schutzimpfungsrichtlinie die Grundlagen für die Impfvereinbarungen mit den Kassenärztlichen Vereinigungen fest. Es gibt keine einheitlichen Regelungen. Schulimpfungen kommen in diesem System nicht vor, obwohl sie als die beste Methode gelten, Kinder und Jugendliche zu erreichen. Das Problem ist hausgemacht.

Info: Die Matinee des Rotary Clubs findet am Sonntag, 21. Januar, ab 11 Uhr in der Alten Synagoge statt. Die Veranstaltung ist öffentlich. Dr. Gunther Gosch aus Magdeburg spricht über den gesellschaftlichen Umgang mit Impfungen.

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