RÜDENHAUSEN

Alles nur Protest?

In Rüdenhausen rätselt man immer noch über das hohe AfD-Wahlergebnis
Artikel einbetten Artikel drucken
Hochburg der AfD-Wähler im Landkreis Kitzingen: Rüdenhausen. Im Rathaus wurden die Stimmen ausgezählt.

Auch zweieinhalb Wochen später gibt es keine Erklärung. Nur Vermutungen. In Rüdenhausen rätselt man nach wie vor: Warum konnte die AfD ausgerechnet hier ihr bestes Ergebnis in ganz Unterfranken einfahren?

20,7 Prozent der Zweitstimmen – oder in Zahlen: 113 Wähler. „Natürlich wird an Stammtischen oder in der Familie darüber geredet“, sagt Reinhold Feth, der für den VdK tätig ist und sich auch in der Flüchtlingsarbeit engagiert. Die hohe Zahl an AfD-Wählern kann er nicht erklären. „Das ist schon rätselhaft.“ Zwar gebe es eine Clique „im besten Mannesalter“, die er dem rechten Spektrum zurechnen würde – und ein paar ältere Sympathisanten der rechten Parteien. „Aber warum es mehr als 20 Prozent wurden, kann keiner beantworten.“

„Es hat in diesem Jahr viele Frustwähler gegeben.“
Gerhard Ackermann, Bürgermeister

Auch Karl Graf zu Castell-Rüdenhausen nicht. Schon früher habe es in Rüdenhausen ein paar NPD-Wähler gegeben, erinnert er. Vermutlich habe die AFD auch ein paar Stimmen bei den Russland-Deutschen gewinnen können, wo die Partei erwiesener Maßen massiv Werbung für sich betrieben hatte. Aber mehr als 100 Wähler in der rund 860 Einwohner zählenden Gemeinde? Castell-Rüdenhausen, der einen Weinkeller im Ort betreibt, mag angesichts dieser Zahl nur hoffen, dass es sich um eine große Zahl von Protestwählern gehandelt hat. Leute, die mit den etablierten Parteien eben nicht mehr zufrieden waren.

Im Ort sei das Wahlergebnis natürlich ein Thema gewesen, er werde aber noch öfter von Auswärtigen darauf angesprochen. Die Reaktionen seien unterschiedlich. „Manche mokieren sich, andere sind amüsiert.“ Dabei sei die Zahl der überzeugten Rechts-Wähler im Ort nach seinem Dafürhalten sehr gering. „Wir haben ja auch keine AfD-Ortsgruppe oder so was.“

Darauf verweist auch der Vorsitzende des TSV Rüdenhausen, Norbert Bergmann. Seine These: Die Wahl war reiner Protest. „Wir waren ja immer eine Hochburg der CSU“, erinnert er. „Die Leute wollten einfach mal ihre Unzufriedenheit mit deren Politik ausdrücken.“ Bergmann, der selbst 18 Jahre im Gemeinderat saß, ist deshalb überzeugt davon, dass schon die nächste Landtagswahl 2018 wieder ein anderes Ergebnis zutage fördern wird. Von den 20,7 Prozent in diesem Jahr war er aber schon „negativ überrascht“. Sein Eindruck: Jeder im Ort war davon irritiert.

Bürgermeister Gerhard Ackermann (Freie Wähler) ging das nicht anders. Schon beim Auszählen der Stimmen seien alle Beteiligten „sichtlich überrascht“ gewesen. Eine Proteststimmung im Vorfeld habe er weder auf der Straße noch in Vereinen oder an Stammtischen festgestellt. Rüdenhausen sei weder ein sozialer Brennpunkt noch ein Stützpunkt für rechte Gruppierungen. Gleichwohl kann er sich das Ergebnis auch zwei Wochen nach der Wahl nicht wirklich erklären. Ackermann betont gegenüber dieser Zeitung, dass er das Ergebnis keinesfalls den Russland-Deutschen im Ort zurechnet. „Ich kann doch gar nicht wissen, was die gewählt haben.“

„Vielleicht wollten die Wähler der CSU eins auswischen“
Christa Schneider, Fraktionsvorsitzende

Eines ist für ihn jedenfalls klar: In Rüdenhausen hat es in diesem Jahr viele Frustwähler gegeben. „Die wollten den großen Parteien halt einen Denkzettel verpassen.“ Entsprechend liege es jetzt auch an den großen Parteien, ihre Programmpunkte durchzuziehen und ihre Ankündigungen wahr zu machen. Dann sollte sich schon bei der nächsten Wahl eine Trendwende abzeichnen. „Zumal die AfD ja keine konkreten Vorschläge hat, sondern nur bemängelt, was nicht gut läuft.“

„Vielleicht wollten die Wähler der CSU eins auswischen“, vermutet deren Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat, Christa Schneider. Sie ist nicht nur sehr enttäuscht vom Ergebnis, sondern blickt auch wenig optimistisch in die Zukunft. „Wir waren mal eine starke CSU“, erinnert sie. Mittlerweile sind allerdings nur noch rund 25 Mitglieder übrig geblieben – die meisten älteren Semesters. „Von den jungen Leuten kommt niemand nach“, bedauert sie. Parteien wie der AfD spiele das in die Karten.

Die jungen Leute in Rüdenhausen sind unter anderem in der Burschenschaft organisiert. 120 offizielle Mitglieder hat sie, etwa 50 sind laut ihrem Vorsitzenden Patrick Stadler aktiv bei der Sache. Eine Zusammenkunft hat es seit der Wahl noch nicht gegeben, doch in seinem Freundeskreis sei man von dem Wahlergebnis geschockt gewesen. „Wir waren uns im Vorfeld einig, dass die alteingesessenen Parteien nicht so gut abschneiden werden“, sagt er. „Aber dass die AfD so viele Stimmen auf sich vereint, hätten wir nicht gedacht.“

„Wir müssen unsere Meinung auch weiterhin äußern. Auch gegenüber den Festgefahrenen.“
Reinhold Feth, VdK-Vorsitzender

Dennoch: Karl Graf zu Castell-Rüdenhausen sieht positiv in die Zukunft. „Alles nicht so tragisch“, meint er. Die Protestwähler hätten jetzt ihren Unmut kund getan. Überzeugte AfD-Sympathisanten gebe es in Rüdenhausen deshalb auch nicht mehr als anderswo. Reinhold Feth mahnt dennoch zur Achtsamkeit. Die tatkräftige Unterstützung vieler Rüdenhäuser für die Flüchtlinge habe nicht jedem im Ort gepasst. Selbst als einige Asylbewerber mithalfen, die Gemeindescheune zu decken oder dabei halfen, einen Bankraub zu verhindern, seien auch nicht alle Leute im Ort begeistert gewesen. „Wir müssen unsere Meinung deshalb auch weiterhin äußern“, fordert er. „Auch gegenüber den Festgefahrenen.“ Sonst bestehe die Gefahr, dass das Ergebnis von 20,7 Prozent beim nächsten Mal wieder erreicht – oder sogar noch mal getoppt wird.

Verwandte Artikel
1 Kommentar
Sie sind nicht angemeldet.
Sie müssen angemeldet sein, um Kommentieren zu können!
registrieren