WIESENBRONN

Zurück zur Natur

Weinstein – um Himmels willen! Um Ausflockungen in ihrem Rebensaft zu vermeiden, verwenden viele Winzer Weinsteinblocker, etwa Metaweinsäure (E 353). Paul Steinberger aus Wiesenbronn hält von solchen Mitteln nichts. Der 49-jährige Weinhandelsküfer und Weinbauer hat sich dem „alten Weinwissen“ verschrieben.
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Reifegrade einer Weintraube: Von der weißen Blüte bis zu prallen, grüngelben Traube vergehen im Weinberg etwa drei Monate. Um das Lesegut zu optimieren, schneiden die Steinbergers immer wieder spät- oder fehlentwickelte Beeren aus.
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Weinstein – um Himmels willen! Um Ausflockungen in ihrem Rebensaft zu vermeiden, verwenden viele Winzer Weinsteinblocker, etwa Metaweinsäure (E 353). Paul Steinberger aus Wiesenbronn hält von solchen Mitteln nichts. Der 49-jährige Weinhandelsküfer und Weinbauer hat sich dem „alten Weinwissen“ verschrieben.

Er baut seine elf Weine traditionell aus. Sein Sohn, der 22-jährige Weinbautechniker Michael Steinberger, teilt die „Zurück zur Natur“-Philosophie. Gemeinsam haben die beiden im vergangenen Jahr den ersten veganen Wein im Raum Kitzingen abgefüllt.

Paul Steinberger ist kein verbissener Weltverbesserer. Er ernährt sich selbst auch nicht vegan – „Ich mag schon gern mal ein gutes Stück Fleisch“. Wer ihn in seiner rustikalen Häckerstube besucht, merkt schnell: Der Mann hat Humor. Und noch mehr Energie. Wenn er von seinen Weinen erzählt, ist er vor Leidenschaft kaum zu bremsen. Er ist ein Naturfreund, der sich eigene Gedanken macht und sich nicht beirren lässt. Wo andere chemisch hergestellte Düngemittel ausbringen, verteilt er Kuhmist in den Wengertszeilen. „Mir ist es egal, wie die Leute schauen.“

„Ich will aus dem

Weinausbau kein

Geheimnis machen.“

Paul Steinberger

„Früher war Weinstein kein Problem“, blickt Steinberger zurück in die Zeit, in der sein Großvater mit dem Weinbau begann. Erst im „Chemiezeitalter“ seien die Ablagerungen plötzlich als unästhetisch empfunden und bekämpft worden. „Dabei ist Weinstein nur ein Überschuss an Mineralien. Also eigentlich ein Zeichen für gute Weinqualität.“

Mit dieser Erkenntnis im Kopf, beschloss Paul Steinberger vor einigen Jahren, keine Weinsteinblocker und – außer einer milden, traditionellen Schwefelung – auch keine Konservierungsstoffe mehr zu verwenden.

Stattdessen fertigte er eine Papierkrawatte für die Flaschen an. Darauf wird erklärt, wie die „Edelsteine im Wein“ entstehen und dass man sie durch vorsichtiges Ausgießen in der Flasche zurücklassen kann. „Ich will offen sein und aufklären, statt aus dem Weinausbau ein nebulöses Geheimnis zu machen“, beschreibt Steinberger seine Ideologie, die manch anderen Winzer durchaus irritiert.

Diabetiker und Allergiker aber danken ihm diese Offenheit als treue Kunden. Als Steinberger ihnen zuliebe den Restzuckergehalt und die Gesamtsäure auf dem Etikett angeben wollte, „musste ich den Grund dafür erst lang und breit erklären, ehe ich die behördliche Erlaubnis zum Aufdruck bekam“. Mit dem Zusatz „vegan“ war es noch schwerer. Schon zum Klären des 2014er Jahrgangs verwendete die Familie keine tierischen Produkte wie Gelatine oder Eiweiß. Doch erst heuer im April kam das amtliche Schreiben, dass „vegan“ auf die Flasche gedruckt werden darf.

Warum sind denn nicht alle Weine generell vegan? Paul Steinberger zuckt mit den Achseln. „Der vegane Ausbau ist auf jeden Fall nicht wesentlich teurer als der konventionelle. Gereinigte Kartoffelstärke, die wir zum Klären verwenden, kostet nur wenig mehr als etwa Gelatine.“ Der Arbeitsprozess ändert sich gar nicht. „Zum Flottieren, also Ausfiltern der Trüb- und Schwebstoffe, gibt man statt Gelatine eben das weiße Kartoffelstärkepulver in den Most. Es bindet Traubenhautreste an sich und wird dann abgeseiht.“

Längst haben die Steinbergers auch gängigen Mitteln zur Weinschönung abgeschworen. Sorbin- und Ascorbinsäure – Letztere wirkt Altersnoten im Wein entgegen – oder Gummi arabicum – „der Emulgator wird heute in vielen Weinen verwendet“ – kommen ihnen nicht in den Tank. „Wir stehen dazu, wie sich der Jahrgang unter den jeweiligen Witterungseinflüssen entwickelt“, betont Michael Steinberger. „Ob positiv oder negativ.“

„Wir stehen dazu,

wie der Jahrgang

sich entwickelt.“

Michael Steinberger

Statt den Rebensaft im Tank zu verändern, setzen die Steinbergers auf gute Vorarbeit im Wengert. Pauls Ehefrau Heike packt hier kräftig mit an. „Man muss die Natur genau beobachten. Letztes Jahr haben wir die Trauben vorgelesen und überhaupt sehr bald gelesen, bevor die Kirschessigfliege Unheil angerichtet hat.“

Nur eine gesunde Traube und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Blattwerk und Träubeln ergeben einen gesunden, stabilen Wein. Und darauf komme es an. Die Oechslegrade sind der Familie zweitrangig. „Wir wollen einen gesunden Trinkwein für jedermann anbieten, keine ausgefallenen Produkte für Reiche.“

Ganz ohne Spritzmittel geht es auch beim naturnahen Ausbau nicht, gibt Paul Steinberger zu. „Aber wir verwenden die mildesten Mittel.“ Die Beikräuter am Boden werden mit einem Stockräumer entfernt, der die Rebstöcke umkreist und die Erde lockert. Dass das Familienunternehmen auf althergebrachte Düngemittel setzt, ist unübersehbar: Am Geißberg liegt ein riesiger Misthaufen neben dem Wengert. „Zum Glück gibt es im Ort noch den Landwirt Georg Steinmann, der richtigen Kuhmist liefert“, freut sich Paul Steinberger. „Solche Qualität findet man kaum noch!“

Noch ist der Weinbau bei den Steinbergers eine Nebenerwerbstätigkeit. Nächstes Jahr jedoch will Paul Steinberger nichts anderes mehr machen. „Ich hätte nie gedacht, wie viele Veganer es gibt!“ Mehrere Hektar Rebfläche naturnah zu pflegen und veganen Wein herzustellen, ist ein Vollzeitjob – speziell dann, wenn man lieber 50 Jahre alte Silvaner-Stöcke aufpäppelt als einen Weinberg neu anzulegen. „Die Mühe hat sich gelohnt“, findet Michael Steinberger. „Die alten Stöcke haben viel tiefere Wurzeln als junge – bei der Trockenheit heuer ein Segen.“

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