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Zurück ins Leben

Eines will er auf keinen Fall sein: ein Opfer. „Ich sehe mich als Überlebender“, sagt Alexander Bothe. Zusammen mit seiner Frau will er eine Interessensgemeinschaft (IG) für Angehörige und Betroffene von psychischen Erkrankungen gründen. Eine erste Infoveranstaltung ist am kommenden Freitag, 6. Februar, in Volkach.
Den Weg zurück ins Leben finden: Nach einer schweren psychischen Erkrankung kein leichtes Unterfangen.
 

Eines will er auf keinen Fall sein: ein Opfer. „Ich sehe mich als Überlebender“, sagt Alexander Bothe. Zusammen mit seiner Frau will er eine Interessensgemeinschaft (IG) für Angehörige und Betroffene von psychischen Erkrankungen gründen. Eine erste Infoveranstaltung ist am kommenden Freitag, 6. Februar, in Volkach.

„Der Weg – zurück ins Leben.“ So nennt sich die IG, aus der später eine Selbsthilfegruppe erwachsen könnte. „Wir wollen erstmal sehen, wie viele Menschen tatsächlich zur Auftaktveranstaltung kommen“, sagt Bothe. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, den ersten Schritt zu gehen, um den Weg zurück ins Leben zu finden.

Der 36-Jährige wollte sich vor fünf Jahren das Leben nehmen. „Es war alles zu viel“, sagt er. Was er damals nicht wusste: Bothe leidet gleich an drei psychischen Erkrankungen: Depression, posttraumatische Belastungsstörung, dissoziative Störungen. Die Ursache liegt weit zurück. An seine Kindheit erinnert sich Bothe nicht gerne. Lange hat er das Erlebte verdrängt.

Die Mutter gibt ihn kurz nach der Geburt zur Adoption frei, den leiblichen Vater lernt er nie kennen. Bei seinen Stiefeltern wird er missbraucht. „Körperlich und seelisch“, wie er sagt. Mit elf Jahren kommt er ins Erich-Kästner-Dorf in Oberschwarzach. Bothe kann sich auch heute noch genau an das Datum erinnern: 20. September 1989, 9 Uhr. Und an das Gefühl, das sich in ihm ausbreitete: „Es war wie eine Befreiung.“

Jahre des Glücks und der Normalität folgten. Schulabschluss, ein paar gescheiterte und eine erfolgreiche Lehre. „Im Kinderdorf war meine beste Zeit“, sagt er. Seine Erlebnisse und Erfahrungen von vorher hat er verdrängt. „Ich habe mir gedacht, das wird schon alles seine Richtigkeit gehabt haben“, erinnert er sich. „Ich habe die Schuld eher bei mir gesehen, als bei meinen Stiefeltern.“

Die Vergangenheit lässt sich verdrängen, aber nicht vergessen. Alexander Bothe heiratet, führt nach außen hin ein normales Leben. „In Wirklichkeit habe ich mich versteckt“, sagt er. Seine freien Stunden hat er vor dem PC verbracht, mit seiner Frau hat er oft gestritten. „Ich habe mich unnötig aufgeregt, war aufbrausend“, sagt er. Gleichzeitig ist er zusammengezuckt, wenn ihm jemand von hinten auf die Schulter tippte. Seine Kinder konnte er nicht baden. Heute ist ihm klar, warum.

Im Internet-Radio findet Bothe Zuflucht. Er moderiert Sendungen und diskutiert eifrig mit. Von sich aus regt er das Thema „Missbrauch und häusliche Gewalt“ an. „Da ist mir manches klar geworden“, sagt er. Ein Anfang war gemacht, doch der Weg führte zunächst fast ins Grab.

„Wir können und wollen ganz praktische Hilfestellungen geben.“
Alexander Bothe Gründer Interessengemeinschaft

Am 10. April 2010 schneidet sich Alexander Bothe die Pulsadern auf. Er überlebt, wird 28 Tage im Bezirkskrankenhaus Werneck abgeschottet. Kriseninterventionsstation. Die Familie steht auf einmal ohne den Ernährer da. Annika Bothe meistert die Situation. „Man funktioniert“, erklärt sie. Zwei kleine Kinder versorgen, Gespräche mit dem Arbeitgeber ihres Mannes, mit dem Arbeitsamt, mit Ärzten und der Krankenkasse. Und dazu die Fragen aus dem eigenen Umfeld und von den Nachbarn: Warum kommt Papa nicht heim? Wo ist Ihr Mann? Annika Bothe hat in dieser Zeit mehr als funktioniert. Und die Herausforderungen sollten nicht weniger werden.

Nach 28 Tagen im Bezirkskrankenhaus beginnt die Suche nach einem Therapeuten. Ohne ein Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Psychologen sinken die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung gegen Null. Alexander Bothe muss erst lange auf einen Termin warten, nach ein paar Sitzungen merkt er dann, dass die Chemie nicht stimmt.

Die Suche geht weiter, auf eine parallel beantragte Reha muss er lange warten. Bothe wird selbst aktiv. Er beschließt, noch mal ins Bezirkskrankenhaus zu gehen. Dieses Mal für zehn Wochen, stationär. „Das war der Durchbruch“, sagt er heute. Jeden Tag hat er Gespräche mit Therapeuten, auch seine Frau ist zu einem Paargespräch geladen. Nach zehn Wochen sieht Bothe Licht am Ende des Weges. Er hat eine umfassende Diagnose, weiß, wie es um ihn steht.

Zwei Jahre liegen zwischen dem Selbstmordversuch und dem zweiten Aufenthalt im Bezirkskrankenhaus. Ein langer Weg. Alexander und Annika Bothe sind ihn gegangen. Andere trauen sich nicht, stolpern oder stürzen. Manche stehen nicht mehr auf. „Es gibt viele, denen es ähnlich geht“, sagt Annika Bothe. Die Zahlen geben ihr recht. Laut einer Studie des Robert Koch-Instituts sind zirka ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland im Laufe eines Jahres von einer psychischen Störung betroffen. Etwa acht Prozent der Erwachsenen weisen eine ärztlich diagnostizierte Depressionen auf, 9045 Menschen wurden im Jahr 2013 alleine in Bayern aufgrund einer psychischen Störung frühberentet.

Allen Betroffenen und Angehörigen wollen die Bothes helfen. Durch Informationen, ein offenes Ohr, ein funktionierendes Netzwerk. Die beiden haben Daten gesammelt, Adressen von Ärzten, Neurologen, Psychologen. Sie wissen, welche Anträge für eine Reha nötig sind und was die Krankenkasse fordert. „Wir können und wollen ganz praktische Hilfestellungen geben“, erklärt Alexander Bothe. Und gleichzeitig eine Plattform für einen lebendigen und vertrauensvollen Austausch bieten. „Es redet sich einfach leichter von Betroffenem zu Betroffenem“, weiß er. Und von Angehörigem zu Angehörigem.

Eine Teilnahme an der IG ist nicht nur freiwillig, sondern auch kostenlos. Wer die Initiative fördern will, der kann dies durch Sachspenden (Druckerpapier, Briefumschläge etc.) oder einen finanziellen Beitrag tun. Annika und Alexander Bothe geht es um eine ganz pragmatische Hilfestellung: Sie wollen Betroffenen und ihren Angehörigen den schweren Weg zurück zumindest ein wenig leichter machen.

Kontakt und Termin

Die Infoveranstaltung findet am Freitag, 6. Februar, um 19.30 Uhr im BRK-Heim in Volkach, Gaibacher Straße 11, statt. Kontakt: Alexander und Annika Bothe, Tel. (0 93 81) 71 74 01 (Montag bis Samstag, 19 bis 20.30 Uhr). E-Mail: info@dieser-weg-zurueck.de; Livechat auf der Homepage freitags von 11 bis 12.30 Uhr und 19 bis 20.30 Uhr.



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