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Interview

Würzburger Experte sieht Libyen auf gutem Weg

Am Mitttwoch übergab der libysche Übergangsrat die Macht an den Nationalkongress. Der Würzburger Libyen-Kenner Konrad Schliephake sieht Libyen auf einem guten Weg.
Konrad  Schliephake
 
Einen Teil seiner Kindheit verbrachte Konrad Schliephake in Ägypten. Der gebürtige Würzburger spricht Arabisch und kennt die Länder Nordafrikas bestens - unter anderem hat der emeritierte Würzburger Dozent in Saudi-Arabien gearbeitet. Libyen ist einer seiner Schwerpunkte.

Eine neue Verfassung, innenpolitische Reformen, eine neue Wirtschaftsordnung - Libyen hat Einiges vor. Dabei ist noch nicht einmal die Sicherheit in allen Regionen wiederhergestellt. Was muss der Nationalkongress jetzt angehen?
Konrad Schliephake: Vieles! Aber zuerst muss die Teilung des Landes überwunden werden: Im Osten liegt die Großprovinz Cyrenaika, Tripolitanien im Nordwesten und Fezzan im Südwesten. Gerade im Osten, in der Gegend um Bengasi, gab es schon vor dem Bürgerkrieg starke separatistische Kräfte. Sie sehen Ostlibyen als eigene Einheit mit dem größten Teil der Erdölreserven und dem Ausgangspunkt des Gaddafi-Widerstands. Erste Aufgabe ist, dass die Belange dieser Region gewahrt werden, es aber keine Abspaltung gibt.

Wie stehen die verschiedenen Parteien dazu?
Aktuell gibt es ja zwei große Gruppen: das eher säkulare Parteienbündnis der "Allianz der Nationalen Kräfte" und die "Partei für Gerechtigkeit und Aufbau", die der Muslimbruderschaft nahesteht. Beide gehen davon aus, dass es keinen föderativen Staat geben wird, sondern eine Einheit. Ein Diktator würde den Nationalkongress aber nur als "Quasselclub" bezeichnen. Ihm fehlen die Durchgriffsmöglichkeiten, zum Beispiel auf bewaffnete regionale Gruppen. Unter anderem muss er die Milizen entwaffnen.

Und das Wirtschaftskonzept?
So'n Erdölstaat ist ganz anders organisiert als ein demokratischer Industriestaat wie unserer. Er muss die Erdölrente von der Staatsspitze her möglichst gerecht verteilen, damit die Bürger zufrieden sind. Mehr als die Hälfte der libyschen Beschäftigten arbeiten im öffentlichen Dienst. Viele Betriebe müssen Schritt für Schritt privatisiert werden. Die einfachen Tätigkeiten machen sowieso Gastarbeiter - mehr als eine Million Ausländer sind während des Bürgerkriegs geflohen, aber sie kommen nach und nach zurück. Libyen ist ein reiches Land mit kostenlosem Gesundheits- und Rentensystem. Niemand greift dem Bürger in die Taschen: Es gibt keine Steuern. Unter Gaddafi lief die Verteilung entlang Familien- und Clanstrukturen. Eine gerechte Regierung wird versuchen, alles gleichgewichtiger zu verteilen. Die Stammesstrukturen wird man aber nie ganz beseitigen. Sie werden sich ein wenig abmildern, wenn es mehr Demokratie und mehr Transparenz gibt. In einem demokratischeren Staat mit freier Presse wird sich nicht jeder heimlich und ungerechtfertigt aus den Töpfen des Staates bedienen.

Im Nationalkongress sind 33 Frauen, das liberale Parteienbündnis ist die stärkste Kraft. Die Partei der Muslimbrüder spielt keine dominierende Rolle. Was ist in Libyen anders als in Tunesien und Ägypten?
Es ist eben das wohlhabendste Land Afrikas. Die Erdöl-Förderung hat sogar während des Bürgerkrieges funktioniert. Wenn kontinuierlich Geld reinkommt, ist es leicht, jedem Bürger Gutes zu tun. In Ägypten war die Revolution mehr ein Verteilungskampf - in Libyen irgendwo zwar auch, aber die Töpfe waren voller. Außerdem ist der Libyer "als solcher" kein politischer Mensch. Es gibt keine politische
Tradition wie in Ägypten, wo es seit Anfang des 20. Jahrhunderts
immer Parteien gab und die Muslimbrüder seit den 1950er Jahren dazugehören. In ihrer moderaten Form sind die Muslimbrüder durchaus vergleichbar mit der CSU der Nachkriegszeit: eine Partei mit religiösen Werten.

Wie geht es mit de Demokratisierung des Landes jetzt weiter?
Einige werden gleich fragen: Hat es in einem arabischen Land je eine echte Demokratie gegeben? Darüber kann man streiten, aber es wird sicher so sein, dass nun nach einer Führungspersönlichkeit gesucht wird. Die islamische Staatslehre spricht von einem "gerechten Führer", dem die Volksmenge zustimmt. So eine ausgeglichene Persönlichkeit fehlt derzeit. Abdel-Rahim al-Keeb war als Regierungschef eine Übergangspersönlichkeit. Ich denke, dass jemand mit mehr Charisma die Macht übernehmen wird - mit dem Parlament als Gegengewicht. Libyen ist auf einem guten Weg. Das Land ist kein Problemfall.

Wie sehen die Libyer Europa, vor allem Deutschland?
Die Beziehungen sind eng, das Lieblings-Reiseziel der Libyer ist Rom. In Deutschland haben viele studiert, Deutschland hat einen guten Ruf. Jetzt wäre es wichtig, beispielsweise hier Studienplätze für junge Libyer an den Universitäten bereitzustellen. Der libysche Staat kann das bezahlen. Er braucht Hilfe beim Aufbau politischer Strukturen, beim weiteren Ausbau der Gesundheits- und Verkehrs-Infrastrukturen. Auch das können sie bezahlen. Libyen ist endlich mal ein Land, wo wir nicht die Taschen aufmachen müssen. Es braucht ideelle Hilfe, keine finanzielle.


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