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Wein

Scheurebe - eine Rebe mit fränkischen Wurzeln

100 Jahre ist die Scheurebe alt. 1916 gelang Georg Scheu in der Landesanstalt für Rebzüchtung in Alzey der große Wurf.
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Scheureben im fränkischen Hüttenheim. Die Trauben wachsen noch. Die Lese startet erst in der zweiten Septemberhälfte.  Foto: Lasse Basdorf
Scheureben im fränkischen Hüttenheim. Die Trauben wachsen noch. Die Lese startet erst in der zweiten Septemberhälfte. Foto: Lasse Basdorf
Eine Scheurebe - für Weintrinker war das bislang immer ein Synonym für eher fruchtige, liebliche Weine. Das muss nicht sein, wie ein Besuch bei zwei fränkischen Winzern in Iphofen und Hüttenheim eindrucksvoll belegte. Doch zuvor ein Blick in die Geschichte einer Rebsorte, die es erst seit 100 Jahren gibt. Wie kam überhaupt die Idee zu der neuen Rebzüchtung auf? Es war, wie so oft, eine Notgeburt. Kurz nach 1900 lag der Weinbau im Rheinhessischen darnieder. Die Reblauskrise und wirtschaftliche Verwerfungen machten den Winzern zu schaffen. Für Georg Scheu als Leiter der Rebenzüchtung in Alzey eine Herausforderung.

Sein Ziel: Die Züchtung einer ertragssicheren, ansprechenden und aromatischen Sorte. Das gelang Scheu mit dem 88. Sämling seiner Versuchsreihe. Eigentlich wollte Scheu eine Kreuzung aus Riesling und Silvaner zustande bringen. Und so steht es auch noch in den meisten Lehrbüchern zur Wein- und Rebenkunde. Inzwischen weiß man es besser. Die Kreuzungseltern Riesling und Silvaner hatten die Experten immer wieder mal zur Diskussion gestellt, die moderne Gentechnik lieferte im Jahr 2012 den Beweis. Bei der Züchtung war zwar Riesling beteiligt, die Mutterrolle hatte jedoch nicht der Silvaner, sondern die Bukettrebe eingenommen. Diese Rebe trägt fränkische Gene in sich. Sie ist die DNA-verbriefte Kreuzung der Silvaner- mit der Trollingerrebe. Verantwortlich dafür war ein Sebastian Englerth aus Randersacker, dem diese Züchtung im Jahr 1864 gelang.

Doch zurück zur Scheurebe. Oder besser der Rebsorte S 88 oder auch Sämling. In Österreich ist sie noch heute unter diesem Namen bekannt. Nach ihrem Schöpfer wird die Scheurebe in Deutschland erst seit 1955 bezeichnet. In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, da wurde die Rebe erstmals in größerem Umfang angebaut, hieß sie zunächst "Wagner-Rebe", benannt nach dem damals im Rheinhessischen zuständigen gleichnamigen Gauleiter der NSDAP. Der Name sollte schnell wieder in Vergessenheit geraten, die Rebe blieb.

Seit 1947 wird sie auch in Franken angebaut. Und sie erlebte in den 50er und 60er Jahren einen regelrechten Boom. Die exotische Aromatik und der Ausbau mit Restzucker entsprachen voll dem Geschmack der Zeit.
Bis trockene Weine mehr und mehr in Mode kamen und die Scheurebe zurückdrängten. Heute nimmt sie wieder ihren verdienten Platz in den fränkischen Weinbergen ein. Den Winzern dient sie als wertvolle Ergänzung des Weinangebots. Für den Weinfachberater des Bezirks Unterfranken, Hermann Mengler, kein Wunder. Weil, so der Weinexperte bei einer Besichtigungstour, die Scheurebe Lieferant für großartige Weine sei. Wobei gute Lagen notwendig seien, damit die Sorte auch glänzen könne.

In den Lagen um Iphofen und Hüttenheim ist das durchaus der Fall. Und die Verkostung überraschte immer wieder. Abhängig vom Boden, der Fachmann benutzt lieber das Wort "Terroir", entwickelt die Scheurebe ganz eigene Aromen. Da ist alles dabei, angefangen von Pfirsich, Zitrus, Limette, Johannisbeere bis hin zu Muskat, Lindenblüten und Pfefferminze - unglaublich. Da war selbst ein Kenner wie der unterfränkische Bezirkstagspräsident Erwin Dotzel (CSU) überrascht. "Also so eine trockene Scheurebe wie in Iphofen habe ich noch nirgendwo sonst angeboten bekommen," so der von der Qualität überraschte Politiker.


Weinexperte Mengler hatte dafür nur ein breites Grinsen übrig. Er weiß, was ein Gipskeuperboden mit einem entsprechend hohen Sulfatanteil in Kombination mit der Scheurebe für ein Aromenfeuerwerk entzünden kann. Und das auf der Basis trocken oder halbtrocken ausgebauter Weine. Kostproben auf zwei Weingütern in Iphofen und Hüttenheim bestätigten: Die Zeiten süßer Scheurebeweine sind, mit Ausnahme der Auslesen, vorbei.

Info: Rebsorten von A - Z

Acolon 1971 gelang in Weinsberg in Württemberg diese Neuzüchtung aus Lemberger und Dornfelder. Der kräftig-fruchtige Rotwein ist in Franken noch eine Rarität.

Bacchus Der fränkische Klassiker wurde 1933 in der Pfalz aus Silvaner, Riesling und Müller-Thurgau gezüchtet.

Burgunder In den besten Lagen Frankens gedeihen der Graue und der Weiße Burgunder.

Domina Dank Peter Morio erblickte 1927 auch dieser gehaltvolle Rotwein das Licht der Welt. Gekreuzt aus dem Blauen Portugieser und dem Spätburgunder.

Elbling Dieser Exot zählt zu den ältesten Rebsorten überhaupt, so alt, dass man die Herkunft nicht mehr exakt nachvollziehen kann. Vermutlich brachten bereits die Römer vor 2000 Jahren diesen Wein über die Alpen, der in Franken in wenigen alten Weinbergen (Gemischter Satz) überlebt hat.

Müller-Thurgau Der in Franken beliebte Alltagswein wurde tatsächlich von einem Herrn Müller im Schweizer Kanton Thurgau gezüchtet, und zwar bereits 1882 aus den Rebsorten Madeleine Royale und Riesling.

Riesling Für die edle Rebsorte sind in Franken die allerbesten Lagen reserviert.

Silvaner Der Frankenwein schlechthin stammt vermutlich aus der Alpenregion. Der erste Anbau in Franken erfolgte 1659 in Castell (Steigerwald),

Zweigelt Der in Österreich am weitesten verbreitete Rotwein führt in Franken ein Nischendasein. gf
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