KITZINGEN

(Raus)fliegende Teppiche

Der Aplawia e.V. macht diese Woche einen Qualitäts-Check und lockt mit Sonderaktionen unter anderem Teppichkäufer
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Teppiche aller Arten, Formen und Farben finden diese Woche im Sozialkaufhaus der Aplawia neue Besitzer. Auf die Aktion freut sich das Aplawia-Team Volker Lang, Emine Cetin, Olga Schmidt, Mona Sattler, Andrea Weigert, Mike Köhler, Patrick Hertel und Matthias Gurrath. DIANA FUCHS

Ramsch? „Nicht bei uns!“ Volker Lang, Geschäftsführer des Aplawia e.V. in Kitzingen, will Maßstäbe setzen – in Sachen Qualität. „Die ist in allen Branchen wichtig – auch und gerade im sozialen Bereich.“ Mit Mona Sattler und Matthias Gurrath hat Lang vor gut einem halben Jahr zwei Fachleute ins Aplawia-Team geholt, die für die soziale Betreuung und Organisation der Beschäftigten verantwortlich sind, aber auch Qualitätsmanagement betreiben. Die beiden 45-Jährigen haben einige neue Ideen.

Zunächst einmal befragen sie diese Woche die Kunden im Kitzinger Sozialkaufhaus, wie ihnen das Angebot gefällt und ob sie Verbesserungsvorschläge haben.

Kritik im Gespräch vorbringen

Möbel, Schmuck, Haushaltswaren, Kleidung, kuriose Einzelstücke: Wer zum ersten Mal durch das Haus am Lochweg 22 (Gewerbegebiet Schwarzacher Straße) bummelt, wird vom breit gefächerten Sortiment überrascht sein. Sobald die Besucher ausgiebig gestöbert haben, dürfen sie diese Woche bei einer Tasse Kaffee gern auch Kritik vorbringen – im direkten Gespräch mit Mitarbeitern. „Wir notieren uns alle Aspekte. Am Ende ziehen wir dann Bilanz und schauen, wo wir optimieren können“, erklärt Mona Sattler.

Auch Anregungen, die im Kundenbriefkasten (am Geschäftseingang) landen, werden einbezogen. „Unser großes Ziel ist es, dass die Kunden voll und ganz zufrieden sind. Deshalb haben wir nicht nur alle Kriterien für die europaweit gültige Qualitäts-Zertifizierung erfüllt, sondern wollen immer wieder quasi mit den Augen der Kunden auf uns schauen.“

Manche Menschen hätten noch immer falsche Vorstellungen von der Arbeit der Aplawia, meint Mona Sattler. 1984 von arbeitslosen jungen Menschen des Kitzinger Notwohngebiets als Selbsthilfegruppe gegründet, wurden zunächst Hilfstätigkeiten angeboten. Im Laufe der Zeit erschlossen die Verantwortlichen jedoch weitere Arbeitsfelder. Sie entwickelten den Verein Aplawia („Andere planen, wir arbeiten“) zu einem Träger moderner Sozialarbeit.

Als anerkannter Träger der freien Jugendhilfe ist es etwa erklärtes Ziel, Teilnehmer an Sozialmaßnahmen in den „ersten“ Arbeitsmarkt zu vermitteln. „Werte wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sind uns deshalb sehr wichtig“, sagt Matthias Gurrath.

Im Lochweg 22 hat die Aplawia einen großen Second-Hand-Laden eingerichtet. Hier wird allerhand Nützliches, Einzigartiges und auch Kurioses verkauft – vom geschliffenen Kristallglas bis zum gedrechselten Klavierhocker. Kunden sind längst nicht nur Bedürftige, sondern vor allem auch Menschen, die auf der Suche nach etwas Besonderem sind und die sozial und umweltschonend einkaufen wollen.

Auf Wirtschaftlichkeit achten

Die meisten Waren stammen aus Spenden oder Wohnungsauflösungen. „Wir müssen aber trotzdem auf die Wirtschaftlichkeit achten“, betont Mona Sattler. Ein Beispiel: „Wenn wir ein kleines Zweisitzersofa kostenlos aus einer weit entfernten Wohnung abholen sollen, dann können wir das nicht für zehn Euro verkaufen, sonst machen wir ja Verlust.“ Deshalb könne es vorkommen, dass die Aplawia angebotene Waren ablehne. „Wir meinen das nicht böse, wir müssen einfach auch rechnen – wie jedes Unternehmen. Aber normalerweise holen wir alles, was in gutem Zustand ist, kostenlos ab.“

„Da geht es nicht um Gewinnstreben“, betont Volker Lang. Aber der Aplawia e.V. finanziere sich zu 99 Prozent selbst. „Durch Dienstleistungen und Kaufhauseinnahmen werden die Löhne bezahlt und der Erhalt des Vereins sichergestellt.“

Neben der beruflichen Integration von Benachteiligten liege ein weiterer Schwerpunkt im Arbeitsfeld Recycling. „Der Umweltgedanke wird immer wichtiger. Wir führen deshalb nicht nur Müllsammelaktionen durch, sondern verwerten auch Gebrauchtes und verwenden es weiter.“

Was die Preise der Second-Hand-Waren angeht, sei das Kaufhauspersonal „immer zu Gesprächen bereit“, sagt Volker Lang, dem der Vorwurf, die Aplawia verlange für Gebrauchtes zu viel, sauer aufstößt. „Ganz ehrlich: Man kann bei uns gute Schnäppchen machen. Aber wer alles geschenkt bekommen will, ist bei uns an der falschen Adresse.“

Den Schnäppchen-Spaß aber wollen die neuen Qualitäts-Manager durchaus fördern. Mona Sattler und Matthias Gurrath haben zusammen mit den Beschäftigten viele Ideen entwickelt – nicht nur für Projekte im Sozialkaufhaus, sondern auch in Sachen Jugendsozialarbeit. Erstes Beispiel: Kommende Woche, ab 27. Februar, werden alle Teppiche zum halben Preis verkauft. Ebenfalls ab kommendem Montag darf jeder, der etwas erwirbt, einmal am Glücksrad drehen. „Bis zum 11. März gibt es Sachpreise zu gewinnen – oder einen Zusatzrabatt auf den Einkauf“, weckt Matthias Gurrath Vorfreude bei allen, die gerne mal risikolos zocken.

Außerdem hoffen Gurrath und Sattler, dass auch heuer wieder „Gaudi“ angesagt sein wird – „Gaudi“ steht für „Gartenbauprojekt des Aplawia e.V. und der Umweltstation Sommerhausen für Dich“.

Optimierung in allen Bereichen

„Gaudi“ wurde aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz gefördert und 2016 erstmals erprobt. In der Umweltstation des Sommerhäuser Tierparks durften benachteiligte junge Menschen unterschiedlicher Herkunft unter anderem einen Lehmbackofen, eine Kräuterspirale und ein Hochbeet bauen, bepflanzen und gemeinsam die Ernte verspeisen. Teamwork und ein respektvoller Umgang waren ebenso wichtig wie der Zugang zu einem umweltbewussten und nachhaltigen Lebensstil. „Wir haben uns heuer wieder beworben, denn bei solchen Aktionen sind wir auf Fördergelder angewiesen“, stellt Mona Sattler klar.

Unabhängig von der möglichen Projektförderung sind sich die beiden Qualitäts-Manager einig: „Die integrative Arbeit, die wir hier gemeinsam leisten, ist sehr wertvoll für die Region Kitzingen. Wir wollen allen bestmöglich unter die Arme greifen – egal, ob sie Sozialstunden abzuleisten haben, vom Job-Center kommen, Praktika oder eine Ausbildung machen oder als Bundesfreiwilligendienstler bei uns arbeiten.“ Kurz gesagt: Sattler und Gurrath sehen die Qualitätsoptimierung als Aufgabe, die alle Geschäftsfelder der Aplawia umfasst.

Info: Der Aplawia e.V. ist nicht nur stets auf der Suche nach Ehrenamtlichen, die sich engagieren wollen. Derzeit sucht der Verein, der in Kitzingen etwa 30 Personen beschäftigt, auch neue Mitarbeiter: Reinigungskräfte, Fahrer und einen Bufdi. Infos: www.aplawia.de

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