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Der Witz mit den niederen Instinkten

"Jeder hat schon mal über einen grenzwertigen Witz gelacht" - Was aber macht einen wirklich guten Witz aus?
Daniela Sandner und Hans Driesel sind sich einig: Für einen guten Witz braucht es hohe Erzählkunst, harte Arbeit und Talent zugleich.
 

Es gibt etwas, das uns Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheidet: das Lachen. Frisch geborene Babys können – außer schreien – noch fast nichts, aber mit ihrem Engelslachen verzaubern sie ihre gesamte Umgebung. Warum lachen wir eigentlich? Und worüber? Ist Lachen wirklich die beste Medizin? Daniela Sandner, Leiterin des Fastnacht-Museums Kitzingen, und dessen künstlerischer Leiter Hans Driesel, der 26 Jahre lang Sitzungspräsident der Schwarzen Elf Schweinfurt war und bei „Fastnacht in Franken“ auftrat, haben auf solche Fragen spannende Antworten.

Was zeichnet einen richtig guten Witz aus?

DRIESEL: Bei einem richtig guten Witz darf die Pointe nicht vorhersehbar sein. Er muss eine unerwartete Wendung haben. Außerdem muss das Timing stimmen: Wenn der Witz zu lang ist, werden die Zuhörer ungeduldig. Ein guter Witz ist wie ein Niesreiz: Du kannst gar nicht anders, du musst so richtig herzhaft losprusten. Das ist wie ein Kurzschluss im Gehirn: Der ganze Köper, alle Muskeln, geraten außer Kontrolle – wir lachen uns schlapp, im wahrsten Sinn des Wortes.

Kann man es lernen, Witze so richtig toll zu erzählen?

DRIESEL: Übung macht den Meister...

SANDNER: ... aber ein gewisses Talent muss man trotzdem in die Wiege gelegt bekommen haben.

DRIESEL: Einen Witz gut zu erzählen oder gar einen guten Witz zu erfinden, ist hohe Kunst, harte Arbeit und Talent zugleich.

Haben Sie ein Beispiel für einen richtig guten Witz parat?

DRIESEL: Ein Vampir fährt mit einem Tandem durch die Stadt. Ein Polizeibeamter hält ihn an und fragt: „Ham 'se was getrunken?“ – Der Vampir antwortet: „Ja. Zwei Radler.“ – Ich finde diesen Witz genial, mit dem absurden Geschehen am Anfang und dem doppeldeutigen Ende.

Apropos doppeldeutig: Täuscht der Eindruck, oder ist das Niveau vieler Faschingsbeiträge in den vergangenen Jahren wirklich gesunken?

DRIESEL: So generell kann man das nicht sagen. Es stimmt aber schon, dass das Niveau manchmal fehlt. Da dreht sich viel um fressen, saufen, Sex...

SANDNER: Das Hintersinnige, Geistreiche ist dann und wann abhanden gekommen.

DRIESEL: Oft geht es ja auch im Fasching einfach um Quote. Auch bei „Fastnacht in Franken“ kann man nicht nur Politik bringen. Leichtere Themen haben ebenso ihre Berechtigung. Leichte Kost muss ja nicht unbedingt seichte Kost sein. Außerdem erkenne ich mittlerweile auch einen Gegentrend: Es sind nicht mehr nur einfach Witze-Erzähler gefragt, sondern wieder verstärkt authentische, unverwechselbare Typen, die auch mal was Sozialkritisches oder Politisches einfließen lassen.

Kann man über alles Witze machen oder gibt es thematische Grenzen?

DRIESEL: Generell kann man alles sagen – es kommt nur auf das Wie an. Aber natürlich gibt es Themen, die problematischer sind. Wir erinnern uns alle daran, wie Donald Trump sich über einen Behinderten lustig gemacht hat; das war nicht lustig, sondern widerwärtig.

SANDNER: Humor und Ironie spiegeln immer auch einen Teil der Wirklichkeit. Zu unserem Leben gehört tatsächlich auch heute noch die Ausgrenzung von Menschen, die irgendwie „anders“ sind. Dass das in unserer modernen, aufgeklärten Gesellschaft noch so ist, ist traurig, aber wahr. Wenn wir ehrlich sind: Wir haben doch alle auch schon mal über einen blöden, grenzwertigen Witz gelacht, oder?

DRIESEL: Ganz bestimmt. Danach schämt man sich fast ein bisschen, aber wenn der Witz gut erzählt war, dann hat er halt einfach seine Wirkung gehabt.

Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem es entscheidend auf die Erzählkunst ankommt?

DRIESEL: Fliegen zwei Schwalben nebeneinander durch die Gegend. Da sagt die eine plötzlich zur anderen: „Achtung, da vorne kommt eine Late...ng-teng-teng-teng...“

Krass, dass man sich über so etwas Doofes kaputt lachen kann...

DRIESEL: Wir haben alle unsere schwarzen Seiten! Wie finden Sie denn den: Auf dem Weg zum Henker stolpert der Verurteilte auf der letzten Treppenstufe. Deshalb beschwert er sich: „Bei Euch ist es ja lebensgefährlich...“

SANDNER: Dass wir auch über Primitives, das eigentlich weit unter unserem Niveau ist, lachen müssen, ist ganz menschlich. In unserer überkultivierten, überkorrekten, überzivilisierten Gesellschaft sprechen manche Witze direkt unsere niederen Instinkte an.

Wir können uns ja damit herausreden, dass Lachen gesund ist!

SANDNER: Das stimmt auf jeden Fall. Mit Witzen kann man sogar Vergangenheitsbewältigung betreiben. Nehmen wir als Beispiel das satirische Hitlerbuch „Er ist wieder da“. Es ist sehr spannend, sich während des Lesens oder beim Lauschen des Hörbuchs selbst zu beobachten – wie man da so schwankt zwischen befreiendem Lachen und unmittelbarer Betroffenheit.

Ein guter Witz bringt also auch gern mal ein gesellschaftliches Phänomen auf den Punkt.

SANDNER: Ja, genau.

DRIESEL: Hier ein Beispiel. Ein Schwarzer steht an der Bushaltestelle. Der Bus kommt. Am Steuer sitzt ein rassistischer Fahrer und fragt den Farbigen: „Will Bimbo Bus fahren?“ – Der Mann antwortet: „Ja.“ Der Fahrer fragt weiter: „Wo will Bimbo hin?“ – „Ins Krankenhaus.“ – „Ist Bimbo krank?“ – „Nein. Chefarzt.“

SANDNER: Hier macht die Pointe den Witz gut. Er zeigt, wie dumm Menschen sich manchmal verhalten.

DRIESEL: Hier ist noch ein Beispiel: Ein schwer bepackter Jude stolpert am Bahnhof entlang. Er spricht einen Passanten an: „Was halten Sie von Juden?“ und bekommt zur Antwort: „Das sind ganz feine Leute.“ Er fragt einen zweiten Passanten: „Was halten Sie von Juden?“ und erfährt: „Ihre geistige Leistung ist enorm, es sind wunderbare Freunde.“ Nun fragt der Jude einen dritten Passanten: „Was halten Sie von Juden?“ – Der Angesprochene zögert: „Hach, ich weiß nicht, so richtig mag ich die Juden nicht...“ – Der Jude stellt seine Koffer ab: „Bitte passen Sie kurz mal auf mein Gepäck auf. Sie sind ein ehrlicher Mensch.“

SANDNER: Dieser Witz entlarvt alte Vorurteile, die noch immer in unserer Gesellschaft existieren.

Ist es regional unterschiedlich, ob – oder wie – ein Witz ankommt?

DRIESEL: Ja – dazu habe ich schon leidvolle Erfahrungen gemacht. Mitte der 90er Jahre habe ich die TV-Faschingssendung „Überall ist Karneval“ in Bonn moderiert – und zwar komplett gegen das Publikum. Die Rheinländer haben Redner, die nicht aus der Region kamen, mit auffallender Gleichgültigkeit behandelt, einen sogar ausgepfiffen. Selbst Peter Kuhn, sonst bundesweit gefeiert, musste aufgrund der Unruhe im Saal seinen Beitrag nach drei Minuten abbrechen.

SANDNER: Dieses Beispiel zeigt gut, dass Fasching vor allem aus regionalen Brauchformen besteht. Jeder Witz braucht „sein“ Publikum, das den entsprechenden Humor versteht und teilt.

Es soll mal eine Zeit gegeben haben, in der Lachen den Christen verboten war.

SANDNER: Im Mittelalter galt Lachen als etwas Unchristliches. Lachen war mit Lust verbunden und daher verpönt.

DRIESEL: Bei Lukas heißt es: „Lacht nicht, denn Ihr werdet weinen.“ Und auch die Benediktinerregel verurteilt das Lachen. Im ausgehenden Mittelalter entstand dann aber das so genannte Osterlachen. Nun sollten die Priester ihre „Schäfchen“ zum Lachen bringen, denn man fand, dass der Sieg über den Tod, die Auferstehung, es rechtfertige, sich zu freuen und zu lachen. Tatsächlich schossen viele Priester aber wohl über das Ziel hinaus. Ihre Reden und Witze waren Luther & Co. zu obszön. Deshalb wurde das Osterlachen in der Reformation wieder verboten.



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