Selbstmord

Das tragische Ende einer Flucht

Ein 29-jähriger Iraner nahm sich am Wochenende in der Würzburger Asylbewerber-Unterkunft das Leben. Seine Mitbewohner sagen, wegen der katastrophalen Zustände.
Am Montagnachmittag demonstrierten etwa 80 Asylbewerber in der Würzburger Innenstadt. Mohammad R. (29) hatte sich am Wochenende das Leben genommen. Foto: Tobias Köpplinger
 
Der Schlüssel steckte von innen. Als Wachdienst und Polizei in der Nacht zum Sonntag die Tür aufbrachen, war es zu spät. Mohammad R. (29) war tot. Er hatte sich erhängt, in seinem Zimmer in der Asylbewerber-Gemeinschaftsunterkunft in Würzburg. Gerade 29 Jahre war er alt, er arbeitete als Polizist in Iran, dann musste er fliehen, erzählen seine Mitbewohner. Mohammad R. hatte Asyl beantragt in Deutschland,er suchte die Freiheit weit weg von daheim, weit weg vom Regime in Teheran. Und dann wartete er. Erst in Zirndorf, dann in Würzburg. Seit sieben Monaten lebte Mohammad R. in der Gemeinschaftsunterkunft, wartete darauf bleiben zu dürfen. "Dann zog er es vor sich selbst umzubringen", sagt ein junger Mann am Montag. Wie viele andere der iranischen Asylberwerber trägt er ein Flugblatt vor sich, darauf das Bild von Mohammad R.. Spontan haben sich etwa 80 Bewohner der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft dazu entschlossen, zu demonstrieren. Sie wollen auf ihre Situation aufmerksam machen. Darauf, dass sich einer von ihnen umgebracht hat - mitten in Würzburg.
Ein paar Meter weiter steht Bahman Amouz. Der 40-Jährige stammt ebenfalls aus Iran, aber im Gegensatz zu den meisten Demonstranten hat er seinen Aufenthaltsstatus. Er ist so etwas wie der Sprecher der Demonstranten und forderte die Solidarität aller Menschen. Er sagt: "Viele von uns können gar nicht zurück nach Iran gehen. Sie werden dort sterben. Hundertprozentig."

Mohammad R. starb in Deutschland.

Seinem Mitbewohner fiel als erstem auf, dass etwas nicht stimmte. Er kam nicht in sein Zimmer, die Tür war verschlossen, Mohammad R. meldete sich nicht. Der Mitbewohner holte den Wachdienst, doch erst die Feuerwehr konnte die schwere Eisentüre aufbrechen. Polizei und Regierung von Unterfranken gehen von einem Suizid aus.
Nach Angaben der "Internationalen Föderation Iranischer Flüchtlinge" hatten Mitbewohner den Sicherheitsdienst darüber informiert, dass sich der Mann in Selbstmordabsicht in seinem Zimmer eingeschlossen habe, meldet die Nachrichtenagentur epd. Der Würzburger Arzt August Stich, der sich mit seinem Team von der Missionsärztlichen Klinik um die medizinische Versorgung der Flüchtlinge in der Gemeinschaftsunterkunft kümmert, sagte gegenüber epd, die psychisch labile Konstitution des Mannes sei seit Monaten bekannt gewesen. Bereits im Dezember habe er Selbstmordabsichten geäußert und sei deshalb in der Würzburger Uniklinik für Psychiatrie begutachtet worden. Man habe empfohlen, "an der Art der Unterbringung etwas zu verändern".
Allerdings sei diese Empfehlung nie bis zur Regierung von Unterfranken vorgedrungen. "Wir hatten keinerlei Kenntnisse, dass der Betroffene Suizidgefährdet war", sagt Johannes Hardenacke, der Pressesprecher der Regierung.

Für August Stich ist der Tod "kein Einzelfall."

Etliche der Bewohner seien von Folter traumatisiert und müssten nun trotzdem in ehemaligen Kasernen leben. "Die Gemeinschaftsunterkünfte machen krank", sagte er gegenüber epd. Kein Bundesland gehe so schlecht mit Flüchtlingen um wie Bayern. Derzeit sind in der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft 447 Asylbewerber untergebracht. 57 Menschen stammen aus dem Iran. An einen ähnlichen Suizidfall konnte Pressesprecher Hardenacke nicht erinnern. "Wir sehen keinen Zusammenhang, dass der Selbstmord mit der Unterbringung in der Gemeinschaftsunterkunft zusammenhängt", sagt Hardenacke. Einer der Demonstranten sagt, "Wir werden behandelt wie Tiere".
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