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Region  // Kitzingen

Das Ballett der Männer

Showtanz ist die Leidenschaft der „Turedancer“ aus Zellingen - und das nicht nur zur Faschingszeit. Zu Besuch bei einer Gruppe mit einem ganz besonderen Hobby.
 

Und fünf, sechs, sieben, acht, zählt Vanessa Schulz ein. Die Choreografie sitzt, die Gruppe bewegt sich perfekt synchron. Die Tänzer haben schwarze Stöcke in der Hand, mit denen sie im Takt auf den Boden klopfen. Trainerin Schulz steht vor der Bühne, beobachtet und gibt Anweisungen. „Stöcke weiter hoch, Rücken 90 Grad!“ Die Turedancer aus Zellingen (Lkr. Main-Spessart) stecken in den letzten Vorbereitungen für die 10. Bayerische Männerballett-Meisterschaft an diesem Samstag in Dettelbach (Lkr. Kitzingen).

 

Schon fünfmal Sieger

Schon fünf Mal konnte die Tanzgruppe den Siegerpokal mit nach Hause nehmen. „Wir haben den Anspruch, eine gute Show abzuliefern und das Publikum zu begeistern. Es kommt auch auf die Leistung der anderen Teams an, wie gut wir abscheiden. Aber am wichtigsten ist es, dass wir selbst zufrieden sind und Spaß haben“, sagt Florian Lang, der bereits seit neun Jahren Teil der Turedancer ist. Die Gruppe besteht aus zehn aktiven Tänzern zwischen 19 und 32 Jahren. Männerballett – für diese Altersgruppe ein eher ungewöhnliches Hobby.

In seiner Studienzeit erntete Florian Lang einige schiefe Blicke, wenn er jemandem erzählte, was er in der Freizeit macht. „Die dachten erst, ich hüpfe im Tutu an einer Stange herum und hoch das Bein“, sagt er. Das, was die jungen Tänzer tatsächlich auf die Bühne bringen, ist wohl am ehesten als Showtanz mit Akrobatik zu beschreiben.

Benannt nach dem Zellinger Torturm

Die Turedancer, der Name ist eine Anspielung auf das Wahrzeichen Zellingens, den Torturm („Ture“), legen viel Wert auf eine perfekte Inszenierung und ausgefeilte tänzerische Leistung. Für die Bayerische Meisterschaft haben sie sich zum Ziel gesetzt, den Titel aus dem vergangenen Jahr zu verteidigen. „Dafür ist es auch wichtig, dass das Motto ankommt und das Gesamtpaket passt. In der laufenden Saison war die Resonanz des Publikums zur aktuellen Show sehr gut“, sagt Tänzer Achim Gerschütz. Die Show thematisiert den Día de los Muertos aus Mexiko, ein fröhliches Volksfest zu Ehren der Toten. Statt einfach nur unterschiedliche Szenen darzustellen, erzählen die Tänzer innerhalb des Tanzes eine Geschichte. Dazu wurden unterschiedliche Kostüme mit glitzernden Jacken und Hüten passend zum Tag der Toten geschneidert.

Idee aus dem Bond-Film

„Auf das Thema hat uns der James-Bond-Film Spectre gebracht, in der Anfangsszene wird eine Parade zum Tag der Toten in Mexiko City gezeigt“, erzählt Trainerin Vanessa Schulz. Die Kulissen fallen dieses Mal sehr aufwendig aus, da ist es praktisch, Schreiner mit im Team zu haben. Für die Bayerische Meisterschaft mussten Achim Gerschütz und Cornelius Lehrmann ihr selbst gebautes, 3,20 Meter hohes Skelett noch einen Kopf kürzer machen, weil der Verband deutscher Männerballette nur Kulissen von drei Metern Höhe zulässt.

Ähnlich streng ist die Bewertung der Tänze. Die Jury sieht es gerne, wenn viele verschiedene Stilrichtungen eingebunden werden, sodass eine bunte Choreografie entsteht. Dieses Mal sind Salsa-Schritte dabei, der Hüftschwung ist für die jungen Tänzer kein Problem. Ansonsten baut die Gruppe gerne Elemente aus Hip-Hop oder Breakdance ein. Die Abläufe und Choreografien arbeitet das Trainerteam aus Vanessa Schulz und Christian Drescher aus. Drescher ist selbst seit zehn Jahren ein Turedancer, Schulz hat bei der Garde getanzt und bringt Erfahrungen aus Ballett und Hip-Hop mit.

Üben auf den Turnmatten

Die Hebefiguren verlangen den Tänzern beim Training die meiste Geduld ab. „Da muss man länger herumbasteln, bis sie stehen. Auch manche Akrobatikelemente müssen wir erst einmal langsam auf Turnmatten üben“, erzählt Trainer Christian Drescher. Vanessa Schulz ist sehr perfektionistisch, aber das deckt sich gut mit dem Ehrgeiz der Turedancer. „Jeder muss wirklich wollen, es gibt keine Ersatzleute wie beim Fußball. Alle stehen in der Startelf“, sagt sie und fügt an, dass Neuzugänge immer gerne gesehen sind. „Wir sind als Gruppe eine Einheit und auch privat gute Freunde“, sagt Tänzer Julian Wohlfahrt. Am wichtigsten ist den Jungs der Spaß am Tanzen – und das Bier nach dem Training. Insgesamt dauert die aktuelle Show zehn Minuten, auf Wettbewerben darf dieser Zeitrahmen auch nicht überschritten werden. „Viel länger würden wir das gar nicht aushalten, danach ist das Kostüm schon durchgeschwitzt“, sagt Cornelius Lehrmann. Dazu läuft selbst zusammengeschnittene Musik, die auch mal schmunzeln lässt: Die Figur El Catrina tritt zu Adeles „Hello“ auf, typisch mexikanische Klänge werden von „Aber bitte mit Sahne“ durchbrochen.

Der ganze Auftritt muss auf die Sekunde genau passen.

Disziplin ist gefordert

Die Probe geht weiter. Benedikt Machmerth steigt auf Matthias Harts Schultern. „Wenn es sein muss, trainieren wir heute bis 21 Uhr, dann verpasst ihr die Champions League“, droht Schulz ihren Tänzern. Das Hobby nimmt insgesamt viel Zeit in Anspruch: ab August wird zweimal wöchentlich für das neue Programm trainiert, in der Karnevalszeit steht fast jedes Wochenende ein Auftritt an. „In Zellingen wird die Fasenacht groß geschrieben, wir treten dann auf Sitzungen in der ganzen Umgebung auf“, sagt Achim Gerschütz.

Doch die Saison der Tanzgruppe endet dann noch lange nicht, nach Fasching warten Showtanzabende in ganz Deutschland und Wettbewerbe wie die Bayerische oder Deutsche Meisterschaft. „Wenn man dann zusammen auf der Bühne steht, ist das ein richtig geiles Gefühl. Das ist doch das Brot des Künstlers“, sagt Moritz Machmerth. Diese Veranstaltungen sind ein Treffpunkt für unterschiedliche Männerballett-Gruppen, um sich auszutauschen und zusammen zu feiern.

Wie in einem Fußballverein

Das Männerballett konzentrierte sich ursprünglich auf Auftritte an Fasching. Aus Spaß haben sich vor rund zehn Jahren ein paar junge Fußballer der Gruppe angeschlossen, damit nahm die Entwicklung zur ernsthaften Showtanzgruppe ihren Lauf. Der 2008 gegründete Verein „Die Turedancer“ besteht heute aus drei Tanzgruppen und ist aufgebaut wie ein Fußballverein: „Die Turedancer stellen die erste Mannschaft. Dann haben wir die Fresh4mation als Damenteam und die Unforgettables sind unsere alten Herren“, sagt Florian Lang. Damit die erste Mannschaft auch in diesem Jahr auf der Bayerischen Meisterschaft eine gute Figur macht, will die Trainerin das Beste aus der Gruppe herausholen: „Die Schlussformation gefällt mir noch nicht, das machen wir noch einmal“, sagt Vanessa Schulz. „Uuuuund fünf, sechs, sieben, acht!“

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