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Blindes Vertrauen bei der Tour der Sinne

Blind durch die Stadt – für viele Sehende eine komische Vorstellung. Mit einer besonderen Führung wurde in Iphofen Blinden eine Tour durch den Ort ermöglicht.
Die etwas andere Besuchergruppe bei der Stadtführung auf dem Iphöfer Marktplatz.
 
von FRANK WEICHHAN

Es ist eine etwas andere Pärchenbildung am Brunnen vor dem Iphöfer Rathaus. Ein spannender Moment: Ein Sehbehinderter und ein Sehender, die sich noch keine zehn Minuten kennen, bilden für den Rest des Nachmittages ein Duo - eng verbunden. Das Ganze nennt sich „Tour de Sens“. Diese Tour der Sinne ist gleichzeitig eine Premiere: Erstmals findet in der Wein- und Gipsstadt eine Führung für Sehbehinderte statt.

Angeboten wird diese Begegnung von einem professionellen Reiseveranstalter: „Tour de Sens“ hat sich auf Veranstaltungen für Blinde, Sehbehinderte und Sehende spezialisiert. Geleitet wird die Schnuppertour wird von Gisela Moser. Die freiberufliche Reiseleiterin kommt gebürtig aus Michelfeld und ist eine Fachfrau, wenn es um Touristik für Menschen mit Behinderungen geht.

Einige Teilnehmer hat die 37-Jährige bereits vom Bahnhof abgeholt, der Rest wird gebracht und trudelt nach und nach ein. Sieben Sehende kommen mit sieben Sehbehinderten zusammen. Von überall her: Erlangen trifft auf Bad Staffelstein. Ingolstadt auf Kassel. Würzburg auf Obernbreit. Aus Heilbronn und Veitshöchheim kommen sogar blinde Paare.

Eine insgesamt 14-köpfige Gruppe, die sich zum ersten Mal sieht. Stopp, darf man das überhaupt so sagen? Sehen? Bei sieben Sehbehinderten? Gisela Moser kennt diesen Moment, der schnell peinlich werden und mit Herumdrucksen enden kann. Deshalb sofort die Beruhigungspille: Kein Problem, so was nimmt kein Blinder krumm. „Die deutsche Sprache ist sehr visuell“, erklärt Gisela Moser bei der kleinen Einführungsrunde und lässt damit so manche Ängste verfliegen. „Schau mer mal“ oder „Auf Wiedersehen“ sind absolut kein Problem.

Bevor gleich blind vertraut wird, führt an einer Einweisung kein Weg vorbei - man übernimmt schließlich Verantwortung. Die kleine Instruktion bei einem Begrüßungsgetränk noch am Brunnen richtet sich an die Sehenden, die sich von dem Projekt angezogen fühlten und an diesem Nachmittag Neues lernen wollen. Worauf ist zu achten? Was genau ist zu tun? Ohne ein paar Erläuterungen und Verhaltensregeln geht es nicht: Immer den Arm anbieten, ist klar. Keinesfalls versteifen, den Arm möglichst locker lassen.

Wichtig auch: Möglichst einen Schritt vor dem blinden Partner gehen. Und niemals den Blinden vor sich herschieben - ein absolutes Unding. Außerdem: Stufen prinzipiell ansagen. Dabei nicht nur nach unten gucken. Auch oben drohen Gefahren, also immer gut auf die Köpfe achten. Und beim Erzählen, was da alles zu sehen ist, gibt es auch einen einfachen wie genialen Trick: „Stellen Sie sich vor, Sie sind am Telefon!“

„Wenn Sie mit einem Blinden reden, stellen Sie sich vor, Sie sind am Telefon.“
Tipp von Gisela Moser an die Sehenden

Dann kann es auch schon losgehen. Um den Beweis anzutreten, „dass Inklusion nicht nur in der Schule super funktionieren kann“, wie Gisela Moser noch mit auf den Weg gibt. Wobei es nur ein paar Schritte sind bis vors Rathaus. Die Gruppe versammelt sich wieder um Gisela Moser, die etwas über die Geschichte der Stadt erzählt. Es geht sehr farbig zu. Dass die Rathausfasade weiß strahlt, ist eine wichtige Info. Weil viele Blinde mal gesehen haben und Farben kennen. Und selbst wer blind geboren ist, kann sich Farben irgendwie vorstellen.

Zur Farbe kommen möglichst viele Bilder: Wie opulent die Freitreppe am Rathaus wirklich ist, lässt sich am besten so beschreiben: Bürgermeister, Weinprinzessin, Pfarrer und der Vorsitzende des Weinbauvereins - so wie kürzlich bei der Traubensegnung - haben wirklich genug Platz, um Hof zu halten.

Nächstes Ziel: die katholische Stadtpfarrkirche. Es gibt viel zu beschreiben: Die stolze 200-jährige Bauzeit von 1414 bis 1614 sorgte dafür, dass sich Gotik, Renaissance und Barock vermischen - das muss man erst mal alles mit Worten darstellen. Dann die Überraschung in Form eines Klangerlebnisses - die Orgel beginnt zu spielen. Extra für die Teilnehmer der etwas anderen Stadtführung. Was zu gewissen Irritationen bei der regulären Stadtführung sorgt, die zufällig gerade eintrifft.

Nach der Kirche warten erst einige Treppen und dann das Knauf-Museum. Auf dem Weg ist Zeit für einen längeren Pärchen-Plausch. Wie das ist, nichts oder immer weniger zu sehen? Wie der Alltag abläuft? Wie der Urlaub war? Es gibt viel zu erfahren. Und viel zu lernen: Oft, so weiß Gisela Moser zu berichten, ist beispielsweise die Überraschung bei den Helfern groß, dass die Blinden gar nicht so viel Hilfe brauchen, wie man das vorher dachte.

Iphofen mit allen Sinnen erleben - das geht im Knauf-Museum mit seinen Reliefs zum Anfassen natürlich besonders gut. Gleich zu Beginn wartet Thutmosis III. als Silonkautschukform. Die Begrüßung ist ausgiebig: Selten zuvor dürfte dem früheren ägyptischen Herrscher so viel ins Gesicht gefasst worden sein.

Wie es sich anfühlt, wenn aus der Form ein Abdruck geworden ist, lässt sich ein Stock weiter oben im Griechenland-Raum erleben. Ein Paradies für Blinde: Überall wird an den Reliefs getastet, gefühlt, gestaunt. Dass die Museumsführerin vor lauter Durcheinandergerede mitunter kaum noch gehört wird, mag im ersten Moment unhöflich erscheinen - ist aber ein gutes Zeichen. Weil es zeigt: Die zusammengewürfelten Paare funktionieren, es wird farblich und bildlich beschrieben, was das Zeug hält.

Viel zu erzählen und noch mehr zu schmecken gibt es zum Abschluss in der Weinstube Bausewein. Was es mit den aufgeschnittenen Äpfel auf sich hat? Bei einer Weinprobe? Die Lösung liefert der Silvaner, dessen Apfelaroma sich nicht verleugnen lässt. Weshalb es auch Sinn macht, dass beim zweiten Wein Johannisbeerzweige gereicht werden, bevor der alte runde Bocksbeutel mit seinem etwas eckigeren Nachfolger ertastet, verglichen und beurteilt werden.

Spätestens jetzt ist klar: Einige aus der Gruppe werden sich - man darf das so sagen - ganz bestimmt wiedersehen.

Mehr Infos unter www.tourdesens.de




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