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Zwei Männer finden den Weg aus der Sucht
Heimliche Bier- und Schnaps-Depots, Verlangen kontra schlechtes Gewissen: Zwei gestandene Männer aus Sulzfeld berichten von den Fesseln der Sucht - und der "Freiheit danach".
Ob ich zumindest die Vornamen nennen darf? Mein Gegenüber lächelt freundlich-gelassen und antwortet: "Bei mir dürfen Sie gern den vollen Namen schreiben." Sein Kollege sagt mit fester Stimme: "Offenheit und Ehrlichkeit sind das Wichtigste. Dazu stehe ich." Armin Reuther und Norbert Mahr wollen nichts mehr verstecken. Und sie müssen auch nichts mehr verstecken. Sie haben etwas geschafft, an dem viele scheitern: Sie haben ihre Sucht besiegt.
Reuther war etwa 30 Jahre lang Alkoholiker, Mahr zwölf Jahre. Heute sind beide "trocken", Reuther seit 17, Mahr seit sieben Jahren. So unterschiedlich ihre Lebensgeschichten auch sind, eines haben sie gemeinsam: Der Weg in die Abhängigkeit verlief schleichend. Den einen, großen Grund zum Trinken gab es nicht.
"Wo ist der Übergang vom Genuss zur Sucht? So genau kann das keiner sagen", stellt der 70-jährige Armin Reuther fest. "Bis ich eingesehen habe, dass ich süchtig bin, hat es sehr, sehr lange gedauert."
"Freizeit und Alkohol waren eins"
Der Sulzfelder, der heute eine Selbsthilfegruppe des Kreuzbundes leitet, erinnert sich an eine glückliche Kindheit ohne Sorgen. "Meine Eltern haben mir gezeigt, wie schön das Leben sein kann." Leider vermittelten sie ihm auch, "dass das Empfinden von Lebensfreude und -lust mit Hilfe von Alkohol beträchtlich gesteigert werden kann". Frühzeitig verband Reuther positives Erleben mit Trinken.
Jahrelang habe er "ohne jeglichen kritischen Abstand Alkoholmissbrauch betrieben", analysiert Reuther heute. "Es war eine Zeit, die ich als überaus glücklich empfand." Der Einstieg ins Berufsleben glückte, er gründete eine Familie. Wenn ihn jemand auf sein Trinkverhalten ansprach, glaubte Reuther, Neid herauszuhören - "Neid auf mein scheinbar sorgenfreies Leben".
Erst, als das morgendliche Zittern der Hände stärker wurde und es immer schwerer fiel, den Arbeitstag ohne Bier zu überstehen, musste er sich "mit mir selbst auseinandersetzen". Reuther versuchte, weniger zu trinken. Es funktionierte nicht. Im Gegenteil: "Bald brauchte ich den morgendlichen Schluck aus der Pulle, um über den Tag zu kommen. Später hielt ich es ohne nachzutrinken kaum länger als ein, zwei Stunden aus. Saufen wurde zum Stress."
Heimlich legte der Personalleiter bei der US-Armee zuhause Bier- und Schnaps-Depots an. "Ich brauchte Vorräte zur Beruhigung." Das schlechte Gewissen vor seiner Frau wuchs. "Irgendwann kann man sich nicht mehr in die Augen schauen."
Reuther war sich bewusst, dass sein Leben auf der Kippe stand. Norbert Mahr wurde das klar, nachdem er 2005 betrunken im Weinberg ausgetickt, auf Sanitäter und Polizisten losgegangen war und schließlich im Bezirkskrankenhaus Werneck landete. "Damals hat der jüngere meiner beiden Söhne zu mir gesagt: 'Papa, wir halten zu Dir. Aber wenn Du nichts unternimmst, dann haben wir die Brücke, unter der Du bald schläfst, schon ausgesucht.'"
Mahr ging den Entzug offen und offensiv an. Er wusste: Allein klappt es nicht. Im Jahr 2002 wäre er an den Folgen eines "kalten Entzugs" ohne medizinische Hilfe fast gestorben. Deshalb absolvierte er nach dem Vorfall im Weinberg eine professionelle Therapie. "Ich habe erkannt, dass der Alkohol nur Mittel zum Zweck war - etwa, um Stress und Hektik leichter zu ertragen." Seit der Therapie hat der 49-Jährige keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken - und schafft es trotzdem, weiter als Winzer in Sulzfeld zu arbeiten. "Ich will das - und es geht!"
Keine Angst vor einem Rückfall
Bei Armin Reuther leitete eine Entgiftung im Krankenhaus die entscheidende Lebenswende ein. "Dort habe ich gemerkt, dass es auch Vorteile hat, ohne zu leben. Keine Entzugserscheinungen mehr..." Außerdem wurde ihm "schmerzhaft bewusst, wie sehr meine Persönlichkeit gelitten hatte". Mahr nickt. "Irgendwann ist man so weit, dass einen die Fliege an der Wand verrückt macht. Man hasst sich dafür."
Der Besuch eines Suchtberaters und der Selbsthilfegruppe Kreuzbund waren und sind für Reuther und Mahr wichtig. Heute können sie sich nicht mehr vorstellen, ihre Gesundheit leichtfertig zu gefährden. "Ich habe keine Angst mehr, auch nicht vor einem Rückfall. Das stärkt mein Selbstvertrauen ungemein", berichtet Reuther. Er und Mahr geben ihre Erfahrungen nun ihrerseits im Kreuzbund an diejenigen weiter, die jetzt an der Schwelle stehen.
"Ich mag Dich wieder"
Und das sind nicht wenige. Allein 275 Menschen suchen jährlich die Suchtberatung der Caritas Kitzingen auf, das Gros mit Alkoholsorgen, einige wegen illegaler Drogen, Medikamen-ten-, Medien-, Spiel- oder Nikotinsucht. Ewald Burkard, Suchtberater, kennt den Schlüssel zum erfolgreichen Entzug: "Motivation und Verantwortungsgefühl des Betroffenen."
Reuther und Mahr haben von ihren Familien immer Unterstützung erfahren. "Die sind mit uns durch die Hölle gegangen. Und wir haben jahrelang nicht auf ihre Warnungen gehört." Das hängt beiden Sulzfeldern noch nach. Ihre Angehörigen aber sind jetzt stolz auf ihre Abstinenten. Und wenn diese heute in den Spiegel schauen, können sie lächeln und sagen: "Ich mag Dich wieder."



















