Münchberg
Busunglück auf der A9

Busunglück auf A9 bei Münchberg: Deshalb mussten 18 Menschen sterben

18 Menschen starben beim Busunglück auf der A9. Ursache war laut Ermittlern eine Verkettung unglücklicher Umstände. Nun wird über Konsequenzen diskutiert.
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Dafür, dass auf der A9 am 3. Juli 18 Menschen sterben mussten, machen die Ermittler "eine Verkettung unglücklicher Umstände" verantwortlich.. Foto: Matthias Balk/dpa
Dafür, dass auf der A9 am 3. Juli 18 Menschen sterben mussten, machen die Ermittler "eine Verkettung unglücklicher Umstände" verantwortlich.. Foto: Matthias Balk/dpa
Gut vier Wochen nach dem tragischen Busunglück auf der A9 bei Münchberg, das 18 Menschen das Leben kostete, präsentierten Polizei und Staatsanwaltschaft am Mittwoch in Hof die ersten Ermittlungsergebnisse.

Was die Unfallursache angeht, sprach Jochen Götz von der Staatsanwaltschaft Hof von einer Verkettung unglücklicher Umstände. "Der Fahrer war einen Moment unaufmerksam", so Götz zur unmittelbaren Unfallursache. Dabei hatte der 55-jährige Lenker des Busses die Lenk- und Ruhezeiten eingehalten, der drei Jahre alte Bus hatte keine technische Mängel.

Wie die Ermittlungen zur unmittelbaren Unfallursache ergaben, befand sich der Reisebus am 3. Juli kurz nach 7 Uhr auf der A9 in Fahrtrichtung Süden zwischen den Anschlussstellen Münchberg-Süd und Gefrees, als baustellenbedingt die drei Fahrspuren auf nur noch zwei reduziert wurden und dadurch der Verkehr auf der rechten Spur stockte.


Stockender Verkehr vor Baustelle

Ein Lastwagen mit Anhänger, der hier gerade unterwegs war, musste deshalb seine Geschwindigkeit schrittweise von 80 auf 28 km/h reduzieren. Dem Fahrer des nachfolgenden Reisebusses war dies aufgrund einer Unaufmerksamkeit entgangen, weshalb der Bus mit einer Geschwindigkeit von gut 60 km/h mit der rechten Heckseite des Lkw-Anhängers kollidierte. Ein Brems- und Ausweichmanövers des Fahrers in letzter Sekunde habe die Kollision nicht mehr verhindern können. Was folgte, bezeichnete Staatsanwalt Jochen Götz als "eine Verkettung unglücklicher Umstände". Durch den Aufprall sei der Frontabschluss des Busses im Bereich des Fahrers um etwa zwei Meter nach hinten verschoben worden. Ausgerechnet in diesem Bereich befanden sich jedoch die Drucklufttanks, die Batterie samt Elektrik und ein Zusatztank.


Extrem heiße Lichtbögen

Der Aufprall habe zu elektrischen Kurzschlüssen und zur Bildung extrem heißer Lichtbögen im Elektrik-Bereich geführt. Gleichzeitig wurde der Zusatztank so stark zusammengestaucht, dass er platzte. Die Folge: Der herausspritzende Kraftstoff entzündete sich durch die Lichtbogenbildung, unterstützt durch zusätzlich entweichende Druckluft. Feuer und Rauch konnten sich so in Sekundenschnelle im gesamten Bus ausbreiten. "Dafür, dass eines der Fahrzeuge vor dem Unfall gebrannt hat, haben sich keine Hinweise ergeben", so Götz.

Der 55-jährige Fahrer des Busses, der hinter dem Lenkrad eingeklemmt war, erlag seinen schweren Verletzungen. Dem 43-jährigen Beifahrer war es zwar noch gelungen die vordere Seitentür zu öffnen, sie konnte jedoch nicht benutzt werden, da der Mittelgang des Busses zu stark deformiert war. Für 17 Businsassen kam jede Hilfe zu spät. Die Männer und Frauen im Alter von 55 bis 81 Jahren dürften bereits nach kurzer Zeit aufgrund der starken Rauchentwicklung das Bewusstsein verloren haben, so die Ermittler.


Kein Assistenzsystem

Die 30 zum Teil schwer verletzten Insassen, die den Bus lebend verlassen konnten, hätten mit zwei Ausnahmen inzwischen das Krankenhaus verlassen können. Die beiden Verbleibenden befänden sich jedoch nicht mehr in Lebensgefahr, so Horst Thiemt, Chef der Polizeiinspektion Hof. Er wies auf Nachfrage darauf hin, dass der Bus über kein Assistenzsystem verfügte, das bei einem drohenden Auffahrunfall automatisch abgebremst hätte.

Als Lehre aus dem Unfallgeschehen könne sich die Polizei durchaus vorstellen, dass solche Assistenzsystem auch in älteren Reisebussen nachgerüstet werden müssen. Im übrigen stünden noch die schriftlichen Gutachten aus. Neue Erkenntnisse erwartet man sich jedoch nicht.


Die Ermittlungsergebnisse im Detail

Informationen zu den Fahrzeugen und den Fahrern
Der Lastwagen mit Anhänger war unterwegs von der Ukraine nach Frankreich. Beladen waren die beiden Container mit insgesamt 5.250 Kilogramm Schaumstoffkissen. Technische Mängel lagen nicht vor, die Lenk- und Ruhezeiten wurden vom Fahrer eingehalten. Die letzte Pause von etwa einer Stunde fand 19 Kilometer vor der Unfallstelle statt.
Der Reisebus, Baujahr 2013 war mit ABS und ESP ausgestattet, verfügte ansonsten jedoch über keine Assistenzsysteme. Er hatte zwei verbundene Kraftstofftanks. Diese befanden sich vorne rechts (500 Liter) und vorne links (300 Liter) jeweils vor der Vorderachse. Ebenfalls vorne links befanden sich die beiden Autobatterien und die Drucklufttanks. Bei Abfahrt war der Bus vollgetankt. Der Bus hatte keine technischen Mängel. Der Fahrer des Busses hatte das Wochenende vor dem Unfalltag frei. Er hat in Dresden gegen 4.50 Uhr das Steuer übernommen. Lenk- und Ruhezeiten wurden eingehalten. Zu beiden Fahrern liegen keinerlei sonstige polizeiliche Erkenntnisse vor.

Zum Fahrtverlauf des Reisebusses
Der Bus befand sich auf einer Fahrt von Dresden nach Italien. Abfahrt war gegen 0.30 Uhr ab dem Betriebsgelände des Busunternehmens im Landkreis Görlitz. Zunächst wurde eine "Sammelfahrt" bis Dresden durchgeführt, bei welcher Fahrgäste aufgenommen wurden. Abfahrt in Dresden mit den letzten zugestiegenen Fahrgästen war gegen 4.50 Uhr. An Bord befanden sich ab Dresden 46 Fahrgäste im Alter zwischen 41 und 81 Jahren und die beiden 55- und 43-jährigen Fahrer. Die erste Pause war nach etwa 2:30 Stunden Fahrtzeit geplant.

Zum Unfallgeschehen
Der Unfall fand auf der BAB 9 in Fahrtrichtung Süden zwischen den Anschlussstellen Münchberg-Süd und Gefrees bei km 280 in Höhe des Ortes Stammbach statt. Die Unfallstelle liegt rund 2,5 Kilometer nach dem Beginn der baustellenbedingten Geschwindigkeitsbegrenzung für Pkw auf 120 km/h und etwa 900 Meter vor dem Baustellentrichter, in dem die drei Fahrspuren auf zwei Spuren zusammengeführt werden. Zum Unfallzeitpunkt um kurz nach 7 Uhr kam es auf der rechten Spur zu stockenden Verkehr bis in den Bereich der Unfallstelle.

Beide Fahrzeuge befanden sich bereits seit längerem auf der rechten der drei Fahrspuren. Der Fahrer des Lastwagens reduzierte seine Geschwindigkeit schrittweise von um die 80 km/h auf 28 km/h. Die Analyse der Diagrammscheibe erbrachte, dass es sich um einen normalen Bremsvorgang gehandelt hat. Daraufhin fuhr der Bus von hinten in Folge einer Unaufmerksamkeit des Fahrers mit einer Anstoßgeschwindigkeit von etwa 60 bis 70 km/h auf den Anhänger auf, wobei der Fahrer noch versuchte, nach rechts Richtung Standstreifen auszuweichen und wohl im letzten Moment noch abbremste. Was die Ursache für diese Unaufmerksamkeit war, lässt sich nicht mehr aufklären.
Die Fahrzeuge kollidierten dadurch mit einer geringen Überdeckung von nur rund 60 cm. Diese relativ geringe Anstoßfläche führte dazu, dass der eigentliche Frontabschluss des Busses im Bereich des Fahrersitzes etwa 1,50 bis 2,00 Meter nach hinten verschoben wurde. In diesem Bereich sind die Drucklufttanks, die Batterie samt Elektrik und der Zusatztank verbaut. Dies löste einerseits elektrische Kurzschlüsse und die Bildung extrem heißer Lichtbögen im Bereich der Elektrik aus. Andererseits kam es zu einer Aufstauchung des Zusatztanks, welche diesen zum Zerplatzen brachte. Der herausspritzende und zerstäubte Kraftstoff entzündete sich unmittelbar beim Austreten durch die Lichtbogenbildungen, noch angefacht durch die entweichende Druckluft. Zudem war der Bus wegen der massiven Kollision im vorderen linken Bereich aufgerissen, wodurch sich Rauch und Feuer im Innenraum des Busses schlagartig ausbreiten konnten. Dadurch kam es in kürzester Zeit zum Vollbrand des Busses.
Während der 55-jährige Busfahrer auf dem Fahrersitz mit schweren Verletzungen eingeklemmt war, gelang es dem 43-jährigen Beifahrer zunächst die vordere Türe aufzudrücken. Im Zusammenwirken mit weiteren Fahrgästen konnte auch die hintere Türe geöffnet und nach dem Aufprall dort liegende Hindernisse im Abgangsbereich beseitigt werden. Ein Verlassen des Busses über die vordere Türe war nur schwer möglich, weil der Mittelgang im vorderen Bereich wegen der Deformierungen blockiert war. Weitere Insassen retteten sich über eingeschlagene Seitenscheiben mit einem Sprung nach draußen.

Die aus dem Bus entkommenen 30 Insassen waren zum Teil schwer verletzt. Für 17 Insassen und den Fahrer kam allerdings jede Hilfe zu spät. Die Männer und Frauen im Alter von 55 bis 81 Jahren dürften bereits nach kurzer Zeit auf Grund der starken Rauchentwicklung das Bewusstsein verloren haben. Nach der Bergung der sterblichen Überreste erfolgten im Institut für Rechtsmedizin in Erlangen die Obduktion und Identifizierung.

Ermittlungsergebnisse und Gutachten übereinstimmend
Zwischenzeitlich wurden die wesentlichen Ermittlungen durchgeführt. Die allermeisten überlebenden Businsassen - soweit bereits vernehmungsfähig - sowie die unbeteiligten Zeugen wurden vernommen. Die beauftragten Sachverständigen haben eine kurzgutachterliche Stellungnahme abgegeben. Diese beruht auch auf der Begutachtung eines baugleichen Vergleichsbusses. Zudem wurden zu sämtlichen Beteiligten und den Fahrzeugen alle verfügbaren Informationen zusammengetragen und ausgewertet.

Die Ergebnisse lassen derzeit keine vernünftigen Zweifel am dargestellten Ablauf des schrecklichen Busunglücks zu.

Es stehen noch die abschließenden schriftlichen Gutachten der Sachverständigen aus. Aus momentaner Sicht ist nicht zu erwarten, dass sich noch wesentliche neue Erkenntnisse ergeben.
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