Haßfurt
Prozess

"Wir hätten sofort geschossen"

38-Jähriger hatte Polizisten mit einem Messer bedroht, und die zogen ihre Waffe. Das Amtsgericht urteilte milde.
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Symbolfoto: Archiv
Symbolfoto: Archiv
Als die Polizeibeamten die Personalien des 38 Jahre alten Mannes feststellen wollten und ihn aufforderten stehenzubleiben, ballte der plötzlich die Fäuste, griff in seine Tasche, holte ein silberfarbenes Taschenmesser raus und klappte es auf. Sofort zogen die Uniformierten ihre Dienstwaffe und entsicherten sie. Um ein Haar wäre es zum Schusswaffeneinsatz gekommen. Wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte wurde der vielfach vorbestrafte Angeklagte in einem Prozess vor dem Amtsgericht in Haßfurt zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt.


Tatort Brücke

Die spektakuläre Polizeiaktion ereignete sich am 28. Juni 2016, also vor einem guten Jahr gegen 20 Uhr abends. Tatort war die Brücke über die Haßfurter Nordtangente. Angefangen hatte alles etwa eine halbe Stunde früher, als der Beschuldigte mit seiner Lebensgefährtin und einem Bekannten an einem Tisch auf dem Gelände eines Marktes saß. Dort kam es zwischen dem 38-Jährigen und seiner Freundin zu einem heftigen Streit. Zuerst nur verbal, aber bald setzte es wechselseitige Ohrfeigen.

Da die Gewalttätigkeiten zu eskalieren drohten, alarmierten die Mitarbeiterinnen des Einkaufsmarktes die Polizei. Eine Streife traf ein. Der kräftig gebaute Angeklagte sah überhaupt nicht ein, dass er seine Personalien angeben sollte. Nachdem die Uniformierten nicht locker ließen, griff er zu seinem Taschenmesser und beschwor damit, so Amtsrichterin Ilona Conver, eine "extrem gefährliche Situation" herauf. Damit nicht genug. Schließlich richtete der Aufsässige sein Messer gegen sich selber, ritzte sich unter seinem kahlgeschorenen Schädel ein kleines Kreuz in seine Stirn und plärrte: "Ihr kriegt mich nicht, dahin müsst ihr schießen!"


Nur wenige Schritte entfernt


Einer der damals eingesetzten Beamten erklärte im Zeugenstand, dass der Mann nur etwa zwei bis drei Meter vor ihnen gestanden habe. "Hätte er einen Schritt nach vorne gemacht und zu einer Stichbewegung ausgeholt, hätten wir sofort geschossen", betonte er auf Nachfrage von Staatsanwalt Peter Bauer.
Schließlich forderten die Polizisten Verstärkung an und als eine weitere Streife eintraf, gelang es den vier Ordnungshütern mit vereinten Kräften, den Widerspenstigen zu fesseln, ins Polizeiauto zu verfrachten und zur Dienststelle zu bringen.

Laut der von der Pflichtverteidigerin verlesenen Erklärung will sich ihr Mandant an nichts mehr erinnern können. Tatsächlich stand er seinerzeit unter kombiniertem Alkohol-, Medikamenten- und Drogeneinfluss. Nach rechtsmedizinischem Gutachten war er in diesem Zustand in seiner Steuerungsfähigkeit erheblich eingeschränkt.
Bei der Gerichtsverhandlung wirkte der Angeklagte aufgekratzt und redete öfters dazwischen. Seine Verteidigerin versuchte, ihn zu beruhigen, und informierte, dass er unter dem Einfluss von Methadon stehe. Diese Ersatzdroge wird ärztlich verordnet an schwer Drogenabhängige abgegeben. Schon seit über 20 Jahren steckt der Mann tief im Drogensumpf. Er ist juristisch erheblich vorbelastet.


"Besonders schwerer Fall"

Der Vertreter der Anklage sah in den Widerstandshandlungen einen besonders schweren Fall gegeben. Da er keine günstige Sozialprognose erkennen konnte, forderte er ein Jahr Freiheitsstrafe ohne Bewährung. Die Verteidigerin hingegen bat um ein mildes Urteil und ergänzte: "Selbstverletzung ist straffrei".

Die Richterin rang sich zu einer vierjährigen Bewährungszeit durch, unter anderem deshalb, weil die Tat schon länger als ein Jahr zurückliegt und seitdem kein neuer Fehltritt dazukam. Der Verurteilte bekommt einen Bewährungshelfer zugeordnet und muss nachweisen, dass er keine illegalen Drogen mehr nimmt. Ob der Staatsanwalt gegen das Bewährungsurteil Berufung einlegt, ist offen.
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