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Bratwurstduft oder Livestream in der Bayernliga

Der Bayernliga-Fußball ist live im Internet zu verfolgen. Werbeeinnahmen sollen die Kosten für die Kameras hereinholen.
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Bei der DJK Don Bosco Bamberg ist die Kamera installiert und hat schon wiederholt live bewegte Bilder ins Netz geliefert. Foto: sportpress
Bei der DJK Don Bosco Bamberg ist die Kamera installiert und hat schon wiederholt live bewegte Bilder ins Netz geliefert. Foto: sportpress
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Gute Bratwürste und flotte Reden auf den Rängen sind nach wie vor erste Gründe, das Können der Fußballer auf allen Plätzen dieser Republik zu verfolgen. Längst jedoch macht die moderne Medienwelt nicht mehr halt an den Kassenhäuschen. Das Papier hat ausgedient, online werden Passwesen und Spielberichtsbögen verwaltet. Spielszenen, egal mit welcher (Handy-)Kamera aufgenommen, kreisen in den sozialen Medien. Neu: die 180-Grad-Kameras an den Fußballplätzen der Bayernligisten. Thomas Müther, der Sprecher des Bayerischen Fußball-Verbands, beschreibt die Entwicklung.

Wie sieht Ihre erste Zwischenbilanz aus, wie kommt das neue Angebot an?
Thomas Müther: Die positive Resonanz und die hohen Zuschauerzahlen der ersten Wochen machen deutlich: Die Menschen haben Lust auf Amateurfußball. Vor der letzten Spielzeit hatten sich alle 36 Bayernligisten einstimmig für eine Teilnahme an der Pilotphase entschieden. Wir haben bis zum Ende der Saison 16/17 alle realisierbaren Bayernliga-Standorte mit einem Kamerasystem ausgestattet. Die nahezu komplette Live-Übertragung des letzten Spieltages mit zusätzlicher Konferenz war eine Premiere im Amateurfußball. Jetzt geben wir gemeinsam mit sporttotal.tv und den Vereinen weiter Gas.

Wie viele Vereine sind bayernweit mit der 180-Grad-Kamera versorgt, welche fehlen in Nordbayern etwa aus welchen Gründen? Gibt es womöglich einen weiteren Ausbau?
Aktuell haben knapp 40 bayerische Vereine eine Sporttotal-Kamera in ihrem Stadion. Momentan arbeiten wir daran, die noch fehlenden neuen Bayernliga-Standorte auszustatten. Im Norden warten wir zum Beispiel bei der DJK Gebenbach und der SpVgg Bayern Hof auf die Telekom-Anbindung. Bei der SpVgg Jahn Forchheim wird der Mast in diesen Tagen aufgebaut. Die zweite Mannschaft der Würzburger Kickers zieht in eine neue Spielstätte um, und in Schweinfurt und Aschaffenburg laufen Gespräche mit den Stadionbetreibern und technischen Dienstleistern. Wir sind zuversichtlich, dass wir im Laufe der nächsten Wochen auch hier mit den Live-Übertragungen starten können. Der nächste Schritt sind dann die Landesligen.

Die Ausstattung der Vereine mit den Kameras ist dank des Engagements von BFV und sporttotal.tv kostenfrei. Gibt es Folgekosten, die die Vereine zu tragen haben?
Die Kosten für das neue Kamerasystem in Höhe von rund 10 000 Euro pro Platz und die Installation übernimmt sporttotal.tv. Geplant ist lediglich eine monatliche Nutzungsgebühr für die Vereine von 9,90 Euro. Dieser Betrag geht ausschließlich an sporttotal.tv. Die erste Laufzeit für den Vertrag zwischen sporttotal.tv und den Klubs soll drei Spielzeiten dauern. Somit ist die finanzielle und vertragliche Verpflichtung für die Vereine absolut überschaubar. Wir sehen im Livestreaming eine große Chance für die Vereine und erhalten auch viele positive Rückmeldungen. Die Mitwirkung und die Kooperation bleibt für alle Klubs vollkommen freiwillig.

Können die Vereine die Kameras auch anderweitig nutzen, etwa zur Videoanalyse?
Die kompletten Videos der Spiele bleiben auch nach dem Abpfiff abrufbar. Einzelne Szenen können zudem über die sozialen Netzwerke geteilt werden. Die Trainer können ganz bestimmte Situationen für die Spielanalyse verwenden. Und die Vereine haben die Möglichkeit, Highlights oder die ganze Partie schon kurz nach Spielende im Vereinsheim zu zeigen. Aus unserer Sicht eine interessante Zusatzoption.

Was ist grundlegend die Intention dieser Initiative, wo sehen Sie die Vorteile?
Der Amateurfußball hat es verdient, mehr in den Fokus gerückt zu werden. Wir sehen über das Livestream-Projekt eine große Chance zu zeigen, dass Amateurfußball attraktiv ist. Das ist aus unserer Sicht die Grundvoraussetzung dafür, dass sich die Menschen wieder stärker mit ihrem Amateurfußball-Verein am Ort identifizieren, zum Fußballplatz kommen und Freude daran haben, das Geschehen ihres Vereins zu verfolgen. Der Fan am Platz kann zum Beispiel über die App zurückspulen, sich jede Szene auf Wunsch nochmals ansehen und - wie erwähnt - in den sozialen Netzwerken teilen. Auch für die aktiven Spieler ist das Posten und Teilen von Bewegtbildern der eigenen Spiele und des Heimatvereins interessant. Und wer nicht live im Stadion dabei sein kann, hat nun die Möglichkeit, die Partien seines Klubs trotzdem zu verfolgen.

Vielerorts geht die Zahl der Zuschauer zurück, Einnahmen durch Eintrittsgelder und Verkauf an den Fußballplätzen werden weniger. Wird diese Entwicklung durch die Möglichkeit, die Spiele im Internet zu verfolgen, nicht noch beschleunigt?
Nein, diese Befürchtung hat sich bisher nicht bewahrheitet. Es geht darum, den Amateurfußball sichtbar zu machen und interessanter darzustellen. Das ist auch die Intention der Highlight-Clips, die zum Beispiel bei sporttotal.tv, auf den Plattformen des BFV oder - ganz neu - auch bei bild.de zu sehen sind, und die natürlich ebenso von den Vereinen über unsere Widgets auf ihrer Homepage oder Facebook-Seite eingebunden werden können. Wir wollen, dass über Amateurfußball gesprochen wird. Praktisch jedes Spiel liefert dazu interessante Szenen. Und vielleicht kommen dann sogar wieder ein paar Zuschauer mehr auf den Sportplatz, zumal sie sich parallel zum Spiel gleich interessante Tor- und Spielszenen noch einmal anschauen können. Wir reden hier also über weitere Möglichkeiten für Vereine, Mitglieder und andere Interessierte noch stärker zu binden.

Werbeeinnahmen sollen die Ausgaben auffangen, sind die Vereine an möglichen Gewinnen beteiligt?
Erst einmal muss sporttotal.tv die hohen Investitionskosten über Werbung refinanzieren. Direkte Geldflüsse an die Vereine sind deshalb vorerst nicht zu erwarten. Auch der BFV verdient bei diesem Projekt kein Geld. Es geht darum, Amateurfußball attraktiv zu präsentieren, das Interesse am Amateurfußball zu erhöhen und damit dann in der Folge über die verstärkte öffentliche Präsenz den Vereinen selbst die Möglichkeit zu geben, ihre Partner und Sponsoren mehr ins Licht zu rücken.

Das finanzielle Risiko bei Kosten von rund 10 000 Euro pro Anlage scheint bei sporttotal.tv zu liegen. Gehen auch der BFV und die Vereine ein Wagnis ein, sehen Sie die Wirtschaftlichkeit des Projekts garantiert?
Innovative Projekte und technische Neuerungen sind auch bei realistischen Businessplänen immer mit einem gewissen finanziellen Risiko verbunden. Wir haben mit sporttotal.tv ein Unternehmen als Kooperationspartner, das bereit ist, dieses Risiko komplett selbst zu tragen, die Kamerasysteme vorzufinanzieren und im schlimmsten Fall auch wieder abzubauen. Wir sind nach der erfolgreichen Pilotphase aber zuversichtlich, dass es dazu nicht kommen wird. Viele Vereine, auch aus unteren Ligen, fragen jetzt schon, ob und wann sie das Kamerasystem bekommen können. Zudem gibt es bei sporttotal.tv ein hohes Interesse an Werbepartnerschaften. Der Start ist vielversprechend.

Entwicklung Am 11. März hatten der BFV und Sporttotal beim Bayernliga-Topspiel VfB Eichstätt - TSV Aubstadt das bis dato einzigartige Amateurfußball-Projekt vorgestellt. Mit einer neuen 180-Grad-Kameratechnologie lassen sich Spiele vollautomatisch live im Internet übertragen. Die Kamera folgt dank einer speziellen Software selbstständig dem Ball. Highlight-Szenen können zudem in sozialen Netzwerken geteilt oder nach Spielende im Vereinsheim gezeigt werden. Das komplette Spiel bleibt als Video-on-Demand abrufbar. Die Zusammenfassungen sind im Videoportal BFV.TV sowie auf der BFV-Homepage (www.bfv.de) und über die BFV-App abrufbar. Das Projekt, für das der Anbieter Sporttotal dem Vernehmen nach 20 bis 30 Millionen Euro aufwendet, läuft bundesweit in den fünften Ligen.
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