Zeil am Main
Bildung

Praktika können Türen in den Beruf öffnen

Bei der ersten Bildungskonferenz des Landkreises in Zeil ging es um den Übergang von der Schule ins Arbeitsleben. Es gibt viele Wege und Chancen.
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Geballte Information rund um den Übergang von der Schule ins Berufsleben gab die erste Berufsbildungskonferenz und Messe des Landkreises Haßberge, die am Samstag in Zeil stattfand.  Sabine Weinbeer
Geballte Information rund um den Übergang von der Schule ins Berufsleben gab die erste Berufsbildungskonferenz und Messe des Landkreises Haßberge, die am Samstag in Zeil stattfand. Sabine Weinbeer
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Lehrer, Schüler, Eltern, Ausbilder, sie alle steuerten am Samstag das Rudolf-Winkler-Haus und die Mittelschule in Zeil an, wo die erste Bildungskonferenz und Messe des Landkreises Haßberge stattfand. Unter dem Motto "Weichen stellen für eine individuelle Fahrtrichtung" ging es um den Übergang von der Schule in den Beruf und hier vor allem um die Berufsorientierung, aber auch über die vielen Möglichkeiten, die vor allem die duale Ausbildung bietet.

"Den Titel Bildungsregion bekommt man nicht geschenkt, den haben ganz viele für den Landkreis erarbeitet", erklärte Landrat Wilhelm Schneider (CSU) in seiner Eröffnungsrede. Das Projekt "Bildung integriert", das Bildungscoach Julia Hünemörder leitet, sei die Fortführung der Prozesse, die mit der Bewerbung als Bildungsregion in Gang gesetzt wurden. Die Bildungskonferenz sei ein Ergebnis. Nur wer erkenne, dass man in die eigene Bildung investieren müsse, und zwar weniger Geld, als vielmehr Zeit, Kraft und Energie, dem eröffneten sich ungeahnte Möglichkeiten.

Von der Kindertagesstätte bis zum Rentenalter gelte es, viele Übergänge zu meistern, den sehr wichtigen von der Schule zum Beruf habe man als Thema für die erste Bildungskonferenz gewählt. Der Landrat lobte die vielen Projekte zur Berufsorientierung an den Schulen, die aber immer noch zu verbessern seien.

Der gastgebende Bürgermeister Thomas Stadelmann (SPD) erinnerte sich an seine eigene Berufsentscheidung. Damals in Zeiten großer Jahrgänge und rarer Ausbildungsstellen sei ein guter Abschluss keineswegs eine Garantie auf einen Ausbildungsplatz gewesen. Dass er ein guter Fußballer war, habe sicher nicht geschadet bei seinem ersten Arbeitgeber, gestand er. Später war er selbst Ausbildungsleiter und seine Erkenntnis wie auch die vieler Referenten während der Konferenz: Berufspraktika sind das A und O, um sich ein Bild zu machen. Für die Region wünschte er sich, dass sich neben Behörden auch große Betriebe dazu entschließen, die Ballungsräume zu verlassen.

Wolfgang Grader, Rektor der Mittelschule Zeil-Sand, hat den massiven Wandel am Arbeitsmarkt miterlebt. Heute sei das Stellenangebot groß, aber es würden auch erhöhte Anforderungen an die Schulabgänger gestellt. Gut ausgebildete junge Leute müssten dann aber auch eine feste Anstellung bekommen und einen auskömmlichen Lohn. Sonst müsse man sich nicht wundern, wenn sie sich nicht für bestimmte Berufe entscheiden.

Drei Impulsreferate sorgten für den thematischen Einstieg. Kerstin Hoenig vom Leibnitz-Institut Bamberg hat sich im Rahmen ihrer Dissertation mit den Risiken und den Unterstützungsmöglichkeiten beim Übergang von der Schule in den Beruf beschäftigt. Auch sie zeigte auf, dass es mittlerweile mehr Lehrstellen gibt als Bewerber, doch nicht immer passten die Berufswünsche der jungen Leute zum Angebot, das regional stark unterschiedlich sei.

Und auch wenn es viele unbesetzte Ausbildungsstellen gibt, haben nach ihrer Darstellung einige dennoch ganz schlechte Chancen: die ohne Schulabschluss, die mit dem normalen Hauptschulabschluss und die mit schlechten Noten. Die tatsächlichen Kompetenzen kämen nur wenig zum Tragen: "Im deutschen System müssen sie Zertifikate und Noten vorlegen". Deshalb führten viele junge Leute die richtige Strategie, wenn sie freiwillig noch das eine oder andere Jahr Schule anhängen, um den besseren Abschluss zu erreichen. Das sei auf jeden Fall besser als Übergangsmaßnahmen. Die könnten hilfreich sein, aber auch stigmatisierend.

Gut aufgestellt sei der, der klare Vorstellungen hat und hartnäckig ist. Solche Jugendliche steckten auch Misserfolge weg und blieben am Ball. Dazu komme natürlich die Unterstützung von außen: durch Lehrer, Eltern, Bekannte. Vor allem berufliche Kontakte und Erfahrungen von Eltern helfen, wie sie sagte, den meisten jungen Leuten bei der Berufswahl.

Jan Schameter aus Holzminden stellte ein Projekt zum Thema "Gehen oder Bleiben" vor. In vielen Regionen Deutschlands gehe ein großer Teil der jungen Leute weg. Eine Umfrage im Landkreis Haßberge ergebe, dass mehr als die Hälfte der Schulabgänger bleiben möchte, 40 Prozent aber weggehen. Ein Grund dafür sei, dass der Schwerpunkt der Arbeitsplätze hier im technischen Bereich liegt. Ganz wichtig für die Bindung seien die sozialen Kontakte, ganz oft die Sportmannschaft. Die Studie zeige auch: je kleiner der Ort, desto größer die Bindung, auch wenn die Versorgung in der nächstgrößeren Stadt besser wäre.

Horst Hofmann, zuständig für die Personalgewinnung im Landratsamt Haßberge, hat zwei Beobachtungen gemacht: Die Faktoren Wohnen, Sicherheit und Kinderbetreuung haben mehr Gewicht bekommen. "Und junge Frauen mit sehr guten Abschlüssen bewerben sich für vorerst relativ schlecht bezahlte Ausbildungsstellen als Verwaltungsfachangestellte. Sie wollen aber ganz klar wissen, welche Möglichkeiten ihnen offen stehen. Diese Perspektiven können wir bieten, vielen Berufen fehlt die aber".

Den größten Einfluss auf die Berufswahl ihrer Kinder haben nach allen Studien die Eltern. Dem ging Werner Sacher auf den Grund. Die absolute Zahl stimme durchaus, doch sei der Einfluss der Eltern nicht automatisch positiv. Die hätten nämlich manchmal veraltete Kenntnisse über die Berufswelt, seien in Rollenklischees verhaftet - und viele schätzten die Schwächen und Stärken ihrer Kinder nicht richtig ein, erklärte er. Von Eltern könne nicht erwartet werden, dass sie Berufswissenschaftler sind, aber sie könnten ihren Kindern wichtige Fähigkeiten mitgeben wie etwa: Zuverlässigkeit, Lernbereitschaft, Höflichkeit, Pünktlichkeit, die Fähigkeit, Enttäuschungen zu verarbeiten.

Sehr negativ für die Kinder sei die "regelrechte Bildungspanik, die in manchen Elternschichten ausgebrochen ist". Das liege auch am mangelnden Wissen über die Stärke der dualen Ausbildung. Professor Sacher machte deutlich, dass seit 2009 die Meisterprüfung die allgemeine Hochschulreife beinhaltet. Zudem sei ein Handwerksmeister heute ein gesuchter Fachmann, der angesehen ist und gutes Geld verdient.

Nach den Vorträgen nutzten viele Schüler und Eltern die Möglichkeit, an Workshops teilzunehmen. Darunter waren auch Julian und Lisa. Julian besucht die neunte Klasse der Realschule, für ihn stehen die Berufspraktika erst noch an. Aber dass er eine kaufmännische Ausbildung anstrebt, das war ihm schon klar, als er sich für den entsprechenden Realschulzweig entschied. Nach dem Elterneinfluss gefragt, erklärt der Papa: "Ja, ich arbeite im Büro."

Anders ist es bei Lisa. Sie strebt nach der Mittleren Reife nächstes Jahr an die Fachoberschule und seit einem Berufspraktikum steht für sie als Wunsch-Ausbildungsplatz das Vermessungsamt ganz oben. Mathematik und Physik, das sind ihre Fächer. "Ich weiß nicht, woher sie das hat", beteuert die Mama, aber der Papa arbeitet in einem technischen Beruf. Auch wenn Lisa für ihr Alter schon sehr klare Vorstellungen hat, nutzte sie gerne das Angebot der Bildungskonferenz.

An zahlreichen Informationsständen präsentierten sich die großen Arbeitgeber des Landkreises, Berufsfachschulen an der Heinrich-Thein-Berufsschule und die Fachakademie für Sozialpädagogik, die Bundesagentur für Arbeit, die Bundeswehr, die Hochschulen der Region, die Handwerkskammer und unterstützende Projekte und Einrichtungen wie die Produktionsschule des Roten Kreuzes oder das ZAK-Bewerbungscoaching. Den ganzen Nachmittag über herrschte reger Betrieb.
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