Gerade noch den Schalter umgelegt: Am letzten Tag der Einspruchsfrist machte sich auch der Kreistag Haßberge in Haßfurt gegen den Bau einer weiteren 380-kV-Stromtrasse, wie eine bereits im Maintal steht, über die Haßberge stark. So eine Leitung findet sich im aktuellen Netzentwicklungsplan unter der Bezeichnung P44 - und zwar erneut! Eine Variante dieser P44 könnte vom thüringischen Altenfeld (Ilm-Kreis) über Schalkau nach Grafenrheinfeld beziehungsweise ins Umspannwerk Bergrheinfeld, dessen Bau sich im Endstadium befindet, führen mit einem Neubau von 81 Kilometern.


Politiker aufgeschreckt

Was Mandatsträger und Bürger in den oberfränkischen Nachbar-Landkreisen Coburg und Lichtenfels seit Monaten auf die Barrikaden und sogar schon zu großen Protestaktionen auf die Straßen treibt, hat nun auch die Kreisverwaltung hellhörig werden lassen. Deshalb suchte Landrat Wilhelm Schneider (CSU) vergangene Woche den Schulterschluss mit unterfränkischen Landratskollegen, die sich gegen weitere Starkstromleitungen in Richtung Grafenrheinfeld aussprachen. So mit Florian Töpper aus Schweinfurt. Unterstützt werden sie dabei von den beiden Bundestagsabgeordneten Dorothee Bär und Anja Weisgerber sowie Landabgeordnetem Steffen Vogel (alle CSU).

Am Montag hängte sich der Kreistag einer Resolution gegen die 380-kV-Leitungen an, die die Unterschriften vieler Bürgermeister aus der Region trägt. Auch diejenigen der Bürgermeister aus Maroldsweisach, Bundorf, Burgpreppach, Riedbach, Ermershausen sowie aus Hofheim.

Denn: Obgleich die Trassen-Varianten noch viele Auslegungen zulassen, ist für Michael Rahn, den Büroleiter des Landrats, nur eine Strecke denkbar: An der B 303 als vorhandener Infrastruktur-Einrichtung entlang.

Rahn: "Wir mussten uns relativ kurzfristig auf die Situation einstellen, da die Trasse, die eigentlich schon gestrichen war, jetzt wieder auftauchte. Die P44 war doch herausgenommen worden und jetzt ist sie wieder drin." Deswegen habe man die Resolution kurzfristig mit auf die Tagesordnung der Kreistagssitzung genommen, um "ein Signal zu setzen".

Nicht gegen die Resolution, sondern grundsätzlich gegen die Politik von Bundes- und Staatsregierung war Kreisrat Rainer Baumgärtner (ÖDP), der sich eine regionale Energieerzeugung wünscht. "Wir als Landkreis haben eine Energiewende auf die Beine gestellt, die Vorbild-Charakter gehabt hätte, wurden aber von Bundes- und Landesregierung nicht unterstützt, im Gegenteil: Wir wurden sogar vor den Kopf gestoßen." Er rechnete vor, dass bei einer regionalen Energieversorgung ohne lange Leitungen ein Strompreis von 20 Cent/Kilowatt denkbar wäre. "Wer aber Windparks in der Nordsee unterstützt, erntet gigantische Leitungstrassen", so sagte Rainer Baumgärtner.

Eine "Scheinheiligkeit der Politik", geißelte Kreisrat Matthias Lewin (Bündnis 90/Die Grünen), da die Nutzung der erneuerbaren Energien noch immer erschwert werde.

Das mochte Landrat Wilhelm Schneider so nicht stehen lassen. "Die Scheinheiligkeit weise ich zurück. Das gilt nicht für die Landkreis-Politik."

In einem weiteren Punkt befasste der Kreistag mit dem öffentlichen Personennahverkehr. Dazu soll ein neuer Verkehrsverbund gegründet werden. Der Landkreis Haßberge blickt gen Westen.

Der Landkreis Haßberge will den öffentlichen Personennahverkehr stärken und plant deshalb, in einen Verkehrsverbund einzusteigen. Zu diesem Zweck soll eine neue Organisation gegründet werden, und zwar der Verkehrsverbund Mainfranken GmbH. Daran beteiligt wären die beiden Städte Schweinfurt und Würzburg sowie die sieben Landkreise Haßberge, Schweinfurt, Rhön-Grabfeld, Bad Kissingen, Kitzingen, Main-Spessart und Würzburg.

Es gibt bisher schon einen Verkehrsverbund, der aber auf Würzburg konzentriert ist. Die neue Organisation ist der bisherige Verbund, und dazu kommt jetzt die Region Main-Rhön. Um die neuen Landkreise Bad Kissingen, Haßberge, Schweinfurt, Rhön-Grabfeld und die Stadt Schweinfurt aufzunehmen, ist die Gründung des neuen Verkehrsverbunds erforderlich.

Das erfuhr der Kreistag Haßberge in seiner Sitzung am Montagnachmittag im Landratsamt in Haßfurt. Einstimmig billigte der Kreistag den Gesellschaftervertrag, der vorgelegt wurde. "Jetzt geht es darum, dass wir einen großen Verbund aufbauen", erklärte der Landrat Wilhelm Schneider (CSU). Bis der funktioniert, ist noch ein weiter Weg. Es sei "noch viel Arbeit zu machen", sagte Schneider.

Der größte Vorteil eines solchen Verbundes ist die Einheitlichkeit. Das heißt, im Verbundgebiet kann ein Nutzer des öffentlichen Personennahverkehrs mit einer Fahrkarte fahren, egal ob mit Bahn oder Bussen.

Den gleichen Vorteil gibt es auch beim Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN), dem der Landkreis zum 1. Januar 2018 beitreten wird. Dass der Kreis Haßberge beiden Verbünden angehören will, sei kein Problem, sagte Christopher Alm vom Landratsamt Schweinfurt. Er ist designierter Geschäftsführer (einer von zwei Geschäftsführern) des geplanten Mainfranken-Verkehrsverbundes. In der Kreistagssitzung betonte er den Willen aller neun Gebietskörperschaften, dass sie diesen neuen Verbund gründen und zum Laufen bringen wollen.

"Wir müssen in beide Richtungen gehen", sagte der Landrat zur Vorgehensweise. "Wir brauchen die Anbindung an die großen Orte", ergänzte Kreisrat Bernhard Ruß (SPD).