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Fusionspläne: Verkauft sich die Sparkasse Ostunterfranken unter Wert?

In der Fusion der Sparkassen Ostunterfranken und Schweinfurt sieht Betriebswirt Rainer Gottwald ein einseitiges Geschäft zu Gunsten der Schweinfurter.
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Das Sparkassenlogo über einem Geldautomaten - wenn eigenständige Sparkassen "Synergieeffekte" durch eine Fusion suchen, mischt sich meist Dr. Rainer Gottwald ein. Jüngst referierte er in Knetzgau zum Thema.
Das Sparkassenlogo über einem Geldautomaten - wenn eigenständige Sparkassen "Synergieeffekte" durch eine Fusion suchen, mischt sich meist Dr. Rainer Gottwald ein. Jüngst referierte er in Knetzgau zum Thema.
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Fusion, an sich ein mächtiger Prozess. In der Sonne etwa verschmelzen bei der Kernfusion zwei Wasserstoffatome und bilden ein Heliumatom. Energie wird frei, das ganze beschert der Erde - vereinfacht ausgedrückt - Licht und Wärme, was vielen Lebensformen hierzuerden wirklich weiterhilft.

Im Bereich der Wirtschaft und am konkreten Beispiel der beiden Sparkassen Ostunterfranken und Schweinfurt bedeutet Fusion, dass zwei eigenständige Unternehmen zu einem verschmelzen - diesmal mit dem Effekt, dass Synergie frei wird. Etwa, indem Arbeitsprozesse, die vorher beide Häuser jeweils für sich erledigt haben, zusammengefasst und von einer einzigen Abteilung mit weniger Mitarbeitern geleistet werden können.

Heißt: Die Sparkassenfusion bietet Einsparpotenzial vor allem im Bereich Personal zu Gunsten einer "kunden- und aufgabenorientierten Sparkasse", wie es die Sparkasse Ostunterfranken im Juli dieses Jahres mitteilte, als die Fusionspläne bekanntgegeben wurden. Dadurch wäre man langfristig besser aufgestellt, die regionale Verwurzelung bliebe bestehen, Filialen könnten eher erhalten werden, betriebsbedingte Kündigungen seien dazu nicht nötig.

Nun kam am Dienstagabend der Betriebswirt Rainer Gottwald nach Knetzgau und erklärte bei einem Vortrag im Ratssaal, dass die Fusion der beiden Sparkassen gar nicht notwendig sei, besonders aus Sicht der Sparkasse Ostunterfranken nicht: Deren Zahlen seien nämlich so gut, dass das Haus wesentlich zukunftssicherer aufgestellt sei als der westliche Nachbar. "Die Schweinfurter haben es bitter nötig zu fusionieren, Sie nicht", sagte er im voll besetzten Ratssaal. "Sie sind quasi die Melkkuh."
Der 72-jährige Gottwald stammt aus dem oberbayerischen Landsberg am Lech und hat in den vergangenen Jahren mehrere Sparkassenfusionen kritisch begleitet.

Unter den Zuhörern befanden sich auch mehrere Mitglieder des Verwaltungsrates der Sparkasse Ostunterfranken (darunter dessen Vorsitzender Landrat Wilhelm Schneider) sowie die Vorstände Peter Schleich und Andreas Linder, die unter Vorsitz Schleichs das operative Führungsduo der Sparkasse Ostunterfranken bilden. "Warum verkaufen Sie sich unter Wert nach Schweinfurt?", fragte Gottwald in die Runde. Dazu äußerten sich Schleich und Schneider sowie Verwaltungsratsmitglieder schließlich auch. Gastgeber an diesem Abend war die Gemeinde Knetzgau, deren Bürgermeister Stefan Paulus die gesamte Veranstaltung moderierte.

Lange Zeit hatte zunächst Rainer Gottwald das Wort. Seine Ausführungen stützte er auf Zahlen, die er den Bilanzen der jeweiligen Sparkasse und den zugehörigen Offenlegungsberichten entnahm, die Bankhäuser nach Vorgaben der EU-Bankenrichtlinie anfertigen sollen. Dabei rechnete er vor, dass die Sparkasse Ostunterfranken die Anforderungen an die sogenannte Gesamtkapitalquote besser und langfristiger erfüllen könne als der Schweinfurter Nachbar.

Vorweg zur Erklärung: Das Bundesfinanzministerium teilt mit, dass laut Vorschrift eine Bank "inklusive Ergänzungskapital Eigenmittel in Höhe von mindestens acht Prozent der Risikopositionen" haben muss (Gesamtkapitalquote). Das Finanzministerium nennt ein Beispiel: "Risiken in Höhe von 100 Euro müssen mit mindestens acht Euro Eigenmitteln hinterlegt werden." Werde diese Grenze unterschritten, muss die Bankenaufsicht (BaFin, steht für Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) handeln, "um Gefahren zum Schutz der Sparer und Anleger sowie zur Sicherung der Finanzmarktstabilität abzuwenden."

Nun erklärte Rainer Gottwald, dass die Sparkasse Ostunterfranken für das Jahr 2016 eine Gesamtkapitalquote von 16,36 Prozent vorzuweisen hat, während die maximalen Anforderungen gemäß BaFin an die Kapitalquote bei 9,225 Prozent lägen. In den kommenden Jahren würden diese Anforderungen aber durch weitere Regulierungsvorgaben auf maximal 13,6 Prozent im Jahr 2019 ansteigen. Während das der Sparkasse Ostunterfranken noch ausreichend Spielraum böte, sieht das laut Gottwald bei der Sparkasse Schweinfurt anders aus: Hier nannte er eine Gesamtkapitalquote von 15,7 Prozent im Jahr 2016, während die maximale Anforderung bei 11,225 Prozent läge, die sich aber bis ins Jahr 2019 auf maximal 15,6 Prozent erhöhen könnte. Damit lägen die Schweinfurter mit ihrer momentanen Gesamtkapitalquote nur 0,1 Prozentpunkte über der Anforderung - bedenklich also.

Diesen Wert der maximalen Anforderung, das betonte Rainer Gottwald ausdrücklich, habe er beim Schweinfurter Kreditinstitut zum Teil nur unterstellt, weil er im Offenlegungsbericht der Sparkasse Schweinfurt beim sogenannten SREP-Zuschlag auf falsche Angaben gestoßen sei. Zur Erklärung: SREP steht für "Supervisory Review and Evaluation Process", was als "Überprüfungs- und Bewertungsprozess" der bankindividuellen Risiken bezeichnet werden kann, so wird im SREP-Zuschlag etwa das Zinsänderungsrisiko berücksichtigt. Gottwald nahm nun für seine Berechnungen zur Sparkasse Schweinfurt den Maximalwert von 2,6 Prozent beim SREP-Zuschlag an (für Ostunterfranken hatte der nur 0,6 Prozent betragen). Somit sei eine Fusion am ehesten aus Sicht der Schweinfurter nötig, während sich die Sparkasse Ostunterfranken bei einer Vermählung "unter Wert" verkaufe.

Peter Schleich, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Ostunterfranken, wies diesen Vorwurf zurück. Den Darstellungen der beiden Sparkassen zufolge würde die Fusion die Marktposition und die langfristige, regionale kundennahe Ausrichtung der beiden Geldhäuser stärken. Im Ranking der bayerischen Sparkassen wäre die Fusionssparkasse nach eigenen Angaben mit knapp vier Milliarden Euro Bilanzsumme auf Rang 14 von 68 Sparkassen, Schweinfurt bringt eine Bilanzsumme von 2,7 Milliarden Euro ein, Ostunterfranken eine Bilanzsumme von 1,2 Milliarden Euro. Den von Gottwald angegeben SREP-Zuschlag für die Sparkasse Schweinfurt bezeichnete Peter Schleich als falsch. "Es ist doch klar, dass es nicht in unserem Interesse ist, uns unter Wert zu verkaufen", sagte er. Darum hätten sich die Verantwortlichen der Sparkasse Ostunterfranken die Zahlen bei den Schweinfurter Kollegen genau angeschaut, das Institut stehe nicht so schlecht da, wie von Gottwald dargestellt. "Wir gehen hier nicht die Verbindung mit einem schlechten oder kranken Partner ein." Er forderte Gottwald auf, den richtigen Wert für den SREP-Zuschlag der Sparkasse Schweinfurt in Erfahrung zu bringen. Schleich selbst kenne diesen Wert zwar, könne ihn aber nicht nennen, da es Zahlen einer anderen Sparkasse betreffe, zu dieser Auskunft sei er nicht berechtigt. Er sagte aber, dass der Wert nicht so hoch sei, wie von Gottwald angegeben.

Dass eine Fusion der beiden Häuser sinnvoll sei und ein mittelfristiger Personalabbau via "natürlicher Fluktuation einschließlich Altersteilzeit" um jährlich drei Prozent dazu beitrage, dass man ein breites Filialnetz weiterhin finanzieren könne, sei ein wesentlicher Aspekt, der für die Bankenvereinigung spreche. Außerdem sei Schweinfurt auch in Hinblick auf die Region der richtige Partner, da die beiden Wirtschaftsräume der Landkreise Haßberge und Schweinfurt sowie der Stadt Schweinfurt eng miteinander verbunden seien.

Wie Haßberge-Landrat und Sparkassenverwaltungsratsvorsitzender Wilhelm Schneider erklärte, seien die Pläne zu einer Sparkassenfusion nicht aus einer Laune heraus entstanden, sondern beruhen auf weitsichtigen Annahmen in Hinblick auf künftige Anforderungen am Markt: "Niemand gibt gerne seine Selbstständigkeit auf", sagte er. Und die Sparkasse Ostunterfranken könnte wohl auch noch ein paar Jahre alleine durchhalten, aber betrachtet man sich die Entwicklung am Finanzmarkt, sei die Fusion der richtige Schritt. Wolfgang Borst, Bürgermeister von Hofheim und Verwaltungsratsmitglied, erklärte: "Vor einem Jahr war das für mich auch ganz klar: Eine Fusion kommt überhaupt nicht in Frage." Doch betrachtet man jetzt das Betriebsergebnis , stelle man fest, dass künftig Filialen geschlossen werden müssten, um es zu erhalten. Alternativ biete eine Fusion die Möglichkeit, Personalkosten zu sparen und größere Einschnitte in die Filialnetz-Infrastruktur zu vermeiden. Christoph Winkler, ebenfalls Verwaltungsratsmitglied und ehemaliger Bürgermeister von Zeil, sagte: "Wir haben uns mit vielen Zahlen beschäftigt. Die Fusion ist sinnvoll, weil wir dann größer aufgestellt sind."

Am kommenden Freitag, 11. November, wird im Kreistag des Landkreises Haßberge das Thema Fusion der beiden Sparkassen Ostunterfranken und Schweinfurt behandelt. Die bislang eigenständigen Häuser würden bei erfolgreichem Verlauf der Fusion zum 1. Januar 2018 unter dem Namen "Sparkasse Schweinfurt-Haßberge" firmieren.
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