Ebern
Autorenlesung

Ein Immergrün als Symbol der Aussöhnung

Das Grab fällt auf inmitten des Eberner Friedhofes. Martin Welz hat 1978 dort seine letzte Ruhe gefunden. Das Immergrün hat eine besondere Geschichte.
Artikel einbetten
Gefragter Mann: Udo Pörschke beim Signieren seines Buches. "Was aus unseren Kindern alles geworden ist", war eine Mutter, deren Sohn mit Udo während seiner Zeit in Ebern befreundet gewesen war, fasziniert.   Foto: Ralf Kestel
Gefragter Mann: Udo Pörschke beim Signieren seines Buches. "Was aus unseren Kindern alles geworden ist", war eine Mutter, deren Sohn mit Udo während seiner Zeit in Ebern befreundet gewesen war, fasziniert. Foto: Ralf Kestel
+4 Bilder
Das Pflänzchen stammt aus dem Gelände eines einstigen Gefangenenlagers aus Polen, hat einen weit Weg hinter sich, gedeiht als Symbol für Völkerverständigung. Die Geschichte, die dahinter steht, beschreibt der aus Ebern stammende Udo Pörschke auf 316 Seiten in seinem Buch "Verborgene Zeilen aus der Kriegsgefangenschaft", in dem er das Schicksal seines Großvater Martin Welz in den letzten Kriegstagen und den Jahren in Kriegsgefangenschaft bis zur Heimkehr im Februar 1949 nachzeichnet.

Das Immergrün hat Pörschke von einem einstigen polnischen Soldaten erhalten, den er bei seinen Recherchen seit Oktober 2013 während einer 2000 Kilometer langen Zeitreise in dem einstigen Lager getroffen hat, in dem sein Großvater gefangen gehalten worden. "Pflanze sie auf das Grab Deines Großvaters - als Zeichen der Aussöhnung zwischen den Deutschen und den Polen."

Eine von vielen bewegenden Begegnungen, die Udo Pörschke in seinem Buch und einer Filmdokumentation festgehalten hat. Das Video hatte vor eineinhalb Jahren in den Frankenstuben auf Einladung des Bürgervereins Ebern Premiere. Damals schrieb der FT: "Die Dokumentation gehört ins Fernsehen." Eine überarbeitete und ausgeweitete Version war seither schon Mal beim ZFD-Dokumentations-Kanal Phönix zusehen, Sequenzen davon auch am Sonntag bei der Pörschke-Lesung in der Xaver-Mayr-Galerie.

Rund 60 Zuhörer lauschten den bewegenden Schilderungen des Enkels, der sich aufgrund des Kriegstagesbuches von Martin Welz, das ihm zufällig in die Hand gefallen auf dessen Spuren begeben hatte und dabei viele Zeitzeugen traf und interviewte. "Schreiben Sie das auf, junger Mann, denn wir, die diesen Wahnsinn miterlebt haben, sind bald weg." Eine Mahnung, die ihm ein Kriegsteilnehmer mit auf den Weg gegeben und ins Drehbuch geschrieben hatte.

Mit Buch und Film verwahrt sich Pörschke gegen gegenseitiges Aufrechnen der Opfer, sondern schlüpfte vielmehr in die Rolle des Botschafters, die sich gegen jegliche Art von Unterdrückung und Fremdenfeindlichkeit aussprechen. "Durchaus möglich, dass in 70 Jahren ein Syrer ein ähnliches Buch verfasst."

Und noch eine Erfahrung zieht Pörschke aus den vielen Begegnungen. "Viele meiner Gesprächspartner erzählten mir als Fremden zum ersten Mal von ihren schrecklichen Erlebnisse. Ihre engsten Verwandten, die dabei saßen, hatten noch nie davon gehört."

Die Vorgeschichte: Als Udo im Nachlass seines Vaters Kurt Pörschke kramt, fällt ihm das Kriegstagebuch des Großvaters in die Hände. Martin Welz aus der Breslauer Straße hat darin detailliert festgehalten, wie es ihm als Obergefreiter der Luftwaffe ergangen ist, nachdem er russischen Truppen in die Hände gefallen war.
Den Gefangenenmarsch des Großvaters, eine Odyssee, hat Udo Pörschke nachgezeichnet, Zeitzeugen befragt und gefilmt.
Auch Martin Welz " hat nie über seine Kriegserlebnisse gesprochen", erzählt der Enkel, aber niedergeschrieben. Und diese Aufzeichnungen hat Pörschke ausgewertet. Sie ließen ihn nicht mehr los. Sorgsam eingepackt in eine Plastikhülle mit dem Aufdruck einer Eberner Apotheke darauf hatten die Dokumente die Jahrzehnte überdauert.

Und aus dem Studium der Aufzeichnungen von Martin Welz kann der Enkel das Leid des Opas, der aus Schlesien stammte, nachempfinden und die Odyssee, die er in der Kriegsgefangenschaft zurücklegte. Und diese Route ist der 48-Jährige zusammen mit seinem Freund Karl Hertel aus Gerach (57) abgefahren.

Martin Welz war nach dem Abrücken in Alt-Madlitz Mitte April 1945, also vor über 70 Jahren, in die Kämpfe im Kessel von Halbe geraten ("der größten Kesselschlacht auf deutschem Boden") , drei Tage lang hungrig und durstig herumgeirrt und am 1. Mai in Kummersdorf, der einstmals größten Heeresversuchsanstalt, wo Werner von Braun bis zur Verlegung nach Peenemünde seine Raketenversuche unternommen hatte, von Russen gefangen genommen worden, die ihn zusammen mit 70 000 anderen Wehrmachtssoldaten in Trebbin, einem einstigen deutschen Lager für Zwangsarbeiter, an die Polen übergaben.

In seinem Tagebuch schildert der Großvater die Entlausung und den strapaziösen, zehntägigen Fußmarsch mit 10 000 anderen Leidensgenossen über 290 Kilometer nach Cottbus und Neuhammer am Queis.

Von Zagan aus wurden sie in Viehwaggons ins oberschlesische Kohlerevier gebracht und auf mehrere Zechen verteilt. "Eine Station war das damalige Hindenburg, danach hat er nichts mehr geschrieben, wohin er gekommen ist."


Intensive Archiv-Arbeit

Wie Udo Pörschke aus Unterlagen, unter anderem des Rot-Kreuz-Suchdienstes und polnischer Archive, herausfand, landete Welz in Zabrze, wo er von Ende 1945 bis 1949 schuftete.

In Zabrze trafen Pörschke und Hertel einen 90-Jährigen, der 1947 aus französischer Gefangenschaft heimgekommen war und "der uns alles über die einstige Grube gezeigt hat, wo sich die Schächte befanden und wo die Gefangenenlager standen". Pörschke: "Dort findet man noch zerrissene Kleidungsstücke,"

Der 90-Jährige namens Pavel berichtete, dass die Zwangsarbeiter bis zu ihrer Entlassung 1949 noch immer ihre Wehrmachtsuniformen trugen. "Nur Schuhe haben sie bekommen, das waren Holzschuhe. Das Klackern habe ich noch heute in den Ohren", erzählte Pavel.

Das Buch "Verborgene Zeilen aus der Kriegsgefangenschaft" ist erschienen im Westhafen-Verlag, Frankfurt (ISBN 978-3-942836-14-2) und ist auch in der "Lese-Insel" in Ebern erhältlich. Nach der Vorstellung bei der Frankfurter Buchmesse und einem Auftritt des Autoren Udo Pörschke im Mittagsmagazin von ARD und ZDF schnellte es bei Amazon als Bestseller in der Sparte "Zweiter Weltkrieg" auf Platz 2 nach oben. Binnen einer Woche waren über 1000 Exemplare verkauft. Am Sonntag, 19. November, ist ein halbstündiges Porträt auf TV Oberfranken zu sehen. Auch die Redaktion von "Bei uns in Bayern" (Bayerisches Fernsehen) hat schon angefragt.
Verwandte Artikel
Noch keine Kommentare
Sie sind nicht angemeldet.
Sie müssen angemeldet sein, um Kommentieren zu können!
registrieren