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Interview

"Die Arbeit läuft ja nicht weg"

Psychologin Esther Rittner (Caritas Haßfurt) rät, sich Auszeiten zu gönnen und zu entspannen. Der Faulpelz- oder Faulenzertag ist Anlass, nachzudenken.
Esther Rittner entspannt sich. Die Psychologin hält es für wichtig, dass Menschen sich ausruhen - und auch faulenzen.  Foto: VM Photodesign Hausen
 
von KLAUS SCHMITT ECKEHARD KIESEWETTER
Darf man faulenzen? Ja, sagt Esther Rittner, und sie muss es wissen. Sie ist Diplom-Psychologin und hat seit 2017 die Leitung im sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas Haßberge. Das ist eine Beratungsstelle für psychische Gesundheit (Ruf 09521/6194883). Menschen in Krisen, mit psychischen Erkrankungen und Angehörige von psychisch Kranken können sich hier unentgeltlich und zeitnah beraten lassen. Seit 2010 beschäftigt sie sich auch aktiv mit Achtsamkeitsmeditation und mit anderen Entspannungsverfahren. Unsere Zeitung hat Esther Rittner um ein Gespräch zum Faulpelztag (oder auch Faulenzertag) am 10. August gebeten. Und das sagt sie:

Frage: Am Donnerstag, 10. August, ist der Faulpelztag. Macht ein solcher Tag Sinn in einer Zeit und in einer Gesellschaft, die Leistung verlangen und nicht das Gegenteil?
Esther Rittner: Das macht absolut Sinn. Es wäre sogar für die Leistung eher förderlich, jeden Tag eine Zeitspanne zum Faulenzen einzurichten. Besonders die kreative Leistungsfähigkeit ist davon abhängig, wie gut wir entspannen und loslassen können. Viele kreative Köpfe bestätigen, dass die besten Ideen und Inspirationen in Entspannungsphasen auftauchen.

Was kann der Druck im Arbeitsleben, in Gesellschaft und Schule anrichten?
Durch die Burnout-Forschung weiß man, dass Burnout-Betroffene permanent erhöhte Muskelanspannung, zum Beispiel messbar erhöhter Muskeltonus im Rücken, haben, ohne sich dessen bewusst zu sein. Viele Menschen neigen dazu, sich zu wenig zu entspannen, sie sind also zu wenig faul, setzen sich unter Druck, kommen nie wirklich zur Ruhe und werden so krank.

Warum ist Stress ungesund und ausspannen so gesund?
Wenn der Körper im Stress ist, wird Kortisol (das Stresshormon) ausgeschüttet. Das ist eigentlich gut so, denn wenn Sie im Wald einem Wildschwein begegnen, ist es gut, dass Geist und Körper in Alarmbereitschaft sind. Es ist wichtig, dass Sie aufmerksam und reaktionsbereit sind und im Notfall vielleicht davonlaufen könnten. Im Gegensatz zu Tieren, die ausschließlich im Jetzt leben, hat der menschliche Geist die Eigenschaft, Vorstellungen über die Vergangenheit oder die Zukunft derart präsent zu machen, dass sich Körper und Geist auch in Alarmbereitschaft befinden, obwohl es sich objektiv betrachtet um gar keine akute Bedrohung handelt. Eine Bedrohung, die ich mir vorstelle, kann also Stressreaktionen erzeugen, die im Körper ähnliche Auswirkungen haben wie eine reale akute Bedrohung. So kann zum Beispiel ein Schüler, auf dem großer Druck lastet und der das Gefühl hat, sein gesamtes zukünftiges Leben hinge von seinen Noten ab, alleine durch die Erwartung, er könne durch die Prüfung fallen, eine massive Stressreaktion erleben. Stress ist, wenn er überdauert, richtiggehend schädlich für uns. Wir befinden uns unter Daueranspannung und körperliche Funktionen können beeinträchtigt werden (zum Beispiel das Immunsystem).

Wie kann man am besten entspannen und abschalten? Gibt es allgemeingültige Tricks?
Was sehr gut funktioniert, ist, sich auf die Wahrnehmungen zu konzentrieren. Legen Sie sich einmal auf die Couch oder auf Ihr Bett und spüren Sie in ihren Körper hinein. Wie fühlt sich die Unterlage an? Wie fühlt sich Ihr Körper an? Lassen Sie sich tief hineinsinken und genießen Sie dieses Gefühl. Freuen Sie sich über das angenehme Gefühl, das Sie dadurch haben. Was immer Sie so genießen können, ist Entspannung und das Prinzip der Achtsamkeitsmeditation.
Viele Menschen raten heute zur Entschleunigung. Wie lässt sich das in unserer rasanten Welt, vor allem im Schul- und Berufsleben mit seinem Anspruchsdenken verwirklichen?
Entspannung ist ja nicht nur faul herumliegen. Entspannung kann auch sein, wenn Sie einmal ein paar bewusste Atemzüge nehmen, oder auch Wege, die Sie zurücklegen, bewusst zu gehen. Entschleunigung bedeutet bewusstes Wahrnehmen und Achtsamkeit.

Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder hat einmal (2001) gesagt und damit viel Ärger geerntet: "Es gibt kein Recht auf Faulheit" und damit Drückeberger unter den Arbeitslosen gemeint. Wer arbeiten könne, aber nicht wolle, dürfe nicht mit Solidarität rechnen. Wie stehen Sie dazu?
Drückeberger sind nicht faul, sie sind unmotiviert. Der Psychologe Albert Bandura hat bereits in den 70er Jahren den Begriff der Selbstwirksamkeit eingeführt. Wer keine Selbstwirksamkeitserwartung hat, hat gelernt, dass seine Mühen keine Früchte tragen. Durch ungünstige Lern- oder Umgebungsbedingungen können wir nicht zeigen, was wir können, und fühlen uns wie Versager. Motivation kann nur entstehen, wenn wir uns Ziele setzen und diese auch erreichen. Demnach sollten wir unmotivierte Menschen nicht als faul oder als Drückeberger bezeichnen. Wir sollten lieber fragen: Was würden sie gerne arbeiten und wie können wir sie auf dem Weg dorthin unterstützen?
Oder bei psychisch oder körperlich beeinträchtigten Menschen: Was müsste sich in der Arbeitswelt ändern, damit sie arbeiten könnten?

Früher hat man von Muße und Kontemplation gesprochen und das war durchaus positiv konnotiert. Warum hat Nichtstun bei uns so ein negatives Image?
Viele Menschen sind heutzutage sehr unzufrieden mit ihrem Beruf. Wenn ich meine Arbeit nicht mag, scheint der vermeintliche "Drückeberger" eine viel bessere Zeit zu haben. Mancher denkt: "Der hat es gut, der macht den ganzen Tag nichts."
Das ist jedoch ein Trugschluss: Menschen, die arbeiten, sind glücklicher. Wenn man nichts zu tun hat und sinnvolle Tätigkeiten fehlen, die den Tag strukturieren, ist das eher eine Belastung.

Wie faulenzen Sie?
Ich muss gestehen: Ich bin sehr erfolgreich im Faulenzen. Im Sommer lege ich mich am liebsten im Garten in meine Hängematte. Nicht dann, wenn alle Arbeit getan ist, sondern auch manchmal einfach, wenn alles zu viel ist.
Das Wichtigste ist heutzutage, dass wir unsere eignen Belastungsgrenzen erkennen und rechtzeitig eine kleine Auszeit einplanen. Oft springt dann unsere Katze zu mir in die Hängematte und dann muss ich ein bisschen länger liegen bleiben. Die Arbeit läuft ja nicht weg.

Die Fragen an Esther Rittner stellten unsere beiden Redaktionsmitglieder Eckehard Kiesewetter und
Klaus Schmitt
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