Ebern
Ausstellung

Jüdische Schicksale beeindrucken international

Das Schülerprojekt "Vergissmeinnicht" des Eberner Gymnasiums findet auch in Portugal Beachtung. Seminarleiter Daniel Heß präsentierte es im Parlament.
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Seminarleiter Daniel Heß wird im portugiesischen Parlament interviewt. Im Hintergrund die Tafeldn der Ausstellung. Rudolf Hein
Seminarleiter Daniel Heß wird im portugiesischen Parlament interviewt. Im Hintergrund die Tafeldn der Ausstellung. Rudolf Hein
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Sie ist das Werk eines P-Seminars im Schuljahr 2016/17 und Teil des Vermächtnisses der im vergangenen Jahr verstorbenen Cordula Kappner: "Vergissmeinnicht" lautet der Titel der Ausstellung, die von Schülern des Friedrich-Rückert-Gymnasiums erstellt wurde und die inzwischen auch in den USA und in Portugal für Aufsehen sorgt.

In der Wanderausstellung werden die tragischen Schicksale 22 jüdischer Kinder und Jugendlicher aus Ermershausen, Kleinsteinach und anderen Landjuden-Gemeinden im heutigen Landkreis Haßberge während der Nazizeit bewegend nachgezeichnet. Bei ihren umfangreichen Recherchen wurden die beteiligten 16 Schüler von Oberstudienrat Daniel Heß betreut. Cordula Kappner, mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Expertin für das einstige jüdische Leben im Bereich des heutigen Landkreises Haßberge, hatte einen Teil ihrer Forschungsergebnisse, Fotos und Dokumente zur Verfügung gestellt, die nun einer breiten, internationalen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.


Jetzt auch Portugiesisch

Zunächst sollte die Ausstellung zweisprachig sein, um auch in Israel, Großbritannien, den USA, Kanada und Schweden gezeigt zu werden, wo heute noch Nachfahren der damaligen jüdischen Flüchtlings-Familien aus den früheren Landkreisen Ebern, Haßfurt und Hofheim leben. Nun wurde die Schau auch ins Portugiesische übersetzt. Das hatte einen besonderen Anlass, wird die Schau doch augenblicklich im Palácio de São Bento in Lissabon, dem Sitz der portugiesischen Nationalversammlung, gezeigt. Die deutsche Botschaft in Portugal hatte dafür finanzielle Mittel bereitgestellt, wie Rudolf Hein berichtet.

Der sprachbegabte Studiendirektor war als Bildberichterstatter des Friedrich-Rückert-Gymnasiums bei der Eröffnungsveranstaltung am 31. Januar, anlässlich des Gedenktags der Befreiung der Vernichtungslager Auschwitz und Birkenau mit vor Ort. Er begleitete Seminarleiter Heß, der an der Eberner Schule Geschichte, Sozialkunde, Deutsch und Ethik lehrt. Hatte Heß bei der Ausstellungseröffnung an der Universität Towson (Maryland/USA) im vergangenen November nur per Video-Botschaft teilgenommen, so trat er diesmal live ans Mikrofon. "Unglaublich aufregend" sei das Ganze gewesen, berichtet Heß, "ein persönliches Highlight und ein immenser Gewinn für das Projekt". In Lissabon habe er wertvolle Kontakte knüpfen können, wie es sonst nicht möglich gewesen wäre.

TV-Sender, Presse, Parlamentarier, Ehrengäste und interessierte Öffentlichkeit waren auf Einladung des portugiesischen Parlamentspräsidenten Eduardo Ferro Rodrigues und der Organisation Memoshoà gekommen. Diese Organisation hat sich auf die Fahnen geschrieben, an Schulen und mit Lehrern dauerhaft an den Holocaust zu erinnern und das Gedenken an den 27. Januar 1945 zu bewahren.

Den Kontakt zwischen den Lissaboner Gastgebern und dem Gymnasium in den Haßbergen hatte laut Rudolf Heins Darstellung Professor Jochen Oppenheimer hergestellt, der die Schau auch betreute.
Als Vorstandsmitglied der Memoshoá Lissabon hatte er bereits die Eröffnungsveranstaltung der amerikanischen Version "Forget-me-not" begleitet, bei der Fred Emil Katz als Holocaust-Überlebender eine bewegende Rede hielt. Während seine Eltern und sein Stiefbruder ums Leben kamen, war dem Metzger-Sohn aus Oberlauringen und dessen Schwester kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs die Flucht vor den Nazis nach Großbritannien gelungen. Heute lebt der hochbetagte Soziologe und Buchautor in den USA.


Das Wortspiel funktioniert nicht

Die Besucher der Ausstellung erwarten keine großen Zahlenspiele oder abstrakte Geschichtsfakten. Auf professionell gestalteten großformatigen Bannern begegnen sie vielmehr den Kindern Therese, Fred, Siegbert und Selma, die allein aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln keine Chance auf ein längeres Leben haben sollten. Aus unbeschwerten Kindern werden vor den Augen des Betrachters Todesopfer. Dies gehtzu Herzen und vermittelt lebensnah den Gräuel des Holocaust.

Großes Verdienst von Seminarleiter Heß ist es, Cordula Kappner vor gut zwei Jahren überredet zu haben, die Ergebnisse des P-Seminars einem größeren, womöglich internationalen Publikum zugänglich zu machen. Für das Plakat und das professionelle Design der Ausstellung, die unter anderem durch finanzielle Unterstützung des Bürgervereins Ebern verwirklicht wurde, holte Heß seinen Bruder Oliver zu Hilfe.

Die Grafiken und Fotos der 24 Schautafeln sind in der neuen Version unverändert geblieben, gewandelt hat sich nur die Sprache. So ist aus dem Wort Geburtsdatum "Data de nascimento" geworden und Vergissmeinnicht heißt in der portugiesischen Version "Para não esquecer" (zu Deutsch: "Nicht zu vergessen"). Das Wortspiel mit dem Blümchen, dem das Projekt seinen deutschen Namen verdankt, funktioniert in dieser Sprache nicht.


Ansprache im Parlament

Daniel Heß berichtete in seiner Ansprache vor den Parlamentariern vom Entstehen und den zentralen Gedanken der Ausstellung. Er betonte, dass man sich immer aufs Neue erinnern müsse, an das was geschah. Dadurch gebe man warnendes Beispiel dafür, was geschehen kann, wenn Menschen ihre Menschlichkeit verlieren. Größter und wichtigster Inhalt der Ausstellung sei es, das Andenken an die vertriebenen und ermordeten Kinder und ihre Eltern für alle Zeiten zu bewahren.

Inzwischen wurden laut Mitteilung des Eberner Gymnasiums auch in Israel Kontakte mit Interessenten an der Ausstellung geknüpft. "Vielleicht," so erklärt Rudolf Hein dazu, "findet ja dereinst in Kiryat Motzkin, dem Ort, den schon einige Eberner Schüler im Rahmen eines Schüleraustauschs besucht haben, eine weitere feierliche Eröffnung statt - in hebräischer Sprache."


Unterwegs in Franken

Während die englische und portugiesische Version international die Runde machen ist die deutschsprachige Wanderausstellung weiterhin in Franken unterwegs. Zuletzt im Zeiler Hexenturm zu sehen, wurde sie inzwischen im Bamberger Stadtarchiv aufgebaut, wo "Vergissmeinnicht" noch bis Ende März besucht werden kann. Vom 12. April bis 11. Mai folgen dann Stationen im Bibliotheks- und Informationszentrum (Biz) in Haßfurt und vom 2. bis 30. Juni in der Stadtbücherei Baunach. Die Synagoge Memmelsdorf hat die Ausstellung im kompletten Oktober und bis 10. November zu Gast, ehe sie nach Coburg weiterreist.
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