Ebern
Gedenkveranstaltung

Wenige Tage vor dem Kriegsende hingerichtet

Vor 70 Jahren wurden in Ebern vier Soldaten wegen Fahnenflucht erschossen. Eine Woche später rückten die amerikanischen Truppen in die Stadt ein. Ein Zeitzeuge erinnert sich noch genau an die Geschehnisse.
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Mahnung vor der Gedenktafel, auf der die Namen der vier hingerichteten Soldaten aufgelistet sind: die Pfarrer Grosser und Theiler mit Bürgermeister Jürgen Hennemann (von rechts); ganz links: Kreisheimatpfleger Günter Lipp.  Foto: Ralf Kestel
Mahnung vor der Gedenktafel, auf der die Namen der vier hingerichteten Soldaten aufgelistet sind: die Pfarrer Grosser und Theiler mit Bürgermeister Jürgen Hennemann (von rechts); ganz links: Kreisheimatpfleger Günter Lipp. Foto: Ralf Kestel
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"Ich höre die Schüsse immer noch." Schüsse, die vier Wehrmachtssoldaten im Alter zwischen 24 und 49 Jahren das Leben aushauchten. Gefallen vor 70 Jahren im Hof des Gefängnisses in der Rittergasse. Bei einer Veranstaltung an der Gedenktafel am Ostersonntag erinnerte Oskar Schmitt als Zeitzeugnisse an die Geschehnisse eine Woche vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen im April 1945.

"Das Gefängnis war voll mit Polen, Russen, Bürgermeistern, die die weiße Fahne gehisst hatten, und diesen vier Soldaten", wusste Schmitt als Nachbar, der unmittelbar gegenüber wohnte von der Frau des Gefängniswärters.

Und Schmitt erinnerte sich auch an die Teilnehmer der Hinrichtung der vier Soldaten, die wegen Fahnenflucht und Feigheit vor dem Feind von einem Standgericht verurteilt worden waren. "Es waren Eberner Parteifunktionäre, deren Namen ich nicht nennen will, denn sie sollen in Frieden ruhen, Feldjäger und vier bis sechs Soldaten", berichtete Oskar Schmitt. "Dabei beteuerten die Verurteilten immer wieder, dass sie zu ihren Einheiten nach Thüringen und weiter kämpfen wollten und sie doch ihre Familien wiedersehen möchten. Zwei rauchten schweigend eine Zigarette, einer schrie von Lüge und Verrat, der Jüngste warf sich aus Verzweiflung auf den Boden und wurde deswegen an einen Apfelbaum gebunden", beschrieb der Zeuge die Szenerie, der noch genau wusste, dass "ihre Leichen nachts um 3 Uhr zum Friedhof gebracht wurden" und wer die Gräber aushob.

"Das waren keine Widerstandskämpfer, aber auch keine Verräter. Es waren hungrige, verzweifelte Menschen, die im Krieg keinen Sinn mehr sahen und nur heim wollten", urteilte Kreisheimatpfleger Günter Lipp, der viele Archive gewälzt und Zeitzeugen befragt hatte, um das Schicksal der vier Soldaten aufzuhellen. "Der Akt hat mittlerweile 300 Seiten."

Und dennoch bleiben noch Fragen offen: "Wir wissen nicht, wohin sie wollten, und warum sie sich widerstandslos festnehmen ließen, da doch drei erfahrene Kriegsteilnehmer dabei gewesen waren." Angeblich hatten sie noch Ende März an einem Unteroffiziers-Lehrgang in Wildflecken teilgenommen.


Waffen gegen Lebensmittel

Der Fehler des Quartetts: Aus Hunger hatten sie in Junkersdorf versucht, ihre Waffen gegen Lebensmittel einzutauschen, weshalb sie verraten wurden und sich in Hafenpreppach festsetzen ließen, obwohl sie gewarnt worden waren . "Das Urteil gegen sie dürfte von Anfang an festgestanden haben." Das Protokoll der Verhandlung des Standgerichts im Eberner Amtshaus sei bis heute verschollen. "Die Menschen dieser Stadt waren vom Geschehen tief betroffen und haben noch lange die Gräber besucht", sagte Lipp.

Bürgermeister Jürgen Hennemann (SPD) verband damit den Appell gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus. Er kündigte eine Städtepartnerschaft mit einer Gemeinde in der Normandie an, wo einst der Eberner Dr. Baumann die Kapitulation vorantrieb, und lobte die Beiträge aus der Bevölkerung zur Linderung der Not der Asylbewerber in der Stadt. Durch gelebte Freundschaften lassen sich solche Gräueltaten verhindern, wie die an den Soldaten, die "nicht mehr kämpfen, sondern zu ihren Familien wollten".

Pfarrer Bernd Grosser, der zusammen mit Pater Rudolf Theiler die Fürbitten vortrug und in Beziehung zur Osterbotschaft setzte, bezeichnete die Hinrichtung als "Akt der Bosheit einer menschenfeindliche Ideologie".
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