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Region  // Haßberge

Heimatgeschichte

"Spiel des deutschen Mannes"

Man kann es sich im Zeitalter der Trendsportarten gar nicht mehr vorstellen. Das Kegeln erfreute sich jahrhundertelang höchster Beliebtheit.
In den frühen 1980er Jahren entstand das Bild, das eine typische, halboffene Kegelbahn zeigt. Sie existiert bis heute am Ortseingang von Westheim und gehörte zum "Mantels Keller". Erbaut wurde die Bahn im Jahr 1900. In den 1960er Jahren wurde das Kegeln hier eingestellt.
 
Die alte Göller-Kegelbahn wird bald abgerissen, die "Goldene 13" hat in Zeil wegen Überalterung ihrer Mitglieder das Kegeln aufgegeben und will ihre Pokale verschenken.

Für Geschichtskundige ein spannendes Beispiel dafür, wie sich einstige "Trendsportarten" entwickeln können. Denn das Kegeln ist eine alte Freizeitbeschäftigung, die in Rothenburg ob der Tauber beispielsweise 1157 verboten wurde. War damit doch das Glücksspiel verbunden, weil beim Kegeln Wetten abgeschlossen wurden.
Seit dem 19. Jahrhundert, immerhin, galt das Kegeln als "das Spiel des deutschen Mannes". Im Gebiet des heutigen Landkreises Haßberge zählte einst das Kegeln neben dem Schießen zu den ältesten Sportarten.

Erstmals ist das Kegeln in Zeil 1685 in den Ratsprotokollen wegen eines dort dokumentierten Streits nachweisbar: Stadtschreiber, Schulmeister und Conrad Heller hatten in einem Gasthaus beim Tischkegeln miteinander "gekugelt". Am Fronleichnamstag hat der Pfarrer den dreien einen "Trunckh" spendiert, dann gerieten sie nach dem "Kugeln" in Uneinigkeit. Das Tischkegeln war wohl wegen der niedrigen Anschaffungskosten recht beliebt und zu jeder Jahreszeit zu spielen.

Interessant ist eine Beschwerde vor dem Zeiler Stadtrat. Danach stritten sich 1792 zwei Gäste beim Tischkegelspiel. Einer beschuldigte den anderen des Betrugs, das wollte der wohl nicht auf sich sitzen lassen. Der Stadtrat Sebastian Steininger fasste seinen Kontrahenten an den Haaren und warf ihn zu Boden, wo er ihn mit den Füßen traktierte. Auch hatte er ihn "mit Fäusten ins Auge und auf den Kopf geschlagen und mit den Fingern in den Mund gegriffen, um diesen aufzuschlitzen", heißt es.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das Kegeln weit verbreitet. In einem Brief lamentierte 1814 der Dichter Friedrich Rückert aus dem ungebliebten Ebern: "Hier ist keine Seele, außer einige Tabaksraucher, Biertrinker, Kegelschieber und Mädchenjäger", womit er wohl sagen wollte, dass er hier nur Müßiggänger vorfand. Ob er schon damals die neun Eberner Türme als "Kegelspiel" wahrgenommen hatte?

Bis ins 20. Jahrhundert waren die Kegelbahnen halboffen und dadurch nicht immer benutzbar. In den Nachtstunden war die geräuschvolle Ausübung des Kegelspiels verboten.


Ein Sommervergnügen

Für viele Leute war es ein Vergnügen, an den sommerlichen Sonn- und Feiertagen etwas außerhalb der Orte ein Bierlokal oder einen schattigen Garten aufzusuchen, wo man in überdachten Sommerkegelbahnen dem Spiel frönen konnte, zumal wegen des Lärms weniger Beschwerden zu befürchten waren. Das Kegeln wurde Ende des 19. Jahrhunderts wegen seines "wohltätigen Einflusses auf den menschlichen Organismus und des gesellschaftlichen Aspekts" sogar geschätzt.

1844 ließ sich in Zeil Adam Kraus am Stadtausgang nach Haßfurt, gegenüber der heutigen Autolackiererei Kloe, eine Sommer-Kegelbahn errichten. Die war mit steinernen Platten belegt, was ihr eine bislang ungewohnte Schnelligkeit verlieh. Dieser Fortschritt war sehr willkommen, denn die meisten Kegelbahnen bestanden bis dahin zumeist nur aus Lehm- oder Bretterböden. Dass ein solcher Luxus bei einer Steinplattenkegelbahn möglich war, ist wohl auf die in Zeil im Aufblühen begriffene Steinindustrie zurückzuführen. Die Bahn, zu der in den 1930er Jahren auch ein Billardtisch gehörte, war noch bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges (1939) in Betrieb.

1851 beschwerte sich der Landrichter in Eltmann bei den Bürgermeistern, dass in einzelnen Gemeinden die "anstandswidrige, sittenverderbende und die polizeyliche Ordnung gefährdende Gewohnheit in Aufnahme gekommen ist, dass die ledige weibliche Jugend theils allein, theils in Gesellschaft von Mannspersonen bei Tag und bei Nacht Bierschenken, Kegelbahnen und Schießplätze besucht."

1889 offerierte der Wirth Weinig von der "Alten Freyung" in Zeil in einer Zeitungsanzeige eine "Gartenwirtschaft mit chinesischem Gartenhaus nebst neu hergestellter Kegelbahn". 1953 baute die Brauerei Göller eine neue Doppelkegelbahn. Hierfür wurde ein Wegstück an der Stadtmauer verwendet. 1963 kam dann die Automatisierung der Bahn, was die Kegelbuben überflüssig machte. Das Gebäude der Kegelbahn wird nun in den nächsten Wochen abgerissen um den Biergarten zu vergrößern und zu verschönern.

Ende des 19. Jahrhunderts sang man in der "Alten Freyung" - nach der bekannten Melodie des Münchner Volksliedes "So lang der alte Peter": "So lange Kugel kullern, die Kegelbahn hinaus, so lang stirbt die Gemütlichkeit in der Freyung niemals aus." Die Zeiten haben sich geändert. Die Gemütlichkeit wird auch ohne Kegelbahn bleiben.
Der Westheimer Landwirt Richard Wagner erinnerte sich 1981, wie es in seiner Jugendzeit auf der örtlichen Kegelbahn zuging. Die Bahn beherrschte die ältere Generation - es war die Domäne für "gestandene" Männer. Jüngere Burschen hatten hier nichts zu suchen und wurden hinausgeworfen.


50 Gulden oder ein Pferd

In den Amtsblättern und Heimatzeitungen finden sich unzählige Inserate, die auf die große Beliebtheit des Kegelsportes schließen lassen. Der Haßfurter Bierbrauer Johann Rambacher schrieb 1868 ein Preis-Kegelschieben aus, das drei Wochen dauerte. Als Hauptpreise waren 50 Gulden oder ein Pferd oder 40 Gulden oder ein neuer eiserner Wagen ausgesetzt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es einen gewaltigen Aufschwung des Kegelsports. 1900 inserierte der Haßfurter Drechslermeister Grünewald, dass er jede Art Kegel und Kugeln in jeder Größe herstellen könne. In Zeil drehten bis in die 1950er Jahre die Drechsler Josef Hofmann und Werner Schulz in der Speiersgasse fleißig Kegelkeile für die vielen Kegelbahnen in Zeil und Umgebung.

Nicht nur Sportvereine, wie der FC Haßfurt, huldigten nebenbei dem Kegelsport. Der Zeiler "Sängerkranz" pausierte in den 1920er Jahren mit Rücksicht auf seine Sänger aus der Landwirtschaft. Einige Beamte wollten jedoch auch in der Sommerzeit nicht auf das Singen verzichten. Ihnen gab man den Rat, sich an Kegelabenden zu beteiligen. Weil einige Sangeswillige nichts mit dem Kegelschieben am Hut hatten, kam es zu Streit und Austritten.

Als Kegelspiele beliebt waren früher das "Totschieben", das "Abräumen", das "Gitterschieben" und der "Schuster-Stuhl". Der größte Kegelclub der Stadt Zeil in den 1950er Jahren war und ist bis heute der 1951 gegründete SKK "Gut Holz", der neben der Privatkegelabteilung mit dem Namen "Grün-Weiß" eine Damenkegelabteilung unterhielt. Die weiteren Clubs waren "Bautsch", "Alle Neun", "Goldene 13", "Die Altdeutschen" und "Ums Hoar". Als "Bautsch" 1970 sein 20-jähriges Bestehen feierte, bekam jedes Mitglied ein Goldstück überreicht.
1962 wurde der Damenkegelclub "Beinah" gegründet. Es war mittlerweile der siebte Club in der Stadt.

Nur die Flinken durften Kegelaufsteller sein
Kreis Haßberge — Profitiert haben vom Kegeln die Kegelaufsteller, meistens Buben: Sie bekamen für das Aufrichten der Holzkegel einen Obolus. Zum Zug kamen nur die flinken Buben, manchmal auch Mädchen. Was Eltern und Schule nicht gerne sahen. 1904 warnte der unterfränkische Schulamtsbogen: "Kegelbuben werden leicht Trinker." Doch wurden Kegelbuben freilich oft auch hervorragende Kegler.

Das Wirtschaftswunder der 1950er Jahre wirkte sich aus. In der Keglerhochburg Zeil und andernorts mussten die Kegelbrüder ihre Keile selbst aufstellen, weil keine Kegelbuben mehr aufzutreiben waren (in den früheren Jahren hatte nicht jedes Kind mitmachen können, so viele interessierte gab es). Nun mussten die Bahnbesitzer automatische Aufsetzvorrichtungen anschaffen.

Keglerveteran Otto Beßler wies 1961 darauf hin, dass die Jüngsten wegen des Jugendschutzgesetzes am späten Abend keine Kegel mehr aufsetzen dürften. Die älteren Buben aber hatten es aufgrund besserer Verdienstquellen nicht mehr nötig.

Vergeblich hoffte Beßler auf Zeiten, in denen so mancher froh wäre, sich durchs Kegelaufsetzen eine Lederhose verdienen zu können. Ihre Keile selbst aufstellen mussten die Kegler beim Göller dann, wenn die Buben genug Geld fürs Kino hatten. Dann kletterten sie durch ein kleines Fenster und verschwanden. LL
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