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Holocaust

Neonazis nutzen das Unwissen gnadenlos aus

"Ihr seid das Volk, macht das Beste daraus, damit so was nie mehr passiert" mit diesen eindringlichen Worten verabschiedete sich Siegfried Heilig von den Haßfurter Berufsschülern, die diese Woche die Gelegenheit hatten, mit ihm ein "Zeitzeugengespräch" zu führen. Es gehörte zum Projekt "Gegen das Vergessen - für Demokratie und Toleranz", das die Jugendsozialarbeit an Schulen und die Fachbetreuer für Sozialkunde initiierten.
Der Zeitzeugenbericht des 78jährigen Siegfried Heilig ging den Berufsschülern unter die Haut.Alle Fotos: Sabine Weinbeer
 
von SABINE WEINBEER
Birgit Mair ist Sozialwirtin am Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung in Nürnberg. Seit ihrer Diplomarbeit erstellt sie Zeitzeugen-Berichte mit Holocaust-Überlebenden und arbeitet aktiv gegen neonazistische Umtriebe.

Teil des Projekts ist die Ausstellung "Überlebens-Berichte von Josef Jakubowitz", die am Mittwoch in der Berufsschule eröffnet wurde. Stellvertretender Landrat Bernhard Ruß zeigte sich beeindruckt von der Ausstellung, die das Unrecht greifbar macht. Mit Betroffenen zu sprechen, oder zumindest Zeitzeugenberichte zu lesen, das bringe vielmehr Geschichtsverständnis als die gängigen Schulbücher, so der frühere Geschichtslehrer.

Er empfahl den Schülern, auch mal die Chronik des eigenen Heimatortes zur Hand zu nehmen und über die dunklen Kapitel der Vergangenheit nachzulesen. Wie Ruß betonte auch BRK-Kreisgeschäftsführer Dieter Greger als Träger der Jugendsozialarbeit an Schulen die Werte einer offenen und gerechten Gesellschaft, die Menschen nicht ausgrenzt und sich für den Frieden einsetzt. Sein Dank galt dem Jugendamt des Landkreises, das die Projektwoche finanziert.

Siegfried Heilig war als Sinti verfolgt

Es sei ein langer gemeinsamer Weg gewesen, bis sich Josef Jakubowitz den furchtbaren Erlebnissen im Konzentrationslager stellte, erzählte Birgit Mair anstelle des erkrankten Jakubowitz. Als Zeitzeuge stellte sich kurzfristig Siegfried Heilig zur Verfügung. Als Sinti waren auch er und seine Familie Verfolgte des NS-Regimes und nur er, seine Eltern und die Geschwister überlebten, während Onkels, Tanten, Cousinen und Cousins in verschiedenen Konzentrationslagern starben.

Elf Jahre alt war Siegfried Heilig, als die Konzentrationslager von den Alliierten befreit wurden. Heute ist er 78 Jahre, und noch heute muss er mit den Tränen kämpfen, wenn er von den Gräueln erzählt. Mucksmäuschenstill war es in der Aula, denn seine Erzählungen gingen unter die Haut. "Ich hab damals meine Mutter gefragt, was die Oma denn verbrochen hat, dass sie ins Konzentrationslager gekommen ist". Mit der Antwort, dass sie dorthin gebracht wurde, weil sie Sinti ist, konnte er nichts anfangen. Von den Rassengesetzen der Nazis wusste er nichts. Er fühlte sich wie ein ganz normaler Junge. "Wir waren doch auch katholisch", und der Opa hatte im Ersten Weltkrieg als Soldat gedient.

Die Oma hatte dafür gesorgt, dass Siegfrieds Eltern sich und die Kinder vor dem Zugriff der Schergen bewahren konnten. Fortan waren sie mit dem Marionetten-Theater des Vaters unterwegs - immer etwas versteckt und mit einem gewissen Schutz des dortigen Landrats, mit dem der Vater in der Wehrmacht gewesen war. Eigentlich hatten die Heiligs eine Wohnung in Magdeburg, doch dahin kamen sie erst nach schlimmen Jahren zurück.

Die Angst der Eltern bekamen die Kinder natürlich mit, viel mehr aber prägte sich den Kindern der Hunger ein, "wir bekamen ja keine Lebensmittelkarten", erzählte Siegfried Heilig. Immer wieder verdingten sie sich als Erntehelfer bei Landwirten, ein Großteil der erarbeiteten Lebensmittel mussten aber an den schützenden Landrat abgegeben werden - die Kinder stibitzten oft nachts die für die Schweine gedämpften Kartoffeln aus dem großen Kessel. "Und der Vater kaute auf einem Stück Baumrinde, um den Hunger zu überwinden", erinnerte sich Heilig.

Heute herrscht eine andere Lebensrealität

Er weiß sehr wohl, dass die Jugend heute eine ganze andere Lebensrealität kennt, aber "es gibt nicht mehr viele, die erzählen können". Deshalb nimmt auch er immer wieder die Konfrontation mit den Erinnerungen und den Erzählungen seiner überlebenden Tanten auf sich. Sein Onkel, ein fescher Kapellmeister, wie ein Foto zeigte, wurde in Auschwitz totgeschlagen "weil er schon immer ein bisschen frecher war".

Als "Zigeuner" wurden die Sinti und Roma von den Nazis pauschal als "asozial und arbeitsscheu" abgestempelt und zu ihrer Vernichtung aufgerufen, erläuterte die Wissenschaftlerin. Sie zeigte den Jugendlichen auch auf, dass den Sinti und Roma ähnlich wie den Juden über Jahrhunderte der Zugang zu bestimmten Berufen verwehrt war. So kristallisierten sich bestimmte Tätigkeiten heraus wie die des Instrumentenbauers, Schaustellers, des Scherenschleifers oder Korbflechters.

Die Familie Heilig habe nur überleben können, weil es Menschen gab, die halfen. "Es waren nicht alles Nazis", betonte auch Siegfried Heilig. Doch leider gebe es auch heute noch und wieder Menschen, die dieser unheilvollen Ideologie anhängen und deshalb müsse gegen das Vergessen gearbeitet werden.

Es dauerte ein bisschen, doch dann kam auch die Fragerunde in Gang. Darin erfuhren die Schüler, dass Siegfried Heilig Jahre lang Angst vor jeder Uniform hatte, auch vor der Feuerwehr, oder wie der Internationale Suchdienst des Roten Kreuzes den Überlebenden und Verschleppten half, ihre Familien wieder zu finden.

Bester Nährboden für Ideologien ist Unwissenheit

Unwissenheit ist der beste Nährboden für krude Ideologien. Von Unwissenheit profitieren auch die Neonazis mit ihrer Propaganda, und gegen diese Unwissenheit und das Vergessen kämpft die Sozialwissenschaftlerin Birgit Mair mit ihrem Projekt "Gegen das Vergessen - für Demokratie und Toleranz". Neben Ausstellung und Zeitzeugengespräch gehörte dazu an der Berufsschule auch ein Vortrag über Neonazismus und Rassismus in Franken und Handlungsstrategien dagegen.

Mit vielen Bildern belegte sie die neonazistischen Umtriebe von rassistischen Schmierereien bis zu Aufmärschen. Ausführlich ging sie auf die Terrorzelle NSU und deren Opfer ein. Auch zeigte sie die Versuche auf, wie sich die NPD im Vorfeld der Bundestagswahl von den NSU-Terroristen Mundlos, Böhnhardt und Tschäpe zu distanzieren versucht.

Viel Symbolik ist im Spiel, wenn die rechte Szene versucht, Werbung für sich zu machen. Einer der Schüler berichtete, dass er kürzlich auf eine Facebook-Seite "hereingefallen" sei. Die Seite, die es mittlerweile nicht mehr gibt, war symptomatisch für das Vorgehen der NPD: mit aktuellen Themen, etwa Zeitarbeit, Niedriglohn oder in diesem Fall Kindesmissbrauch ziehen sie das Interesse auf sich und erst nach einigem Blättern merkt man, wo man da gelandet ist.

Mair wies auf die Internetadresse des Mainzer Jugendschutzes hin. Unter www.hass-im-netz.info können solche Seiten angezeigt und in der Folge entfernt werden.

Viele der Anwesenden waren überrascht, wie viele Umtriebe von Neonazis es im Fränkischen Raum gibt. Auch den 1. Mai instrumentalisieren sie seit einigen Jahren. Seit vorgestern sei bekannt, dass der Aufmarsch diesmal in Würzburg stattfinden werde.

Birgit Mair forderte alle Anwesenden auf, sich an Gegendemonstrationen zu beteiligen. Das sei ein sehr wirkungsvolles Instrument, wie nicht nur die Gegendemonstranten in Gräfenberg bewiesen.

Sie zeigte Symbole, Zahlenkombinationen und Internetshops, die einschlägige Klamotten vertreiben. Warum das nicht einfach verboten wird, wollte ein Schüler wissen. Dazu erklärte Mair, dass bestimmte Symbole wie das Hakenkreuz verboten sind, doch die Zahlen, die für bestimmte Buchstaben im Alphabet stehen, könne man nicht einfach verbieten.

Heute zivilisierteres Auftreten...

Sehr harmlos kämen Neonazis heute daher, vorbei die Zeit, als sie an Glatze und Springerstiefel eindeutig erkennbar waren. Geradezu paradox sei der Kontakt der Bayerischen NPD zu griechischen Nazis.

Warum sie sich so engagiere, obwohl sie doch mit Repressalien zu rechnen habe, wurde Birgit Mair gefragt. Ihre Antwort war eigentlich ganz einfach: "Weil ich eine Gesellschaft möchte, in der keiner ausgegrenzt wird, ich will keine Diktatur und keine Gewalt". Dafür nimmt sie es in Kauf, dass sie erhöhte Sicherheitsvorkehrungen treffen muss, wenn sie zu Veranstaltungen oder wieder heim fährt.

Die Jugendsozialarbeiter an der Berufsschule, Martina Meisch und Tim Burkard zeigten sich beeindruckt, wie interessiert die Schüler die Angebote annahmen. Sie selbst ergänzen die Projektwoche mit einem Argumentationstraining gegen Stammtischparolen.


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