Schweinfurt
Toguz Kumalak

Schweinfurt sucht Europameister im kasachischen Nationalsport

Bei der Europameisterschaft im Toguz Kumalak treffen am Wochenende in Schweinfurt Online-Gamer auf die fliegenden Finger der klassischen Brettspieler.
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Opa Jurij beobachtet, wie seine Enkelin Anna sich beim Toguz Kumalak gegen Online-Gamer Edgar schlägt. Foto: Ronald Rinklef
Opa Jurij beobachtet, wie seine Enkelin Anna sich beim Toguz Kumalak gegen Online-Gamer Edgar schlägt. Foto: Ronald Rinklef
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Des Gegners Kügelchen nach einer mathematisch perfekt ausgeklügelten Strategie in die Rillen schubsen: Wer so Toguz Kumalak spielt, hat in Kasachstan ausgesorgt. "Bei Meisterschaften kann man ein Haus, Urlaub, viel Geld gewinnen", sagt Jurij Nold. Der gebürtige Kasache organisiert in seiner zweiten Heimat Schweinfurt gerade die Europameisterschaft im Toguz Kumalak. Im achten Stock des Hotel Panorama werden am Samstag und Sonntag an die 40 Spieler und Spielerinnen ihr Können messen.



Trotz der komplexen Strategie sind die Regeln des Spiels so einfach, dass es in den Ländern Zentralasiens jedes Kind lernt - und das schon seit Jahrhunderten: Früher soll das "Nomandenschach" mit Kieselsteinen oder auch mit getrockneten Schafskötteln gespielt worden sein. Heute frönen Millionen Menschen dem kasachischen Nationalsport.


Einfache Regeln, komplexe Strategie

Toguz Kumalak bedeutet "Neun Kugeln" . Zu Beginn haben die beiden Spieler in neun Rillen vor sich je neun Kugeln. Wer am Zug ist, nimmt aus einer Rille alle Kugeln, bis auf eine, und verteilt sie einzeln entgegen dem Uhrzeigersinn auf die folgenden Rillen. Enthält die Rille nur eine Kugel, wird diese genommen. Landet die letzte Kugel in einer gegnerischen Rille und ergibt sich daraus eine gerade Anzahl an Kugeln, darf der Spieler sie in sein Kazan, die "Schüssel" bei den gegnerischen Rillen, schieben.
In Europa ist Toguz Kumalak relativ unbekannt, doch neuerdings gibt es immer mehr Menschen, die das Spiel im Internet entdecken. So wie Edgar Guanche-García. Der 22-Jährige kommt aus Teneriffa, arbeitet in Haßfurt bei einer Burger-Kette und hat Toguz Kumalak auf der Internetseite www.iggamecenter.com kennengelernt. Es ist dort das beliebteste Online-Game.


Die fliegenden Finger

Bei der EM in Schweinfurt tritt Edgar für Spanien an. "Ich hoffe, dass ich gewinne.", sagt er. "Aber es ist schwierig!" Er seufzt, Jurij Nold lacht: "Kasachen gewinnen immer!" Gerade eben hat Online-Zocker Edgar gegen Nolds Enkelin Anna verloren. Dabei spielt die 22-Jährige bei der EM nicht einmal mit. Aber wie alle in ihrer Familie beherrscht sie das Spiel. Opa Jurij gilt manch einem als bester Spieler außerhalb Kasachstans. Der 66-Jährige ist froh, dass es eine neue Generation von spielern im Internet gibt. "Es ist nicht leicht, in Deutschland einen Gegner zu finden. Im Internet kann man gegen die ganze Welt spielen", sagt er und verscuht dann, Gamer Edgar über seine Niederlage hinwegzutrösten. Schließlich war es sein erstes Mal an einem echten Toguz-Kumalak-Brett: "Im Internet spielst du nicht mit den Fingern. Jeder wundert sich, wenn er die fliegenden Finger zum ersten Mal sieht."


Die Zeit wird gestoppt

Bei dem Denkspiel geht es auch um Zeit: Eine Schachuhr zeigt dem Spieler bei der Variante "Rapid" an, wieviel von seinen 25 Minuten übrig ist. Wenn der Zug durchdacht ist, werden die Kügelchen rasch in die Rillen geschubst. Das typische Klack-klack-klack ist bei Turnieren mit 40 Spielern im Raum wie eine Hintergrundmusik - und es ist das einzige Geräusch. "Die Spieler sind sehr konzentriert", erklärt Nold. Deshalb sind auch keine Zuschauer zugelassen. "Wir haben hier leider nicht solche Möglichkeiten wie in Kasachstan." Jurij Nold lächelt entschuldigend, als er die EM mit den kasachischen Meisterschaften vergleicht - dort dauert ein Turnier über eine Woche.


Kasachische Großmeister in Schweinfurt

Und was ist mit Häusern, Reisen, viel Geld? "Als ersten Preis gibt es bei der EM 200 Euro." Acht kasachische Großmeister kommen allerdings zum Zuschauen, außerdem können Besucher das Spiel in einem Nebenraum des Hotels kennenlernen. Hier gibt es auch eine kleine Ausstellung mit Spielen der Mancala-Familie. "Mancala" kommt vom arabischen Wort für "befördern" und beschreibt Spiele, bei denen Steine aus Mulden oder Rillen umverteilt werden. In Afrika sind Bohnenspiele verbreitet, die ähnlichen Regeln folgen wie Toguz Kumalak. In Ägypten wurde sogar ein Spielbrett gefunden, das aus dem vierten Jahrhundert stammt.. "Wir haben beim Afrikafestival in Nürnberg mal ein Turnier gemacht", erzählt Nold. "Ob Äthiopien, Ghana oder Somalia: In Afrika spielen alle." Aber nirgendwo wird mit so vielen Kugeln hantiert wie in Kasachstan: Die Partie Toguz Kumalak hat gewonnen, wer 82 Kugeln in sein Kazam geschubst hat.
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