Haßfurt
Energiewende

Haßfurt wird Teil eines virtuellen Kraftwerks

Die Power-to-Gas-Anlage in Haßfurt nimmt nun offiziell Betrieb auf. Ein futuristischer Blick hinter die Kulissen.
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Bei der offiziellen Inbetriebnahme der Power-to-Gas-Anlage in Haßfurt hatte man die Möglichkeit, alles zu besichtigen. Hier ein Blick in die Gasanlage. Fotos: Matthias Hoch
Bei der offiziellen Inbetriebnahme der Power-to-Gas-Anlage in Haßfurt hatte man die Möglichkeit, alles zu besichtigen. Hier ein Blick in die Gasanlage. Fotos: Matthias Hoch
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Next Box und virtuelles Kraftwerk: Futuristischer geht es wohl kaum. Wer das denkt, irrt sich gewaltig. Denn das gibt es schon jetzt im Jahr 2016 - und zwar in Haßfurt. Nach einem mehrwöchigen Testlauf speist die Power-to-Gas-Anlage am Haßfurter Hafen nun ins Gasnetz ein. Die städtischen Betriebe Haßfurt haben gemeinsam mit dem Hamburger Ökoenergieanbieter Greenpeace Energy das Projekt vorangetrieben und die Gesellschaft "Windgas Haßfurt GmbH & Co KG" gegründet. Mit der Power-to-Gas-Anlage bringe die Stadt Haßfurt die Energiewende einen großen Schritt nach vorne, erklärt der Haßfurter Bürgermeister Günther Werner (FW).

Doch was ist Power-to-Gas? Im Grunde löst es das größte Problem, dass mit der Energiewende aufgetaucht ist. An windstarken Tagen erzeugen die zehn Windräder im Sailershäuser Wald teilweise so viel Strom für den Landkreis Haßberge, dass dieser nicht verbraucht werden kann. Mit einem von Siemens gebauten Elektrolyseur, von dessen Typ es weltweit derzeit nur sechs Stück gibt, wird in der Power-to-Gas-Anlage Wasser mithilfe von Strom in die Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt. Der Wasserstoff kann so als Brenngas zum Beispiel in Blockheizkraftwerken (BHKW) verwendet oder in geringer Menge - momentan etwa zu zwei Prozent - in das vorhandene Gasnetz eingespeist werden. Als Nebenprodukt entweicht der Sauerstoff durch ein Ventil nach außen. "Wir sollten den Status als Luftkurort beantragen", scherzt Stadtwerk-Chef Norbert Zösch.


Eine Million Kilowattstunden

Pro Jahr soll die Haßfurter Anlage eine Million Kilowattstunden in Form von Wasserstoff ins Gasnetz einspeisen. "Die Windgas-Technologie ist ein zentraler Baustein für das Gelingen der Energiewende", erklärt Nils Müller, Vorstand von Greenpeace Energy. Die Energiegenossenschaft versorgt 125 000 Privat- und Gewerbekunden mit Ökostrom und Windgas. Letzteres wird in Zukunft auch in Haßfurt produziert. "Umso wichtiger ist es, dass die Netzstabilität erhalten bleibt", meint Müller in Hinblick auf die Fluktuation bei erneuerbaren Energien.

Möglich macht das eine Steuerungssoftware der Firma Next Kraftwerke. Den Elektrolyseur schaltet die Firma gemeinsam mit anderen Anlagen, egal ob Biogas, Müllverbrennung oder Erdgas, zu einem "Virtuellen Kraftwerk" zusammen. "In unserer Next Box vernetzen wir aktuell 3000 Anlagen. Das entspricht zwei Kohlekraftwerken", erklärt Jochen Tackenberg von Next Kraftwerke. Gesteuert wird das Ganze aus Köln. "Wir schauen von dort, wann die Windräder im Sailershäuser Wald Überschuss produzieren und fahren dann den Elektrolyseur in Haßfurt hoch", sagt Tackenberg. Der Überschuss werde umgewandelt und in das Gasnetz eingespeist. Wenn die Anlage nicht mehr gebraucht wird, wird sie heruntergefahren.

Laut Nils Müller sei Windgas nicht nur im Strombereich unverzichtbar. "Es ist die einzige Technologie, die die nötigen Kapazitäten bieten kann, um in Zukunft auch im Verkehrssektor, in der Wärmeversorgung oder in der Chemieindustrie die CO2 -Emissionen zu senken." Momentan klinge das alles sehr futuristisch, gibt Michael Friedrich, Pressesprecher von Greenpeace Energy, offen zu. Aber: In Zukunft werde Power-to-Gas und das "Virtuelle Kraftwerk" in einem erneuerbaren Energiesystem unverzichtbar sein.
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