Sand am Main
Handwerk

Die Weide steht zum Schälen an

Die Arbeit mit der weißen Weide hat in Sand Tradition. Korbmacher Stefan Rippstein ist Hüter alten Wissens und Könnens.
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Diese strahlend weißen Weiden sind frisch geschält und daher natürlich noch feucht und weich. Rund um das Haus verteilt, trocknet das Rohmaterial für die Korbmacherei nun und wird später bis zum Verarbeiten gelagert - vor der Verarbeitung werden die Weidenruten erneut gewässert, um sie wieder biegsam zu machen.
Diese strahlend weißen Weiden sind frisch geschält und daher natürlich noch feucht und weich. Rund um das Haus verteilt, trocknet das Rohmaterial für die Korbmacherei nun und wird später bis zum Verarbeiten gelagert - vor der Verarbeitung werden die Weidenruten erneut gewässert, um sie wieder biegsam zu machen.
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In der vergangenen Woche war es wieder so weit. Mitte Mai war und ist in Sand die Zeit des Schälens der weißen Weide. In diesen Tagen hörte man in Sand für diese Arbeit früher die Maschinen klappern und standen vorher die Weiden an den Gartenzäunen.

Heute ist diese Arbeit nur noch ganz selten zu sehen, doch Stefan Rippstein, der das besondere Handwerk an der Korbmacherschule in Lichtenfels, aber auch im eigenen Elternhaus gelernt hat, zieht die Ruten heute noch durch seine Maschine und hält die Tradition hoch.

Sand ist als "Korbmachergemeinde" bekannt. Bis heute wird von rund zehn Korbmachern Handel mit Produkten aus Weide betrieben. Als richtiger, hauptberuflicher Korbflechter ist nur noch Stefan Rippstein übriggeblieben, dazu ein anderer Bürger, der das Traditionshandwerk aber mehr als Hobby betreibt. Bis vor einiger Zeit habe auch der 87-jährige Gosbert Krines noch Weiden geschält, erzählt Rippstein. Aber in jüngerer Zeit sei nicht mehr viel von den früher so aufregenden Wochen beim Schälvorgang der "weißen Weide" zu spüren.
Diese Pflanze wird nämlich in den Wintermonaten nach dem ersten Frost, meist Ende Januar oder Februar, geschnitten. Danach werden die Ruten entweder in den Schatten gestellt, früher manchmal auch eingegraben, damit sie im Saft bleiben. "Nach dem Frühlingsfrost wurden sie dann künstlich gewässert, und das geschah in Sand am Mainufer, wo teilweise sogar um die besten Plätze gestritten wurde", weiß Stefan Rippstein noch aus Erzählungen seines Vaters und Großvaters, die natürlich auch Korbmacher waren, zu berichten.


Ganzer Ort auf den Beinen

Auf diese Weise kann man die Weide zu einem künstlichen Austrieb reizen. "Mit dem Schälen wird aber erst begonnen, wenn die Wurzeln zu wachsen beginnen und an der Spitze die ersten Zweige erscheinen", erklärt Stefan Rippstein und zeigt dies an einer Weidenrute mit grünen Blättchen. Wenn die Zeit reif war fürs Schälen, war in Sand alles auf den Beinen. "Selbst die Schulkinder hatten in dieser Woche frei und mussten Weiden schälen. Auch Leute aus den umliegenden Orten, vor allem aus dem Steigerwald, halfen beim Schälern und verdienten sich etwas Geld dazu. In jedem Hof waren die Weidenschäler, und später haben dann die Schälmaschinen gescheppert und gedröhnt."


Handarbeit wie eh und je

Korbmacher Stefan Rippstein hat sich außerhalb seiner Heimatgemeinde vor zehn Jahren ein Anwesen mit Werkstatt und Ausstellungsräumen gebaut und betreibt das Korbmacherhandwerk noch wie eh und je seine Vorfahren. Er bewirtschaftet Felder für den Weidenanbau in der Nähe seines Hauses und in den Mainauen Richtung Zeil.

Rippstein zeigt, wie der Handweidenschäler zum Abziehen der Weidenschale benutzt wurde. Er bricht die Schale auf. Dann kann man sie, feucht und biegsam wie sie ist, bei mehrmaligem Durchziehen noch komplett abziehen. Übrig bleibt das helle Holz der geschälten Weide. Auf keinen Fall lasse sich die Weide in trockenem Zustand schälen, erklärt der Handwerker. Das Schälen der Weide sei nur kurz nach der Ernte möglich, wenn die Weide genügend Saft habe oder neu antreibe.

Heute erledigt das Schälen eine Maschine. Im Übrigen: So eine Maschine hat ein Sander Schmied 1955 erfunden. Ab 1960 klapperten diese Geräte dann in den Höfen der Sander Korbmacher.
Dass Stefan Rippstein Korbmacher mit Leib und Seele ist, spürt man, wenn er erklärt, dass die Korbmacherei ein ehrbares Handwerk ist, in dem Wissen und Können stecken. Man könne, bekräftigt er, sogar von einem "Kulturgut" sprechen. Der Sander Korbmacher ist stolz, dass am 29. Mai in Berlin das Korbmacherhandwerk mit der Urkunde des "immateriellen Kulturerbes" ausgezeichnet wird. Für ihn ohne Zweifel eine ganz besondere Wertschätzung.

Wie es wohl mit diesem Handwerk weitergeht? Das beschäftigt Rippstein sehr wohl. Er hat seine Freude daran, wenn er von Montag bis Freitag in seiner eigenen Werkstatt traditionelle Körbe oder Weidendekorationen für Haus und Wohnung flicht - oder Einkaufskörbe. "Die Leute freuen sich, weil sie so etwas brauchen können und sie täglich mit dem handgemachten Korb zum Einkaufen gehen", weiß er aus Verkaufsgesprächen. Um seine Produkte zu verkaufen, besucht er Kunsthandwerker- und andere besondere Märkte und seine Kundschaft in ganz Nordbayern. ",Komm fei wieder', höre ich meine Käufer oft beim Weggehen sagen."
Der 47-Jährige kann sich keinen anderen Beruf vorstellen. Im Familienbetrieb hilft natürlich die Frau mit. Sie ist eine Spezialistin für die Stuhlflechterei. Vier Kinder haben die Rippsteins. Die beiden älteren konzentrieren sich auf die schulische Ausbildung. "Valentin, der Dritte im Bunde, schnuppert aber ab und zu einmal in die Werkstatt rein", freut sich der Papa. Ihn würde es natürlich schon freuen, wenn es auch künftig in Sand die Korbmacherei Rippstein geben würde....
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