Haßfurt
Schicksal

Wie eine Haßfurterin seit 50 Jahren ohne Augenlicht lebt

Als 25-Jährige erblindet, meistert die Haßfurterin Maria Söldner ihr Leben. Lange Jahre arbeitete sie im Landratsamt. Nie hat sie die Lebensfreude verloren.
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Trotz ihres Schicksalsschlages, der Vollblindheit, hat Maria Söldner ihren Humor bewahrt. Die 75-Jährige hegt und pflegt leidenschaftlich ihre Orchideen neben weiteren Pflanzen. Fotos. René Ruprecht
Trotz ihres Schicksalsschlages, der Vollblindheit, hat Maria Söldner ihren Humor bewahrt. Die 75-Jährige hegt und pflegt leidenschaftlich ihre Orchideen neben weiteren Pflanzen. Fotos. René Ruprecht
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Am 20. April 1942 erblickte Maria Söldner in Haßfurt das Licht der Welt. Rund 25 Jahre später sah sie nichts mehr. Während ein 50. Jubiläum in vielen anderen Fällen Freude und womöglich auch Geschenke mit sich bringt, ist für die Kreisstädterin ein halbes Jahrhundert mit einem Schicksalsschlag verbunden, der ihr Leben komplett veränderte.

Schon als kleines Kind im Alter von drei Jahren wurden bei ihr massive Sehstörungen diagnostiziert. Maria Söldner sah noch alle Farben, aber nur noch grobe Umrisse. Die Erkrankung entwickelte sich konstant 22 Jahre lang bis zur vollen Blindheit. "Normal schreiben und lesen konnte ich nicht. Gesichter habe ich zwar nicht erkannt, aber an den Klamotten habe ich die Personen schon erkannt", sagt sie. Doch sie hat ihr Schicksal gemeistert.


Im Landratsamt beschäftigt

Nach dem Besuch der Blinden(volks)schule in Würzburg absolvierte die Haßfurterin in den Jahren 1956 bis '59 die Handelsschule für Blinde in Nürnberg mit einer einjährigen berufsspezifischen Ausbildung zur Telefonistin und Stenotypistin. Im Alter von 17 Jahren begann sie im Landratsamt Haßberge als Schreibkraft. Selbst nach dem Eintritt der Vollblindheit im Jahr 1967 und dem vollständigen Fehlen der Lichtwahrnehmung arbeitete Maria weiter bis Dezember 1996 für das Landratsamt, also insgesamt 37 Jahre.

Nachdem die Blindenstenomaschine nahezu komplett von Diktiergeräten ersetzt worden ist, hat die blinde Schreibkraft "natürlich auch mit einer ganz normalen Schreibmaschine geschrieben, sonst hätte es ja niemand lesen können. Ich habe gerne geschrieben, der Kontakt zu den netten Arbeitskollegen war auch schön", erinnert sich die strahlende Rentnerin, die mit 54 Jahren den Beruf aufgab.


Allein in eigener Wohnung

Ihre Eltern, Karl und Katharina Söldner aus Trossenfurt und Tretzendorf, zogen nach Haßfurt in ein kleines "Eisenbahnhäusle" am Wildbad, weil der Vater bei der Eisenbahn arbeitete. Maria Söldner wuchs mit acht Geschwistern auf. Während das blinde Familienmitglied von der Großfamilie zu Hause unterstützt wurde, war sie 1989 mit ihrer ersten eigenen Wohnung überwiegend auf sich alleine gestellt. "Ich musste einfach zurechtkommen", so die ehrgeizige Blinde, für die die Orientierung in der Wohnung mithilfe von Ohren und Händen "überhaupt kein Problem ist".

Der Alltag Marias gestaltet sich heute ganz ähnlich wie bei sehenden Rentnern. Sie kocht und backt leidenschaftlich, nur die Lebensmittel lässt sie sich von einem Supermarkt liefern. Im häuslichen Bereich helfen auch Bekannte sowie die ambulante Pflegestation "Lebenswelt", beispielsweise bei schriftliche Sachen für die Behörden.
Zum Einkaufen geht es aber auch mal in Begleitung, vor allem wenn es um Kleider oder Sachen für die Wohnung geht. Die Pflegerin Christa Lübke aus Holzhausen ist immer wieder erstaunt, wie "selbstständig Maria ist: Das können sich die normal Sehenden gar nicht vorstellen".


Technische Hilfsmittel

Dass ihre Selbstständigkeit aber auch der Technik zu verdanken ist, gibt Maria Söldner offen zu: "Jetzt gibt es allerweil schon viel, das hat es früher alles nicht gegeben." Maria hat viele sprechende Geräte, darunter eine Küchenwaage, Fieberthermometer, Innen- und Außenthermometer, eine Farberkennungsmaschine sowie eine Uhr: "Meine Besucher sind immer erschrocken, wenn auf einmal die Uhr einen guten Morgen mit der aktuellen Uhrzeit wünscht", so die humorvolle 75-Jährige, für die "Lachen das A und O ist und dass man zurechtkommt und nichts negativ sieht."
Der Rundgang durch das "blinde Heim" erstaunt die sehenden Augen. Über 30 Blumentöpfe stehen in der 68 Quadratmeter großen Drei-Zimmer-Wohnung und auf dem Balkon verteilt. Sie hegt und pflegt schon immer Orchideen.
"Auch wenn ich viel zu Hause bin, habe ich schöne Hobbys. Ich lese gern, verbringe viel Zeit mit meinen Pflanzen und Blumen, koche und backe gerne; hier und da spiele ich auch mal Keyboard, höre gerne klassische Musik." Der Favorit ist die Wiener Klassik von Mozart, Beethoven und Haydn. Ihre Philosophie lautet: "Niemals aufgeben" und das Leben genießen. "Was soll ich machen, da verdummt man ja, wenn man keine Interessen hat und sich nicht beschäftigt." Sie nutzt Hörbücher und liest aktuell den Fortsetzungsroman "Das Lied von Eis und Feuer", weil "es hochinteressant ist. Ich bin froh, dass mir die Blindenbücherei Leipzig jede Woche ein Heft per Post schickt".
Punktschriftbücher sind in der Regel teurer als normale Bücher, aber das wöchentliche Heft "für einen Euro, das ist geschenkt", so die Leseratte auf ihrer Couch. Der Fernseher läuft auch hin und wieder, neben Radiosendern stehen Nachrichten, Dokumentationen, aber auch Filme auf dem Programm.
Früher ging Maria Söldner auch alleine spazieren. Seit 2010 ist dies eher seltener geworden und nur noch in Begleitung möglich, weil die blinde Rentnerin seit einer schweren Entzündung eine Beinprothese hat.
Bei der Frage nach einem Lebenspartner unterstreicht die Blinde ihren Humor nochmals: "Mich wollte doch niemand. Ich bin doch kein Dornröschen, wo der Prinz heimkommt", so die lachende Maria Söldner.
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