Wie überraschend die Entlassung von Robert Andersson kam, wurde bei der Vorstellung seines Nachfolgers als Trainer des Handball-Bundesligisten HC Erlangen in Nürnberg deutlich. Einen offensichtlichen Grund für die Entscheidung gab es nämlich nicht. Es sei um Gefühle, um Stimmungen gegangen. Oder wie es Neu-Coach Tobias Wannenmacher ausdrückte: "Es waren Details."
Carsten Bissel versuchte dennoch eine ausführliche Erklärung und begann mit philosophischen Worten: "Wie die gesamte Menschheit hat der HC Erlangen das Problem, dass er nicht in die Zukunft blicken kann." Soll heißen: Robert Andersson war der Richtige, aber eben nur für eine gewisse Zeit - und die scheint abgelaufen zu sein. Zumindest wäre sie nicht über den 30. Juni 2018 hinausgegangen, doch genau diese Klarheit habe der Schwede im Frühjahr gewollt, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende.


Andere Art von Trainer

Andersson habe das Kollektiv betont, was zweieinhalb Jahre gut gewesen sei, genauso wie zuvor der Typ Frank Bergemann zur Mannschaft gepasst habe. Doch jetzt habe man einen Trainer gebraucht, der eine andere Art verkörpert. Der die individuelle Ansprache besser beherrscht und die mentale Verkrampfung löst. "Keines der Gespräche, das wir mit externen Kandidaten geführt haben, hat uns zu 100 Prozent überzeugt", erzählte Bissel.
Nach der Goethe-Weisheit "Warum in die Ferne schweifen" wurde der Verein in den eigenen Reihen fündig. Bei keinem Geringeren als "dem besten Handballtrainer einer zweiten Mannschaft in Deutschland", lobte Bissel. Immerhin stieg Wannenmacher mit der U23 des HC in der vergangenen Saison in die 3. Liga auf, wo das Team in der Staffel Ost nach acht Partien den zweiten Platz belegt. Da der 38-Jährige nur einen Nachteil habe - fehlende Erfahrung als Übungsleiter im Profibereich - wolle man ihm die Chance geben. "Für ein paar Wochen oder Monate, vielleicht sogar Jahre", sagte HCE-Geschäftsführer René Selke.


Das Feuer wieder entfachen

Wannenmacher habe die Klubführung mit seinem Konzept überzeugt. "Wir haben zuletzt die Lockerheit und den Spaß am Handball vermisst. Tobias kann dieses Feuer wieder entfachen", ist Selke überzeugt. Der Neuling solle in der ersten Mannschaft entfesseln, was er bislang in der Reserve geleistet habe. Gleichwohl sei der Schritt mutig, doch "eine gehörige Portion Mut gehört bei vielen Entscheidungen dazu", sagte Bissel und schloss den Kreis zu seinem anfänglichen Menschheitsproblem. Wannenmacher wolle die Jungs, für die er ab sofort verantwortlich ist, kitzeln, dem Team eine Identität verpassen. "Die Mannschaft ist gut aufgestellt, es fehlen Details", erklärte er. "Wir müssen zeigen, dass die Arena unser Zuhause ist", forderte der 38-Jährige mit Blick auf die anfangs als Ausweichort gedachte Spielstätte auf dem Nürnberger Zeppelinfeld. Vor allem am vergangenen Donnerstag gegen Kiel habe von der ersten Minute an die Mentalität gefehlt, einem Favoriten ein Bein stellen zu wollen.
Als der gebürtige Oberbayer 2011 in den Profiruhestand ging, fand das Abschiedsspiel ein Jahr später noch in der Karl-Heinz-Hiersemann-Halle statt. "Da war die Hütte voll", erinnerte sich Bissel und verdeutlichte, wie beliebt "Wanne" war und ist. Bezüglich seiner laut Bissel einzigen Schwachstelle, erzählte Wannenmacher, dass er sich Feedback von erfahrenen Trainern geholt habe und aus seiner eigenen Laufbahn, die aufgrund von Verletzungen etwas früher endete als geplant, einiges mitgenommen habe. Er wolle sich auf keinen Fall in den Vordergrund stellen, sagte er und lieferte den Beweis unfreiwillig mit, denn im ohnehin betriebsamen Foyer der Hemmersbach GmbH & Co. KG klangen seine Worte durch das Mikrofon noch leiser als die seiner Vorredner.
Letztlich müssten die Mechanismen wieder funktionieren, brachte es der neue Trainer auf den Punkt. "Handball wird in der Halle gespielt und nicht auf irgendwelchen Nebenkriegsschauplätzen." So auch am Donnerstag bei den Füchsen in Berlin. "Das wird ein einfaches Debüt für mich, denn dort erwartet niemand etwas von uns", sagte er mit Blick auf den nach sieben Begegnungen verlustpunktfreien Tabellenführer. Mit einer Überraschung könnten ihm Michael Haaß und Co. ein nachträgliches Geschenk zum 39. Geburtstag am morgigen Mittwoch machen. Und wer den neuen Coach in Nürnberg live in Aktion sehen will, hat heute in einer Woche im Pokalduell mit Frisch-Auf Göppingen die Gelegenheit.