Herzogenaurach
Leichtathletik

Müller mobilisiert Mosambik

Zwei Monate nahm der gebürtige Hausener in Afrika die Top-Sportler und -Trainer des Landes unter seine Fittiche, um an der Technik zu feilen.
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Peter Müller als begehrter Interview-Partner  in Mosambik. privat
Peter Müller als begehrter Interview-Partner in Mosambik. privat
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Peter Müller strahlt - auch wegen der schönen Bräune, die er sich in den vergangenen zwei Monaten zugelegt hat. Mosambik, 2500 Kilometer Sandstrand am indischen Ozean: herrlich. Der 56-Jährige wirkt erholt, betont aber, dass sein Aufenthalt im südöstlichen Afrika alles andere als Urlaub gewesen sei.

"Das war richtig harte Arbeit. Es gab Tage, an denen war ich abends so erledigt, dass ich nur noch etwas gegessen habe und dann ins Bett gefallen bin", erzählt der Diplomsportler, der vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) als Experte in die Hauptstadt Maputo geschickt wurde, um Leichtathletik-Entwicklungshilfe zu leisten. Zum dritten Mal nach 2006 und 2008 nahm Müller - hauptberuflich Trainer bei der TS Herzogenaurach - die 8650 Kilometer Flugstrecke auf sich: mit sehr niedrigen Erwartungen, aber gespannt darauf, ob sich in den vergangenen zehn Jahren etwas verändert hat.


Ein gewaltiger Sprung nach vorn

"Damals bin ich etwas frustriert heimgekommen. Was ich 2006 aufgebaut hatte, war 2008 wieder weg, ich musste bei Null anfangen. Die Menschen waren total verschlossen, ich musste ihnen alles aus der Nase herausziehen", erinnert sich Müller, der für seinen dritten Aufenthalt ähnliches befürchtete. Aber das Land habe einen gewaltigen Sprung nach vorn gemacht, nicht nur aufgrund der durchschnittlich sieben bis acht Prozent Wirtschaftswachstum.

"Vor zehn Jahren waren die Menschen noch verängstigt vom Bürgerkrieg, heute sind sie entschlossen, vorwärts zu kommen. Sie sind offen, freundlich, ehrgeizig und haben mir Löcher in den Bauch gefragt", erzählt Müller, der sich 2008 - im Gegensatz zu jetzt - nicht getraut hätte, nachts alleine durch Maputo zu laufen.

Der 56-Jährige freut sich darüber hinaus über die Erkenntnis, dass seine frühere Arbeit doch auf fruchtbaren Boden gefallen ist. "Alle heutigen Leichtathletik-Toptrainer des Landes waren 2006 bei mir im Kurs." Zwei Lehrgänge bot der Herzogenauracher diesmal an, darunter einen Basis-Kurs für Coaches, Professoren und engagierte Lehrer auf C-Lizenz-Niveau. 25 Teilnehmer hielten hinterher ihr Diplom in Händen, einer war durchgefallen, zwei hatte Müller wegen fehlender Disziplin ausgeschlossen.

Der andere Kurs richtete sich in Theorie und vor allem Praxis an die 15 Spitzenathleten und zehn Toptrainer Mosambiks, mit denen Müller auch sehr individuell arbeitete. "Das sind allesamt Rohdiamanten. Einer wirft den Speer 60 Meter weit, ohne es richtig gelernt zu haben. Ein anderer hat vom Hochsprung zum Weitsprung gewechselt und auf Anhieb sieben Meter geschafft. Und dann habe ich noch Creve kennengelernt, der eigentlich auf Hürden spezialisiert ist, aber die 400 Meter flach in unter 47 Sekunden läuft", sagt Müller.


Von Internet-Videos abgeschaut

Die wenigsten dieser Sportler trainieren unter professionellen Bedingungen, haben sich ihre Technik oft von Internet-Videos abgeschaut. Wie die 25-jährige Salome, die mit bisher etwa 15 Metern beste Kugelstoßerin des Landes. "Ich hab sie einfach stoßen lassen und gestaunt, dass sie die Kugel beim Schwungholen hinter ihr Ohr gedrückt hat. Als ich ihr erklärte, die Kugel unters Kinn zu nehmen und die Haltung des Armes zu verändern, hat sie ungläubig geguckt. Denn auf Anhieb flog die Kugel auf über 16 Meter", berichtet Müller, der vom DOSB Trainingsmaterialien im Wert von 2500 Euro mit nach Afrika brachte: Hürden, Medizinbälle, Wurfbälle, Tera-Bänder, Stoppuhren, Maßbänder, Hochsprunglatten und Koordinationsleitern.

Bitternötig in einem Land, das nur zwei Tartanbahnen hat und in dessen Sport-Hochschule die Sprossenwände morsch oder gebrochen sind. Auch Müller selbst organisierte Ausrüstung für seine Schützlinge. Von den 46 Kilo Gepäck, die er in zwei Koffern mitschleppte, kam nicht einmal mehr die Hälfte zurück nach Herzogenaurach. "Am Ende habe ich einem der Trainer sogar meine Turnschuhe überlassen."


Überhöhte Erwartungen

Müller sieht viel Potenzial bei den Leichtathleten Mosambiks, die Erwartungen der vielen Journalisten - viermal schaffte es der Herzogenauracher während seines Aufenthalts in die 20-Uhr-Nachrichten - musste er jedoch dämpfen. "Als erstes wurde ich immer nach den Chancen auf eine olympische Medaille gefragt. Ich habe dann erklärt, dass sich in Mosambik erst eine Struktur entwickeln muss. Aber es gibt einige Sportler, die das Zeug dazu haben, die Olympia-Norm zu schaffen."


Es sind die kleinen Dinge

Im April, so die Hoffnung, wollen Mosambiks Top-Athleten bei den Commonwealth-Games in Australien starten und im Sommer bei den Afrika-Meisterschaften. Doch erst auf Initiative Müllers, der intensiven Kontakt mit dem Sportministerium, dem nationalen olympischen Komitee (NOK) und dem Leichtathletikverband suchte, ist gesichert, dass die Sportler nun an bis zu vier Qualifikationswettkämpfen in Südafrika teilnehmen können, um ihren Traum zu verwirklichen.
Es sind kleine Dinge, die Müller angestoßen hat. Zum Beispiel, dass die örtlichen Verbände Sorge tragen, dass die Sportler aus den Vororten zum Training nach Maputo kommen können und es nicht daran scheitert, dass sie sich die Tickets für Fähre oder Bus - umgerechnet rund ein Euro - nicht leisten können.

Müller ist mit einem guten Gefühl nach Herzogenaurach zurückgekommen, wo die Papierberge auf seinem Schreibtisch bei der TSH bedenklich wuchsen. Er hofft, dass die Mosambikaner am Ball bleiben, und schiebt hinterher: "Diese Sportler sind es absolut wert, gefördert zu werden."


Die Situation in Mosambik

Armut und Korruption: Trotz der positiven Entwicklung ist das südostafrikanische Land noch immer bitterarm. Die weit verbreitete Korruption torpediert viele Bemühungen und schreckt seriöse Investoren ab. "2016 gab es einen Kredit vom internationalen Währungsfonds über zwei Milliarden Dollar. Diese Geld ist verschwunden, was natürlich ein großer Rückschlag ist", berichtet Müller.

Aufbruch:
Viele Mosambikaner bemühen sich und begreifen, dass sie aus ihren Möglichkeiten mehr machen können. Das Land ist fruchtbar und voller Bodenschätze, das Wetter immer schön. "Der Strand ist kein Müllplatz mehr, wird im Zuge erster Schritte im Tourismus sauber gehalten und eignet sich prima fürs Training. Aber auf die Idee musste ich meine Kursteilnehmer erst bringen", sagt Müller.
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