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Knochenmarkspende

Wie hart Mirco aus Heroldsbach den Krebs bekämpfte und schließlich siegte

Mirco Reck aus dem Kreis Forchheim hat dreieinhalb aufwühlende Jahre hinter sich.
Jetzt wendet sich alles zum Guten, hoffen Heike Reck und ihr Sohn Mirco.  Fotos: Diana Fuchs
 
von DIANA FUCHS
Mirco will wissen, was Sache ist. Auch wenn das wehtut. Seit seinem 13. Lebensjahr hasst er falsche Hoffnungen wie die Pest. Damals starb sein Freund Andi, mit dem er das Krankenhauszimmer geteilt hatte. Seither wünscht sich Mirco Ehrlichkeit und Offenheit von allen. Sein Arzt entsprach diesem Wunsch, als er dem Jungen Ende 2015 sagte: "Wenn wir keinen Stammzellspender finden, wirst du nicht überleben."

Zu diesem Zeitpunkt hatte Mirco Reck aus Heroldsbach bei Forchheim schon eine zweijährige Odyssee hinter sich. Am 16. Oktober 2013 - Mircos Mutter Heike weiß das Datum genau - war dem damals Elfjährigen auf der Bergkirchweih seltsam schwindelig geworden. Wenige Tage später kippte Mirco im Erlebnispark Schloss Thurn, wo er gern seine Freizeit verbrachte, einfach um. "Er war ständig müde, hat angefangen zu husten, über Schmerzen in der Schulter geklagt und sich so heiße Wärmflaschen gemacht, dass er sich die Haut daran verbrannt hat", erinnert sich Heike Reck. Die dreifache Mutter - Mirco hat zwei ältere Schwestern - dachte, ihrem Sohn mache der schwere Unfall zu schaffen, den sein Vater kurz zuvor erlitten hatte. Doch dann brach der Bub beim Schul-Wandertag völlig entkräftet zusammen.


Mirco hatte einen Tumor direkt an der Lunge

Die schlimmsten Befürchtungen wurden von den Röntgenbildern übertroffen. Tumor direkt an der Lunge. Drei Tage Intensivstation. Auf der Kinderkrebsstation in Erlangen bekam das Damoklesschwert einen Namen: Hodgkin-Lymphom, Lymphdrüsenkrebs. Seinen zwölften Geburtstag feierte Mirco trotzdem - mit seinen neuen Freunden Toni und Andi in der Klinik.

Da Mircos Tumor an der Aorta, der Hauptschlagader, lag, konnte er bei einer Operation nur unvollständig entfernt werden. Die verbliebenen Krebszellen streuten. Chemotherapie half nur kurzzeitig. Besonders schreckliche Erinnerungen hat Mirco, der seinen kahlen Kopf am liebsten mit einem karierten Hut bedeckte, an eine Nadelbiopsie im Sommer 2015, "ohne richtige Narkose". Er habe vor Schmerzen geschrien, ehe seine Lunge in sich zusammenfiel. "Seitdem hab' ich eine Nadel-Phobie."

Zum Glück gab es in der Klinik einfühlsames Personal und Freunde, die dem Heroldsbacher immer wieder Mut machten - und ihn auch einfach mal ablenkten. Während alte Freunde aus der "gesunden Zeit" ihn enttäuschten, weil sie sich einfach nicht mehr meldeten, fand Mirco mit Andi & Co. Gleichgesinnte, mit denen man Pizzaorgien feiern, Ärzten Spitznamen geben und aus Sauerstoff-Schläuchen Transportleitungen bauen konnte. Und die sein Lebensmotto mit ihm teilten: "Kennst du das, wenn Aufgeben keine Option ist?!"

Dann kam jenes Arzt-Patienten-Gespräch Ende 2015. Es gab keinerlei Therapie-Chancen mehr. Nur noch eine letzte Hoffnung: einen Stammzellspender zu finden, also einen genetischen Zwilling, der in einer nationalen oder internationalen Spenderdatei registriert ist. Wenn ein solcher Spender gesunde Stammzellen aus seinem Blut oder Knochenmark zur Verfügung stellt, können diese Zellen in die Blutbahn des Krebskranken injiziert werden und dort die Aufgaben der entarteten Zellen übernehmen.


Seine Schwester organisierte einen Spendertag

Mircos Schwester Nina war schließlich die treibende Kraft, die nicht warten wollte, ob bei der internationalen Suche jemand gefunden wird. Sie sagte: Wir organisieren einen Spendentag! "Die Inhaber des nahen Erlebnisparks waren gleich dafür, den Tag im Park abzuhalten. Alle haben uns geholfen, auch Schauspieler aus Schloss Thurn wie Perdita Christ oder Viktor Novak, für die Mirco im Lauf der Zeit ein kleiner Freund geworden war", erinnert sich Heike Reck mit einem dankbaren Lächeln. "Dutzende Sanitäter und Krankenschwestern haben die Blutspenden zur Typisierung entnommen, andere Menschen haben gebacken - insgesamt 150 Kuchen -, gekocht, gespült, organisiert... Es war Wahnsinn!"

Heike Reck weiß, dass die Aktion Leben gerettet hat. Nicht Mircos zwar - für ihn fand die Deutsche Knochenmark-Spenderdatei DKMS in Norddeutschland einen genetischen Zwilling - , aber das anderer Menschen, deren Spender sich in Heroldsbach registrieren ließen. Mirco erhielt die erlösende Nachricht im Februar 2016. Im März feierte er im Hörsaal der Klinik seine Konfirmation mit Familie, Freunden, Ärzten, Schwestern. Am nächsten Tag ging er in die Isolation. In einem sterilen, von der Außenwelt abgeschotteten Krankenzimmer wurde Mircos Immunsystem heruntergefahren - ähnlich wie ein Computer. "Nur dass der PC dafür keine riesigen, nach Fisch stinkenden Tabletten - Immunsuppressiva - einnehmen muss."

Mircos Zunge und Mundhöhle rissen auf, die Augen fielen ein. "Er bekam schreckliche Atemnot, man konnte das kaum mit ansehen", berichtet Heike Reck. Magen und Darm spielten verrückt. Die Bluttransfusion - drei Beutel zu je etwa 500 Millilitern, gefüllt mit vielen Millionen gesunder Stammzellen - rettete ihn.


Mirco darf erst zwei Jahre nach der Spende mit dem Spender Kontakt aufnehmen

Wer der Spender ist, weiß Mirco nicht. Es gibt bei der DKMS die Regel, dass nach der Transfusion zwei Jahre vergehen müssen, ehe Spender und Empfänger Kontakt zueinander aufnehmen können - und zwar nur, wenn beide es möchten. "Ich hoffe, diesen Menschen kennenzulernen." Mircos Finger spielen bei diesen Worten mit der Silberkette, die er um den Hals trägt.

Es ist ein besonderes Schmuckstück. Mirco erzählt, dass er es nach seiner erfolgreichen Transplantation hat anfertigen lassen. Auf der Vorderseite steht "Kämpfer-Herzen". Auf der Rückseite sind A, V, G und J eingraviert. "Es sind die Initialen von Freunden, die es nicht geschafft haben." Kämpfer-Herzen, mit denen Mirco über den Tod hinaus verbunden bleibt.

An menschlichen und unmenschlichen Erfahrungen ist der 15-Jährige vielen Altersgenossen um einiges voraus. Ausgesucht hat er sich das nicht. Aber er hadert auch nicht mit seinem Schicksal. "Ich bin echt gechillt." Fakt ist: Nach dreieinhalb Jahren zwischen Hoffen und Bangen, zwischen OP-Saal und Privatunterricht im Krankenhaus, zwischen Ärzte-Necken mit Andi und Entsetzen über seinen Tod, lebt Mirco mittlerweile ein vergleichsweise normales Leben. Wegen seiner geschädigten Lunge ist große körperliche Anstrengung tabu. Eine Zwerchfell- und Stimmband-Lähmung lässt seine Stimme leicht heiser klingen. Hippe Hörgeräte gleichen den Hörverlust aus, den der 15-Jährige durch die Chemo erlitten hat, und an seinem Unterbauch hat er eine Magen-/Darmsonde. "Mirco hat oft keinen Appetit", bedauert Heike Reck. "Was er isst, reicht noch nicht aus. Aber das kriegen wir auch noch hin!"

Heike Reck hat in der schweren Zeit viel Kraft gebraucht. "Gespräche mit anderen betroffenen Eltern in der Klinik haben mir sehr geholfen." Neue Freundschaften haben sich dort gebildet - Freundschaften, die sogar besonders harte Schläge zu überwinden halfen, beispielsweise, als Heike Reck sich letztes Jahr einen Brustwirbel brach, während ihr Mann auf Reha und Mirco krank in der Klinik war.

Mittlerweile sind alle zuhause. Mirco will demnächst seinen Moped-Führerschein machen. Er hat - trotz der vielen verpassten Schulstunden - so gute Noten, dass er im kommenden Schuljahr auf die Realschule wechselt. Einen Berufswunsch hat er schon: "Ich möchte was im medizinischen Bereich machen, gerne etwas mit Kindern." Was kranken Kindern gut tut, weiß er nur zu gut. "Vor allem muss man offen und ehrlich zu ihnen sein."

zum Thema "Gesundheit"

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