Neunkirchen am Brand
Eisenbahngeschichte

Im Februar 1963 starb die "Seekuh"

Vor nunmehr 55 Jahren fuhr der letzte Personenzug von Neunkirchen am Brand nach Erlangen.
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Rentabilitätsrechnungen erzwangen 1932 die teilweise Umstellung auf Triebwagen. Mit ihrem Einsatz wurden ab 1. April 1932 wieder durchgehende Züge von Erlangen nach Gräfenberg und umgekehrt durchgeführt. Repro: Günther Klebes
Rentabilitätsrechnungen erzwangen 1932 die teilweise Umstellung auf Triebwagen. Mit ihrem Einsatz wurden ab 1. April 1932 wieder durchgehende Züge von Erlangen nach Gräfenberg und umgekehrt durchgeführt. Repro: Günther Klebes
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von Günther Klebes

Die heute entweder mit Gras überwachsene oder zum Teil ihrer Gleise beraubte Trasse ist stumme Zeugen einer Vergangenheit. Die Bahn waren einst für viele Familien das tägliche Brot und für zahlreiche heute noch lebende Eisenbahner der ganze Lebensinhalt.

Hat auch heute die Bahn ausgedient, so hat auch die verkehrstechnische Entwicklung eine andere Richtung eingeschlagen: Der vielleicht anfangs verpönte Einzug der Dampflokomotive in die Dörfer des Schwabachgrundes vor 130 Jahren war mehr als nur eine Übergangserscheinung. Auf dem verbliebenen Reststück der Strecke beweist heute die Gräfenbergbahn von Nürnberg-Nordost nach Gräfenberg, dass Schienenverkehr durchaus noch zeitgemäß ist.


Vorgeschichte

Wie war es damals im Schwabachgrund? Die Postkutsche rumpelte durch die Dörfer, der Schwager blies sein Horn und brachte außer Neuigkeiten auch eine Handvoll Passagiere und ein Häufchen Fracht mit aus dem großen, fernen Erlangen. Da kamen doch plötzlich einige Männer auf die ungeheuerliche Idee, auch für den Schwabachgrund eine dieser lauten, gefährlichen, schmutzigen, rauchenden Dampfmaschinen haben zu müssen. Der Einfall wuchs sich zu Plänen und Vorschlägen aus, die bald ebenso viele Widersacher wie Befürworter hatten.

Im Jahre 1873 richtete der Magistrat der Stadt Gräfenberg an die Königlich Bayerische Staatsregierung die Bitte um Anschluss an das bestehende Eisenbahnnetz. Diese Wünsche und Pläne zielten darauf, in die Linienführung der Bahn Nürnberg - Bayreuth einbezogen zu werden. Doch wurde dem Magistrat vorgerechnet, dass er 1,34 Millionen Mark hätte aufbringen müssen. Diesem Argument konnten sich die Gräfenberger nicht verschließen. Da hatten sie eine neue Idee. Der Bau einer "Vizinalbahn" (Sekundärbahn) nach Lauf oder durch das Schwabachtal nach Erlangen erschien weit zweckmäßiger.


Bezeichnenderweise "Straßenbahn"

In einer Denkschrift von 1883 nahm der tatkräftige Erlanger Bürgermeister Dr. Schuh zum Projekt einer Bahn von Erlangen nach Eschenau Stellung. In der Denkschrift taucht bezeichnenderweise das Wort "Straßenbahn" mehrmals auf. Der Verfasser erörtert die Frage der Antriebskraft und gibt schließlich der Dampfeisenbahn gegenüber einer elektrischen oder einer von Pferden gezogenen Bahn den Vorzug.

Hinsichtlich der Geschwindigkeit einer solchen "Straßenbahn" gibt sich der Erlanger Bürgermeister keinen falschen Hoffnungen hin, im Gegenteil. Er verlangt sogar, dass die Eisenbahn an jeder Stelle so rasch wie ein Pferdefuhrwerk angehalten werden kann. Dieser damals vernünftige Vorschlag des Bürgermeisters fand allerhöchste Billigung durch das zuständige Königlich Bayerische Staatsministerium, war aber zugleich auch das spätere Todesurteil.


Inbetriebnahme der "Straßenbahn"

Drei Jahre darauf, am 8. November 1886, fuhr der erste Probezug auf der neu erbauten Strecke. Am 17. November fanden die zweite Probefahrt und zugleich die Eröffnung der Bahnlinie statt. Dieser Tag gehörte zu den großen historischen Ereignissen des Schwabachgrundes. Durch die geschmückten Dörfer fuhren der Leiter des gesamten bayerischen Eisenbahnwesens, Gerneraldirektor Schnorr von Carolsfeld, und die Spitzen der Stadt sowie der Universität Erlangen. Hochrufe und Böllerschüsse begleiteten um 9 Uhr vormittags die Abfahrt des Zuges.

Überall standen die Schuljugend unter Führung ihrer Lehrer, die Freiwillige Feuerwehr, Mitglieder von Gesangs- und anderen Vereinen in festlicher Kleidung zum Empfang des Zuges bereit. In Gräfenberg begaben sich die Gäste zum Mittagsmahl, das durch zahlreiche Trinksprüche gewürzt wurde. Die Rückfahrt nach Erlangen vollzog sich in angeregter Unterhaltung, wie Augenzeugen berichteten. Aus der Dunkelheit heraus hallten die Hurra- und Hochrufe.


Freigabe 1886

Die Freigabe der Sekundärbahn Erlangen - Eschenau - Gräfenberg für den allgemeinen Verkehr erfolgte am 22. November 1886 nach folgendem Wortlaut: "Am 22. November wird die der Betriebsleitung Gräfenberg unterstellte Lokalbahn Erlangen - Gräfenberg mit den Stationen Gräfenberg, den Haltestellen Igensdorf, Forth, Eschenau, Brand, Steinbach bei Brand, Neunkirchen am Brand, Dormitz, Uttenreuth und Spardorf, dann den Halteplätzen Weißenohe, Rüsselbach, Kleinsendelbach, Weiher, Buckenhof und Zollhaus dem allgemeinen Verkehr übergeben."

Bei den Haltestellen Igensdorf, Eschenau, Brand, Steinbach bei Brand, Dormitz, Uttenreuth und Spardorf wird die Güterabfertigung durch Agenturen auf Dienstvertrag besorgt. An Sonn- und Feiertagen wird der Güterverkehr auf der Lokalbahn vollständig eingestellt. Die Annahme und Abgabe der Güter in Igensdorf, Forth, Eschenau, Brand, Steinach bei Brand, Neunkirchen am Brand, Dormitz, Uttenreuth und Spardorf wird unter Berücksichtigung der öffentlichen Verhältnisse auf bestimmte Tagesstunden beschränkt.

In beiden Richtungen verkehrten an allen Tagen je zwei Lokalbahnzüge. Die Fahrzeit betrug im Schnitt zwei Stunden und 20 Minuten.

Ein halbes Jahrhundert vermittelte die Nebenbahn den Verkehr zwischen der Stadt Erlangen und den Gemeinden des Schwabachgrundes. Auch für den Ausflugsverkehr erhielt die Lokalbahn Bedeutung.


Beißender Spott

Die Umwegstrecken der Bahn und die Ausstattung der Wagen allerdings waren Zielscheiben beißenden Spotts. So bildete sich im Lauf der Jahre ein Strauß von Anekdoten um die "Seekuh". So wird zum Beispiel erzählt, dass am Buckenhofer Berg der - wie die Bahn auch genannt wurde - Mockel, Pockel, Gräfenberger Schubkarrenrädla, Orient-Express oder Fliegender Hamburger oft stehen blieb.

Die ursprünglich vom Magistrat Gräfenberg angestrebte Bahnlinie Nürnberg - Gräfenberg kam im Jahre 1908 doch noch zustande.

Rentabilitätsrechnungen erzwangen 1932 die teilweise Umstellung auf Triebwagen. Trotzdem musste die Bahn unrentabel werden: Ein Gerichtsurteil erzwang von der Eisenbahn nach einem Zusammenstoß mit einem Straßenfahrzeug, sich den Bedingungen des Straßenverkehrs zu fügen, dessen Teilnehmer sie ja war. Das bedeutete, dass sie an jeder vorfahrtsberechtigten Straßenkreuzung anhalten musste. Dadurch sank ihre Geschwindigkeit von 20 km/h auf 15 km/h herab. Dadurch war die "Seku" der Konkurrenz des zunehmenden Kraftfahrzeugverkehrs nicht mehr gewachsen.

Am 1. Mai 1961 schließlich wurde der Streckenabschnitt Neunkirchen am Brand - Eschenau stillgelegt. Knapp zwei Jahre später folgte dann die letzte Fahrt auf dem Reststück Erlangen - Neunkirchen am Brand.


Die letzte Fahrt

16. Februar 1963, 12.22 Uhr. Im Zug sitzen der fast vollständig erschienene Stadtrat und viele Gäste, geschmückt mit schwarzen Zylindern und weißen Papierblumen, vor ihnen im Packwagen quieken 50 westfälische Ferkel. Oberbürgermeister Dr. Lades (verkleidet als Lokführer) öffnet den Regler zur letzten Fahrt. Ziel ist Neunkirchen am Brand. Zug- bzw. Vorspannlok sind die beiden letzten "Seekuh"-Dampflokomotiven 98 813 und 98 1115. An der Strecke winken zahllose Menschen dem Bähnchen zu. In Uttenreuth sprach OB Lades traurige Worte des Abschieds. Ironie des Schicksals: Auf der Rückfahrt nach Erlangen gab es bei Uttenreuth einen Schienenbruch: Dadurch wurden die für den Abend noch fahrplanmäßig vorgesehenen Triebwagen schon durch Busse ersetzt. Der Güterzugverkehr bis Neunkirchen am Brand hielt sich noch bis zum 31. Dezember 1963.

Bedingt durch den zunehmenden Autoverkehr aus dem östlichen Umland in die Stadt Erlangen sind Überlegungen im Gange gewesen, die "Seekuh" als Stadtumlandbahn wieder ins Leben zurück zu rufen. Daraus ist aber nichts geworden.
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