Region // Forchheim
Otto Haas fühlt den Verlust noch
Noch heute fühlt sich Otto Haas "gespalten", wenn er sich die Ereignisse von vor 40 Jahren ins Gedächtnis ruft. In den 70er Jahren hatte die Diskussion um die Selbstständigkeit seiner Gemeinde Burk begonnen.
Und in Burk zog sich der Streit acht Jahre hin. Der Widerstand gegen die Gebietsreform im Forchheimer Stadtteil war so groß, dass sie den Burkern nicht nur viel Energie, sondern am Ende auch viel Geld gekostet hatte.
Die zentrale Figur des Widerstandes war Hans Reck. Noch heute erinnert die Bürgermeister-Reck Straße an ihn. "Reck wollte unbedingt selbstständig bleiben", sagt Otto Haas. Der heute 82-Jährige beschreibt den damaligen Bürgermeister als einen Mann, "der sehr ehrgeizig war und es verstand, die Leute auf seine Seite zu ziehen". Der Ehrgeiz des Bürgermeisters sei so groß gewesen, dass mitunter der Eindruck entstand, er wolle Burk "für sich".
Dabei übersah Hans Reck wohl auch die Chance, die in der Gebietsreform steckte. Das östlich von Forchheim liegende Reuth etwa wurde bereits 1972 eingemeindet - und auch entsprechend finanziell belohnt.
Durch die zwangsweise Eingemeindung von Burk sechs Jahre später ist dem Ortsteil auch viel Geld entgangen. "650 000 DM hätten wir bekommen, wenn wir freiwillig gegangen wären", sagt Haas.
Der Historiker und ehemalige Zweite Forchheimer Bürgermeister Hermann Ammon erinnert daran, dass die Gemeinde Burk damals bis vor den Petitionsausschuss gegangen war, um die Eingemeindung zu vermeiden. "Doch so wurde nur hinausgezögert, was durchgehend nötig war", sagt Ammon heute. Sein Fazit der Gebietsreform nach 40 Jahren: "Die Gemeinden haben profitiert. Die Reform war notwendig und eigentlich ist nur die unterste Grenze dessen realisiert worden, was nötig war."
Reform bedroht Lebensgefühl
Damit will Hermann Ammon sagen, dass noch größere Einheiten denkbar gewesen wären; nicht umsonst sei in den 70er Jahren ja auch über die Eingemeindung Hausens nach Forchheim nachgedacht worden.
Natürlich, sagt auch Otto Haas, hatte die Eingemeindung von Buckenhofen, Kersbach, Reuth und Burk auch sinnvolle Aspekte: "Es waren ja schon Verbindungen da, etwa bei der Versorgung mit Wasser und Strom. Und verwaltungsmäßig ist dann auch einiges gut gelaufen mit Forchheim." Aber die Burker hätten ihr Augenmerk eben auf das "Zusammengehörigkeitsgefühl" gelegt, erzählt Haas - und dieses Gefühl schien durch die Reform bedroht.
Haas war 16-jährig als Flüchtling aus dem Böhmerwald nach Forchheim gekommen. Er heiratete eine einheimische Frau, engagierte sich in den Vereinen und in der Kirche und schloss sich 1972 der CSU an. "Wir haben kein Integrationsprogramm gebraucht, das hat sich durch die Kirche und die Vereine ergeben." Kurzum: Otto Haas lebte die Zusammengehörigkeit. Daher entging ihm auch nicht, wie sich dieses Gemeinschaftsgefühl seit den späten 70er Jahren veränderte: "Im Laufe der Jahre haben wir den dörflichen Charakter verloren."
Durch die Einbindung nach Forchheim seien die Burker ihrer eigenständigen Gestaltung beraubt worden. Symbol dieses Verlustes ist für den 82-Jährigen der Kirchplatz von Burk. "Das ist unsere Wohnstube." Und wäre Burk selbstständig geblieben, hätte diese Wohnstube heute einen eigenen Charakter, ist Otto Haas überzeugt. "So aber ist der Platz von der chaotischen Parkerei geprägt, es fehlt die Linie." Immer wieder sei die Gestaltung des Kirchplatzes und auch die Ausweisung neuer Baugebiete "zugesagt worden", sagt Otto Haas. "Aber in Burk hat sich fast nichts getan oder eben erst nach jahrelangem Kampf."
Hermann Ammon hält es für "überzogen", einen Zusammenhang zwischen der Gebietsreform und beispielsweise dem heutigen Aussehen des Burker Kirchplatzes herstellen zu wollen. Doch in Otto Haas lebt eine leise Rebellion gegen die Ereignisse von vor 40 Jahren weiter. Der 82-Jährige bleibt überzeugt: "Burk hätte sich besser entwickelt ohne die Gebietsreform". Dem hält Hermann Ammon entgegen, dass sich die Gebietsreform ausnahmslos als Gewinn herausgestellt habe für die kleinen, ehemals selbstständigen Gemeinden. "Was die angeblichen Verluste betrifft, das ist ein Mythos, der da gepflegt wird."



















