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Region  // Forchheim

Geschichte

"Gruppe 47" wollte eigentlich nach Streitberg

Vor 50 Jahren traf sich der Literaturkreis "Gruppe 47" in der Pulvermühle - und die war erst zweite Wahl.
Postkarte der Pulvermühle von 1968/69. So sah die Pulvermühle innen aus, als die Gruppe 47 hier tagte. Repro: Reinhard Löwisch
 
von REINHARD LÖWISCH
Es wurde schon viel berichtet über die Gruppe 47, als dem Kreis der bedeutendsten Schriftsteller der Nachkriegsliteratur. Trotzdem birgt beispielsweise das Treffen in der Pulvermühle bei Waischenfeld im Jahre 1967 immer noch einige Geheimnisse.

Warum fand das Treffen ausgerechnet in der Pulvermühle, einem Miniaturdorf mit drei Gebäuden, weit weg vom pulsierenden Leben statt? Antworten dazu kamen erst nach und nach ans Tageslicht.

Durch die Veröffentlichung von Hans Werner Richters Tagebüchern im Jahre 2012 beispielsweise sind Fakten bekannt geworden, die bisher noch im Dunklen lagen. Richter schreibt: "Am Sonntag noch einmal Fahrt in die Fränkische Schweiz, zur Pulvermühle, die mir den Bruder von Klaus Roehler (Peter Roehler, die Red.) als Tagungsort vorgeschlagen hat".

Die Roehlers stammten aus Thüringen und betrieben dort eine Porzellanmanufaktur. 1947, in dem Jahr gründete sich die Gruppe 47, wurden die Roehlers von den Sowiets enteignet, weshalb sie in den Westen emigrierten. Walter Roehler, der Vater, betrieb in Forchheim eine kleine Spielwarenfabrik in der Reichbrunstraße. Klaus Roehler studierte in Erlangen und debütierte 1955 als Schriftsteller in der Gruppe 47. Später war er einige Zeit persönlicher Lektor von Günther Grass und von Hans Werner Richter, der ihn für "hochbegabt" hielt.


Wegen Victor von Scheffel

Ursprünglich wollte Richter das Treffen in Streitberg abhalten, schreibt er, weil Victor von Scheffel den Ort "besungen hat". Er fand aber keine geeignete Lokalität, obwohl ihm der Gedanke "Auf Neideck könnte ich (für eine Lesung) Walter Jens setzen und auf Streitberg Martin Walser" außerordentlich gut gefiel.

Die Pulvermühle schien für Richter besser geeignet: "Dieser Gasthof ist so, wie wir ihn brauchen, und das Wort Pulvermühle gibt zu zahlreichen Assoziationen Anlass." Damit meinte er die Lage des Gasthauses, abseits vom Trubel und nur über eine Brücke und einen Feldweg erreichbar. Richter ahnte schon durch einen Hinweis von Klaus Roehler, dass die 20. Tagung der Literatengruppe für einen Protestmarsch linksgerichteter Erlanger Studenten missbraucht werden könnte, weshalb er die Brücke für Besucher sperren lassen wollte.


Namhafte Schriftsteller

Namhafte Schriftsteller, auch Teilnehmer der Tagung, erwarteten, dass die Gruppe 47 in der Pulvermühle endgültig beerdigt, "pulverisiert wird". Dann hätte das Wort Pulvermühle eine ganz besondere Note bekommen, besonders im Hinblick darauf, dass der Tagungsort 1806 ebenfalls pulverisiert wurde, weil er mit Hilfe französischer Truppen in die Luft geflogen ist. Zu ihrem Sprecher machte sich Heinrich Böll, der in einer Fernsehsendung im Juli 1967 behauptete, "die Gruppe 47 sei passe", und vermutlich deshalb als einer der wenigen - neben Magnus Enzensberger und Ingeborg Bachmann - nicht ins Wiesenttal kam.

Zu den Erlanger Studenten schreib Richter später in sein Tagebuch, dass jener "Überfall der sozialistischen Studenten" von Peter Hamm organisiert worden war, um die Tagung zu stören. Damit wollte sich Hamm laut Richter dafür rächen, dass er dreimal bei einer Vorlesung durchgefallen sei und deshalb nicht von ihm zu den Treffen der Gruppe 47 in die Pulvermühle eingeladen worden war.

Das Treffen hatte den vordergründigen Sinn, Nachwuchsschriftstellern eine Chance zu geben, ihre Werke einem fachkundigen Publikum vorzustellen. Dazu wurde im Vorlesungsraum ein einzelner Stuhl vor die Gruppe der Zuhörer gestellt und der Autor musste darauf aus seinen Werken vorlesen und diese auch begründen.
Die Zuhörer, darunter einige später bekannte Literaturkritiker wie Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek, kommentierten die Stücke anschließend. Fiel die Kritik positiv aus, fand das Werk leichter einen Verleger. Einige waren sogar bei der Tagung anwesend und es winkte (wie bei Günther Grass und anderen geschehen) ein bescheidenes Einkommen sowie ein größerer Bekanntheitsgrad.

Daher war das Treffen auch ein gesellschaftliches und literarisches Großereignis, das zudem die ungeteilte Aufmerksamkeit der deutschen Presse hatte. Höhepunkt der Tagung war wie immer die Wahl des Vorlese-Gewinners. Der Grieche Vagelis Tsakiridis stand in der Pulvermühle mit seinen Gedichten in Konkurrenz zu Jürgen Becker (Werk "Ränder"), der den zweiten Wahlgang mit 69 Stimmen für sich entscheiden konnte. Sehr zum Missfallen von Werner Richter, der den Griechen vorne sehen wollte, um ihn als Synonym für ein "freies Griechenland" darzustellen. Tsakiridis war wegen Wehrdienstverweigerung die Staatsangehörigkeit entzogen worden.

Nach einem Spendenaufruf Richters an die anwesenden Verleger konnte Tsakiridis 6500 Mark mit nach Hause nehmen; 500 Mark mehr als der Gewinner Becker. Zur damaligen Zeit gab es für das Geld ein neues Auto.
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