Bamberg
Fußball

Vereine verkaufen sich zu billig

Rainer Koch glaubt fest an die Zukunft des Amateurfußballs, aber auch daran, dass jeder Klub seines eigenen Glücks Schmied ist.
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BFV-Präsident Rainer Koch strebt seine fünfte Amtszeit an. Foto: Matthias Hoch
BFV-Präsident Rainer Koch strebt seine fünfte Amtszeit an. Foto: Matthias Hoch
Rainer Koch geht im Mai 2018 in seine fünfte Amtszeit als Präsident des Bayerischen Fußball-Verbandes, wird - wie bei vorangegangenen Wahlen - wohl einstimmig im Amt bestätigt. Die wichtigsten Punkte der Agenda für die darauffolgenden vier Jahre lassen sich unter dem Stichwort "Stellenwert des Fußballs" zusammenfassen. Trotz Demografie und Landflucht müsse es gelingen, den Amateurfußball in seiner Breite und in der Fläche zu erhalten, sagt Koch beim Redaktionsbesuch. "Wir wollen dem Fußball das gleiche Schicksal wie dem Feldhandball ersparen, der einmal die populärste Sportart war, aber heute komplett verschwunden ist."

Davon ist der Fußball weit entfernt, dennoch lassen die Gründung zahlloser Jugendfördergemeinschaften (JFG) und Spielgemeinschaften (SG) im vergangenen Jahrzehnt oder der Rückzug von Teams - auch im Herrenbereich - den Schluss zu, dass es strukturelle Probleme gibt. Die Gründe dafür seien vielfältig und nicht allein durch geburtenschwache Jahrgänge zu erklären.

"Die Veränderungen in der Gesellschaft lassen sich nicht aufhalten", sagt der BFV-Präsident und spricht von geändertem Freizeitverhalten, flexiblen Arbeitszeiten, Digitalisierung und - wie er es nennt - "Eventisierung". Also der Wunsch nach Spektakel rund um das eigentliche Ereignis. Dies alles sei konträr zu dem, was das Vereinsleben in den vergangenen Jahrzehnten ausgemacht habe. Doch man müsse sich diesen Herausforderungen stellen und sich bewegen, um sie zu bewältigen.


Rahmenbedingungen schaffen

Jeder Klub müsse selbst dafür sorgen, im Gespräch zu bleiben, attraktiv zu sein und so zu überleben. Der Verband könne - unter anderem mit der Initiative "Pro Amateurfußball" - nur Rahmenbedingungen und Angebote schaffen. Koch nennt als Beispiele die Einführung der Schiedsrichter-Pauschale, die zur Entlastung der Vereine die Barauszahlung nach dem Spiel abgelöst habe, und den elektronischen Spielberichtsbogen. Seit dessen Einführung seien die wichtigsten Informationen rund um ein Amateurfußballspiel schon kurz nach Abpfiff im Internet abrufbar, und auf dessen Grundlage könnten computergenerierte Spielberichte künftig automatisch auf den Homepages der Vereine einlaufen.

Der BFV will diesen Weg weitergehen und investieren - mit Geld, das er aktuell nicht hat. Mehrwert im Bereich IT und Online - vor allem beim Vereinsservice - soll geschaffen werden. Sanierungs- und Baumaßnahmen an der Sportschule Oberhaching und an der Verbandszentrale in München, Gehaltsanpassungen der hauptamtlichen BFV-Mitarbeiter und inflationsbedingte Mehrausgaben sind weitere Punkte, die in den kommenden Jahren einen erhöhten Finanzbedarf von 1,5 Millionen Euro nötig machen.


120 Euro im Jahr

Mit diesem Thema hat sich beim Verband die AG Finanzen befasst, in die auch Vereinsvertreter von der Basis eingebunden waren. Diese kamen überein, dass die zusätzlich benötigten Mittel aus drei Quellen fließen sollen: Zum einen muss der BFV sparen und Einnahmen aus dem DFB-Grundlagenvertrag, durch Marketingaktivitäten oder staatliche Zuschüsse generieren - in Summe 550 000 Euro. Mehreinnahmen aus dem Bereich der Individualgebühren (Trainerausbildung) sollen 445 000 Euro in die Kasse spülen. Den gleichen Betrag müssen darüber hinaus die 4500 BFV-Mitgliedsvereine beisteuern, in dem sie pro Monat eine um zehn Euro höhere IT-Gebühr als bisher zahlen.

"120 Euro im Jahr sollten für jeden Verein zu schultern sein, zumal wir ihn damit nicht stärker belasten als üblich. Von 100 Euro, die der BFV ausgibt, kommen 30 von den Vereinen, das war schon bisher so", rechnet Koch vor, der den oft gehörten Vorwurf, der Verband würde den Klubs das Geld aus der Tasche ziehen, von sich weist. "Wir tun nichts zum Selbstzweck und wollen gut aufgestellt sein, wenn die angesprochenen Herausforderungen bei der Basis ankommen. Das unmittelbare Finanzproblem eines einzelnen Vereins können wir als Verband jedoch nicht lösen", erklärt Koch und legt den Klubs nah, ihr Angebot nicht unter Wert zu verkaufen.

"Wenn ich zwei Kinder im Sportverein habe, kostet das vielerorts zusammen nur 70 bis 80 Euro im Jahr. Wenn ich mit der ganzen Familie einmal im Jahr für einen Tag Skifahren gehen möchte, ist der Sprit für die Fahrt dorthin schon teurer", formuliert es der BFV-Präsident überspitzt. Der Verein als solches biete über das Training hinaus oft Rundum-Betreuung für Kinder, die die Eltern nur allzu gern annähmen. Das könne jedoch nur funktionieren, wenn die Rahmenbedingungen passen. "Wenn es ums Überleben des Vereins geht, muss man auch beim Thema Finanzen gnadenlos ehrlich sein. Aber ich als Verbandspräsident bin nicht dazu da, den Vereinen vorzuschreiben, dass sie ihre Mitgliedsbeiträge anpassen sollen. Ich kann nur darauf hinweisen."


Freizeitfußballer ins Boot holen

Koch bringt aber auch andere Möglichkeiten ins Spiel, wie Vereine sich besser aufstellen können. So gebe es Millionen von Menschen, die sich für Fußball interessieren, sogar selbst spielen - nur eben nicht im Verein. Deshalb sei es naheliegend, über Angebote für Freizeitfußballer nachzudenken, die über diesen Umweg womöglich doch für den geregelten Ligabetrieb zu begeistern wären. Und wenn dies durch ungünstige Arbeitszeiten nicht möglich sei, müsse man eben weg vom althergebrachten Spieltag. "Von Verbandsseite gibt es keine Verbote. Von mir aus können reguläre Spiele auch dienstags stattfinden. Da muss eben im Spielkreis geklärt werden, ob das dann zum Beispiel mit der Schiedsrichter-Einteilung funktioniert."

Dass durch solche Schritte noch weniger Zuschauer den Weg zum Fußballplatz finden, glaubt Koch nicht. "Den Fan, der sein Team zu jedem Spiel begleitet, gibt es nicht mehr. Deshalb bin ich überzeugt, dass es für Vereine viel einfacher ist, zweimal pro Saison 500 Zuschauer anzulocken als jede Woche 20", sagt der Fußball-Boss und verweist auf die Angebote, die der BFV zum Thema "Eventisierung" mit Relegations- und Pokalspielen macht.

Darüber hinaus sei der Ideenreichtum der Vereine gefragt. Den Umstand, dass es für zusätzliche Angebote auch Ehrenamtliche - die fehlen schon jetzt an allen Ecken und Enden - braucht, um die Fülle der Aufgaben zu schultern, umschifft der BFV-Präsident: "Schon in den 1970er-Jahren hieß es, dass es zu wenig Ehrenamtliche gibt. Deshalb macht sich bei mir kein Pessimismus breit."
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