Lauf
Suchthilfe

Mit 80 Jahren und drei Männern in der WG

Helga Zeitler hat in der Laufer Mühle gelernt, sich durchzusetzen, ohne auf Medikamente oder Alkohol zurückzugreifen.
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Helga Zeitler (Vierte von links) feiert ihren 80. Geburtstag im Garten ihrer Senioren-WG. Foto: privat
Helga Zeitler (Vierte von links) feiert ihren 80. Geburtstag im Garten ihrer Senioren-WG. Foto: privat
Ob viele Männer einem im Alter gut tun? Diese Frage kann Helga Zeitler, die gerade ihren 80.Geburtstag feiert, uneingeschränkt bejahen. Sie wohnt nämlich in einer therapeutischen Wohngemeinschaft der Laufer Mühle zusammen mit drei Männern in einem kleinen Einfamilienhaus mit schönem Garten mitten in Adelsdorf.

Jeder hat in dieser "Alten- WG" seine Aufgaben. Da muss gekocht, der Rasen gemäht, die Böden gewischt, die Fenster geputzt, die Wäsche gewaschen und kleinere Reparaturarbeiten durchgeführt werden. "Klassische Frauenarbeiten im Haushalt werden bei uns auch von den Männern erledigt", erklärt Helga mit emanzipatorischen Unterton die Abläufe in ihrem betreuten Wohnprojekt. "Unter so viel Männern muß ich mich schon behaupten und durchsetzen. Eine Fähigkeit, die ich in der Therapie der Laufer Mühle gelernt habe", fügt Helga hinzu.


Verantwortung übernehmen

Die rüstige 80-Jährige kam vor 27 Jahren in die Laufer Mühle und zählt zu den Gründungsmitglieder der damals noch kleinen Hausgemeinschaft. "Ich war seinerzeit 54 Jahre alt und schwer alkoholabhängig. Damals meinte ich, das Leben sei für mich gelaufen. Heute kann ich sagen, dass die suchtfreie Zeit hier in der Laufer Mühle und in Adelsdorf die wertvollste und schönste Zeit für mich war und weiterhin ist."

"Sie hat also Lebensqualität dadurch gewonnen, dass sie die Suchtkrankheit hinter sich gelassen hat", fasst Michael Walther, leitender Therapeut im Suchtzentrum Laufer Mühle, Helgas Erfolgsgeschichte zusammen. "Bei uns hat sie gelernt, wieder Verantwortung für sich und andere Menschen zu übernehmen, sich selbst wieder sinnvoll zu beschäftigen, einer Aufgabe konsequent nachzugehen und seine Hobbies zu pflegen", so Walther.

Jahrelang ist sie täglich mit dem Rad von Adelsdorf in die Laufer Mühle gefahren. Diese regelmäßige sportliche Aktivität sieht man ihr auch mit ihren 80 Jahren noch an. "Helga ist fit geblieben, hat auch immer auf ihr Erscheinungsbild geschaut und sich dementsprechend gepflegt", so Inge Weber, Krankenschwester und Bezugstherapeutin im Therapiezentrum.

Wie kommt es nun dazu, dass Menschen wie Helga Zeitler erst im späten Alter suchtkrank werden? "Nach offiziellen Statistiken haben mehr als eine Million ältere Menschen in unserem Land ein gravierendes Probem mit Alkohol und Medikamenten", weiß Michael Thiem, Gesamtleiter der Laufer Mühle, zu berichten. "Aus den bekannten Krisen in der Mitte des Lebens entwickeln sich im Laufe der Jahre häufig Missbrauchsverhalten durch selbstverordnete Einnahmen von Medikamenten und Alkohol, die dann in eine Abhängigkeit münden."


Ein Teufelskreis

Arbeitsplatzverlust, der Auszug der Kinder, Tod oder Trennung von einem geliebten Menschen lösten eben auch Fragen nach dem Sinn des Lebens aus, die oft unbeantwortet blieben. Genau hier verschaffe die Wirkung von Suchtstoffen zunächst Erleichterung, allerdings keine Problemlösung. "In diesem Teufelskreis entwickelt sich bei älteren Menschen Suchtabhängigkeiten" so Michael Thiem, der Helga seit über zweieinhalb Jahrzehnten auf ihrem Weg aus der Abhängigkeit in die Suchtfreiheit begleitet hat.

"Füreinander sorgen und sich aufeinander verlassen zu können", das ist Helgas Erfolgsmodell in ihrer WG. Und wenn doch einmal mehr Hilfe nötig ist, dann kann sich Helga weiterhin an die Mitarbeiter der Laufer Mühle wenden, denn "unter dem großen Schutzmantel der Laufer Mühle fühle ich mich geborgen und kann gleichzeitig meine Freiheiten leben", sagt Zeitler.
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