Erlangen
Obdachlosigkeit

Warmes Wohnzimmer für Obdachlose in Erlangen

Sie verbringen die Nacht in Notschlafstellen und am Tag sind sie im "Willi". Die Erlanger Tagesstätte ist für Wohnungslose wie ein warmes Wohnzimmer.
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Mittagessen im "Willi". Viele der Besucher sind hier Stammgäste. Foto: epd
Mittagessen im "Willi". Viele der Besucher sind hier Stammgäste. Foto: epd
"Es kommt immer anders, als man seine Zukunft plant", seufzt Rentner Wolfgang P.. Als Immobilienkaufmann hat er gearbeitet. Für das Alter sorgte er als Selbstständiger nicht viel vor. Die Eigentumswohnung seiner Mutter sollte seine Reserve sein. Doch die alte Dame wurde pflegebedürftig. Die Kosten für die Pflege fraßen alles auf, sagt Wolfgang. Seit einigen Monaten lebt er nun in einer Wohnungslosenunterkunft in Erlangen, bessert seine Rente mit dem Sammeln von Pfandflaschen auf.

An diesem Montag sitzt er mit einer Tasse Kaffee im "Willi" an einem Tisch mit bunter Wachstischdecke. In dem Treffpunkt für Wohnungslose in Erlangen in der Wilhelmstraße isst er täglich zu Mittag und durchforstet die Zeitung nach Wohnungsannoncen. Solange Wolfgang keine neue Bleibe gefunden hat, ist sein Wohnzimmer im "Willi". Wie es das für Sada ist, die bereits in die Vorgängereinrichtung in der Erlanger Innenstadt kam. "Hier habe ich meine Familie, Wärme und Freude", sagt die 50-jährige gebürtige Serbin. Seit 17 Jahren fühlt sie sich in dem Treffpunkt wohl.

Viele Besucher des "Willi" sind Stammgäste. Manche melden sich ab, wenn sie ins Krankenhaus müssen oder für ein paar Wochen in den Knast gehen. Ihre Schlafplätze haben sie in Übergangswohnheimen oder in kleinen Wohnungen, für die meist das Sozialamt die Miete überweist. Vielleicht würden sie dort im Dunkeln sitzen, weil die Stromrechnung nicht bezahlt ist, erklärt die ehrenamtliche Helferin Lydia Campus. Vielleicht ist einer ein Messi, der sich in der zugemüllten Wohnung selbst nicht mehr wohlfühlt.


Keine Moralpredigten

"Die meisten der Menschen, die zu uns kommen, haben ein Suchtproblem", erklärt Einrichtungsleiter Karl Ostermeier, "und fast alle haben alles verloren - ihre Familie, ihre Arbeit, ihre Ehre, das Selbstwertgefühl ist im Keller." Deshalb setze er niemals jemanden unter Druck, halte keine Moralpredigten. Aber er hilft einem Alkoholiker, einen Platz zur Entgiftung zu bekommen. Das ist Ostermeiers Konzept: Familienersatz sein, ein Ort, an dem sich die Besucher wohlfühlen. "Hier können die Menschen Menschen sei", sagt sein Kollege Diakon Klaus Hiltner, der demnächst das Ruder in der Wilhelmstraße übernehmen soll. Aber er fügt an: "Keine Perspektive - das geht nicht". Hiltner will den Gästen vermitteln, Veränderungen in ihrem Leben können passieren, aber "nur du selbst kannst dich ändern".

Auf eine Atmosphäre, "in der sich die Besucher nicht bedrängt fühlen", darauf legt auch der Vorsitzende des Vereins Obdachlosenhilfe, der Leiter des Erlanger Sozialamts, Otto Vierheilig, Wert. "Das sind Menschen, die es irgendwann einmal aus der Bahn geworfen hat."

Wenn man Armut bekämpfen wolle, dürfe man nicht bei den gesetzlichen Minimalleistungen stehenbleiben, ist Vierheilig überzeugt. 100 000 Euro stehen im Erlanger Haushalt für die Tagesstätte. Im vergangenen Jahr kamen zudem 20 000 Euro Spenden herein. Außerdem bietet ein Arztehepaar im Ruhestand kostenlose Beratung an.
Lydia Campus, Helferin der ersten Stunde, hat gerade mit einem der Besucher einen Haarschnitt-Termin vereinbart. Aus Scham oder aus Geldknappheit haben viele Gäste einen Friseur lange nicht gesehen. "Das tollste bei solchen Terminen sind die Gespräche", sagt die Ehrenamtliche. Doch sie hat auch lernen müssen, zwischen den Worten zu hören, nicht jede Lebensgeschichte von A bis Z zu glauben.

Heute würde sie nie mehr für einen Gast das Gerümpel in der zugemüllten Wohnung mit eigenen Händen aussortieren und wegschmeißen, sagt sie. Zu demotivierend sei es, zu sehen, wenn der Geholfene nach wenigen Wochen keinen Neuanfang geschafft hat und wieder im alten Trott lebt. "Wir erwarten nichts", sagt Lydia Campus. Stattdessen kann sie sich freuen, wenn einer der "Willi"-Gäste anfängt, zuverlässig Behördentermine einzuhalten.

Köchin Angelika Hölzlein hebt aus dem Backofen in der Küche zwei riesige Bräter mit Hackbraten aus dem Ofen. Aus sieben Kilogramm Hackfleisch und 20 Eiern hat sie das Hauptgericht für etwa 50 bis 60 Gäste zubereitet. Dazu gibt es Kartoffelbrei und Kaisergemüse. Muslimischen Gästen serviert Hölzlein Bouletten aus Rinderhack.


Am Monatsende wird's eng

Ist der Monat noch lang, kommen etwas weniger Männer und Frauen zum Essen. Geht es auf das Monatsende zu, wird es eng im "Willi". Der ehemalige Siemensmitarbeiter drängt sich dann am Tisch mit den Einwanderern aus Pakistan. Ein Palästinenser nimmt sich Kartoffelpüree, genießt das Stückchen heile Welt: "Ich komme jeden Tag. Ich wüsste nicht, was ohne."
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