Erlangen
Tabuthema

Tagung zu Homosexualität an Schulen in Erlangen

Schwule und lesbische Jugendliche können sich noch immer an Schulen nicht outen, ohne gemobbt zu werden. Experten fordern daher mehr Aufklärung, gezielte Weiterbildung für die Lehrer und Räume "ohne Moralpredigt".
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Symbolbild: Archiv
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Der 15-jährige Mark liebt Lukas. Aber das kann er niemanden sagen, nicht den Mitschülern, nicht den Eltern. Er wendet sich an seine Religionslehrerin. Er weiß, dass die Pfarrerin mit einer Frau zusammenlebt. Mit ihr kann er reden. Vier Monate später, nachdem auch im Religionsunterricht viel über Homosexualität gesprochen wurde, sagt er offen seiner Klasse, dass er schwul ist. Er stößt auf Reaktionen wie den Kommentar "Du Schwuchtel", aber auch auf Verständnis. Wie sie den Frankfurter Jungen begleitet hat, berichtet die Lehrerin Kerstin Söderblom bei einer Tagung an der Universität Erlangen.

Bei der Vorbereitung der Tagung über "Homosexualität als Herausforderung der Schule" erhielt Michaela Breckenfelder, Religionspädagogin am Lehrstuhl für Praktische Theologie in Erlangen, ein paar erstaunte Anrufe. Ob denn heutzutage eine Veranstaltung über Homosexualität nötig sei, das sei doch inzwischen "so normal". Doch das hat Breckenfelder an Schulen anders erlebt.

Als sie selbst im Religionsunterricht mit einer neunten Gymnasialklasse über die ugandische Menschenrechtlerin Kasha Jacqueline Nabagesera sprechen wollte, die sich für die Rechte homosexueller, bi- und transsexueller Menschen einsetzt, sei ihr ein "Sammelsurium an Vorurteilen und homophoben Theorien" entgegengeschwappt, das sie nicht erwartet habe. "Sie wollen mit uns über eine Lesbe sprechen?" habe eine Schülerin entsetzt gefragt.

Ein Tabu an Schulen

In einer übersexualisierten Gesellschaft brächten Jugendliche oft kein Vorwissen über Homosexualität mit, erklärt Breckenfelder. In Schulen sei Homosexualität ein Tabu. Auch die Lehrer würden das Thema ausklammern. "Zehn Prozent der Bevölkerung sind homosexuell", sagt Breckenfelder, "und an Schulen sollen es Null Prozent sein - das geht nicht". "Undenkbar, dass sich an unserer Schule ein Kollege outen würde", sagen auch Tagungsteilnehmerinnen in Erlangen.

An Berufsschulen seien die Ressentiments gegenüber Homosexuellen je nach Branche stärker oder schwächer ausgebildet, berichtet Studienrätin Andrea Roth. In den Berufen am Bau sei die Abwehr besonders stark. "Einer, der am Bau schafft, ist nicht schwul", hört Roth in diesen Klassen. Gerade die männlichen Schüler würden "andere Formen der Sexualität als Bedrohung empfinden".

Heterosexuelle Normen bestimmten den Alltag der Gesellschaft, erklärt Söderblom, "und werden nicht hinterfragt". In diesem Klima käme die Angst vor dem Fremden und "nicht Normalen" zustande. Die Aufgabe, über solche Strukturen aufzuklären, könnten ihrer Ansicht nach die Religionspädagogen und Schulseelsorger übernehmen. Aber die Ausbildung zum Thema Homosexualität stecke auch in der Pastoraltheologie "noch in den Kinderschuhen", sagt Söderblom, die beim Institut für Personalentwicklung, Personalberatung und Supervision (IPOS) im hessischen Friedberg tätig ist.

Gerade die Schulseelsorge müsse die gesellschaftspolitische Herausforderung erkennen, die hinter dem Thema Homosexualität stecke, sagt Pfarrerin Söderblom. Ihr ist es daher ein großes Anliegen, dass Seelsorger oder Berater an Schulen "geschützte Orte" bekommen, an denen Schüler sich anvertrauen könnten. "Die Jugendlichen brauchen Vertraulichkeit und Respekt und einen Raum, an dem sie keine Moralpredigt bekommen."
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