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Region  // Erlangen-Höchstadt

Interkultureller Frühschoppen

Begegnung mit Flüchtlingen auf dem Höchstadter Kellerberg

Auf dem Höchstadter Kellerberg gehen Asylbewerber und Höchstadter einen kleinen Schritt aufeinander zu.
Das Gelände am Petersbecks-Keller war für Höchstadter und Flüchtlinge das Ziel für den interkulturellen Frühschoppen. Fotos: Waltraud Enkert
 
von WALTRAUD ENKERT
Die Sprache Deutsch - sie ist das Zünglein an der Waage. Das war die unüberhörbare Botschaft beim interkulturellen Frühschoppen am Sonntag auf dem Höchstadter Kellerberg.
Dem gegenseitigen Kennenlernen von Flüchtlingen und Höchstadtern diente die Veranstaltung. Die Idee hatten Karsten Wiese, Vorsitzender des Kellerbergvereins, und Michael Nitsche von der Musiggfabrigg auf einer Geburtstagsfeier. Während die Musiggfabrigg für musikalische Gestaltung zuständig war, lieferten die beiden Redakteure des Fränkischen Tags, Andreas Dorsch und Christian Bauriedel, in Interview-Blöcken Hintergrundinformationen.
Darüber, wie die Situation im Moment ist, wie Flüchtlinge ihr Leben in Deutschland empfinden und auch, wo es hakt. Die Zahl der Besucher war überwältigend - sowohl von Seiten der Flüchtlinge, als auch von Einheimischen. Das Petersbeck-Gelände am Kellerberg war gut gefüllt - zusätzliche Bänke wurden aufgestellt.


Arbeit in der Gastronomie

Nimu ist aus Äthiopien weggegangen, weil die Regierung Äthiopiens problematisch sei. Seit zweieinhalb Jahren ist sie nun in Höchstadt, hat Deutsch gelernt. Aber keine Arbeit. Für Kinder gebe es mehr Integrationsangebote als für Erwachsene, klagt sie.
Landsmann Chali (21) ist kürzlich Vater geworden. Ja, sein Zimmer am Lappacher Weg sei klein für die Familie. Der gelernte Elektroinstallateur ist dennoch froh, dass er im Café der Laufer Mühle in Adelsdorf Arbeit gefunden hat. Für die kleine Tochter überreicht ihm Christian Bauriedel - selbst auch erst Vater geworden - einen Schnuller und Windeln.
Gute Erfahrungen mit Flüchtlingen hat das Restaurant Aischblick in Höchstadt gemacht. Eine 25-jährige Äthiopierin wird dort zur Köchin ausgebildet. Im Landhotel "3 Kronen" in Adelsdorf haben zwei unbegleitete Jugendliche Praktika in der Küche absolviert. Sie seien top motiviert gewesen.
Bürgermeister Gerald Brehm (JL) sagte, dass sich erst noch entscheide, ob ein Integrationszentrum in Höchstadt kommt - abhängig von Zuschüssen für dieses "Pilotprojekt". Die Stadt bringe Unternehmer und Flüchtlinge zusammen, aber erst müsse die Sprache passen. Und dann sei es "nicht nur ein Nehmen, sondern auch ein Geben". Integration müsse gewollt sein.
Sabine Grasse gehört zum Helferkreis "Helfende Hände". Sie erzählt aus dem Alltag mit Flüchtlingen. Fragen tauchen auf, etwa: Mein Kind ist mit Mückenstichen übersät; ich möchte mich taufen lassen, was kann ich tun?
Sie erhält Applaus. Wie auch die weiteren Flüchtlinge, die sich auf die Bühne gewagt haben und die Fragen der FT-Redakteure beantworten. Ibrahim, der Maschinenbauingenieur, der gerade ein Praktikum macht. Oder Seifu, der ein Praktikum beim Feuerverzinker Wiegel gemacht hat. Und natürlich Lubna Al-Hosari, die die Flüchtlinge zur Auslandsbehörde, zum Jobcenter oder zum Arzt begleitet.
"Gib mir einfach nur ein bisschen Zeit", sang die Musiggfabrigg zu Beginn. Am Ende betritt spontan Mohammed, ein zwölfjähriger Junge, die Bühne. Sein Gesang und sein Mut lässt alle aufhorchen.

Gudrun Gumbrecht, stellvertretende Schulleiterin
Sechs Klassen mit Flüchtlingskindern sind im Berufsschulzentrum in Höchstadt untergebracht, weitere sieben Klassen in Herzogenaurach. Das berichtet die stellvertretende Leiterin Gudrun Gumbrecht. In jede Klasse gehen rund 20 Schüler aus den verschiedensten Herkunftsländern.
Und wie wird Deutsch gelernt? "Wir arbeiten viel mit Bildern", so Gumbrecht. Nur ein Lehrer spreche arabisch. Doch die Schüler würden sich gegenseitig helfen. Mit der Motivation sei es - wie bei deutschen Schülern auch - unterschiedlich. Gerne berichtet Gumbrecht von dem jungen Mann, der als Analphabet gekommen ist, also auch nicht Arabisch beherrschte. "Der war so motiviert, dass er jetzt schon ins nächste Jahr gehen kann."

Majd Baradai, Flüchtling
Majd kommt aus Syrien. Er ist 20 Jahre alt, seit einem Jahr in Deutschland. Er wohnt in Erlangen in einer kleinen Wohnung. Über einen Freund hat er vom interkulturellen Frühschoppen in Höchstadt erfahren.
Majd hat bei einer Sicherheitsfirma gearbeitet - deshalb hatte er keine Zeit für einen Sprachkurs. Gebüffelt hat er trotzdem: daheim, nach Feierabend. Gerade macht er ein Praktikum in Medizintechnik bei Siemens. Und hofft, so seinem großen Traum ein wenig näher zu kommen. Er möchte in Mannheim Medizintechnik studieren. Seine Botschaft an die Festbesucher in Höchstadt: "Wer Deutsch kann, dem stehen ganz viele Möglichkeiten offen." Die Sprache lernt er immer noch: daheim, nach Feierabend.

Martina Ringler, Landratsamt-Mitarbeiterin
Martina Ringler ist Mitarbeiterin des Landratsamts und dort zuständig für die Betreuung der ehrenamtlichen Helfer im Flüchtlingsbereich. Sie erläuterte, dass derzeit 913 Flüchtlinge im Landkreis Erlangen-Höchstadt leben. 400 sind anerkannt, 262 Fehlbeleger, das heißt, sie wohnen noch in Asylunterkünften, suchen aber eine Wohnung.
Die Berufsschule Herzogenaurach und die Tennishalle in Hemhofen wurden als Erstaufnahmeeinrichtungen geschlossen. Dringlich sei jetzt die Wohnungssuche. "Wer freien Wohnraum hat, bitte melden", so ihr Appell. Ebenso notwendig seien Dolmetscher. "Wer einen Arabisch-Kurs besucht, kann bestimmt gut eingesetzt werden."


Karim aus Aleppo
Karim hat in Syrien ein gutes Leben geführt, sagt er. Er arbeitete als IT-Techniker. Karim spricht auf der Bühne Arabisch, Lubna Al-Hosari, die von der Stadt Höchstadt als Kümmerin angestellt ist, übersetzt seine Antwort. Nicht, weil er sich nicht verständigen könnte. Die Besucher sollen ein Gefühl für die arabische Sprache bekommen. Der Syrer sieht keine Möglichkeit, in seine Heimat zurückzukehren. "Mein Traum ist es, hier Arbeit zu finden, eine Familie zu gründen und die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen. "

Wolfgang Kümmeth aus Höchstadt
"Dieses Fest heute ist ein Anfang", sagt Wolfgang Kümmeth, der sich um die Flüchtlinge in der Höchstadter Engelgasse kümmert. Wenn man erst mal miteinander ins Gespräch, dann könnten sich Probleme plötzlich von alleine lösen, prophezeit er. Nach wie vor sei der Umgang mit Behörden anstrengend. Doch das sei weniger dem Personal als Versäumnissen der letzten 15 bis 20 Jahre geschuldet.

Graziella Seufferth aus Höchstadt
Sie ist sozusagen der Überraschungsgast auf der Bühne. "Lasst uns zusammen tanzen", ruft sie. "Ich bin wütend und traurig zugleich." Dann fehlen ihr die Worte. Ihre Botschaft wird dennoch verstanden. Sie wünscht sich keine leeren Floskeln, sondern ein gelebtes Miteinander. Im Kleinen, mit gegenseitiger Hilfe, könnten wir beginnen. Von beiden Seiten aus. Vielleicht, einfach mal einen Rollstuhl schieben. Und sich stets mit Respekt begegnen.

Kommentar

Das Eis ist gebrochen
Ein Beitrag zur Integration - so war der interkulturelle Frühschoppen gedacht bei Weißwurst und Weißbier, bei Falafel mit Dip, bei Sambusu, gefüllt mit Zwiebeln, Linsen und Paprika, bei äthiopischem Brot und Krapfen.
Beileibe war es nicht das große Kennenlernen zwischen Höchstadtern und Flüchtlingen, das am Sonntag am Kellerberg stattfand. Die Flüchtlinge saßen separat an Tischen, die Höchstadter ebenso. Doch an einer Schautafel, die Aleppo vor und nach der Zerstörung zeigt, wurden erste Worte gewechselt. Gern erläuterten Flüchtlinge mit guten oder weniger guten Deutschkenntnissen, was da zu sehen war. Eine prunkvolle Moschee, darunter Schutt und Asche.
Zwei Stunden nach Beginn waren Flüchtlingskinder die ersten, die vor der Bühne tanzten. Auch ein paar Erwachsene gesellten sich dazu, singend, klatschend.
Die Frauen aus Äthiopien und Syrien, die ihre Speisen gegen gegen Spende anboten, strahlten über das ganze Gesicht - und sie nahmen damit Berührungsängste. Es wäre übertrieben zu behaupten, dass sich die beiden Menschengruppen vermischten bei diesem Frühschoppen. Doch ein erster Schritt aufeinander zu war getan. Wenn damit die Hemmschwelle bei nur einem einzigen Höchstadter seinen ausländischen Mitbewohnern gegenüber gebrochen ist, dann hat sich das Fest gelohnt. Ja, mehr noch. Es ruft nach Wiederholung. Genau das haben die Organisatoren versprochen.
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