Mittelwasungen am Berg
Stallgespräch

Schwere Zeit für Coburger Schweinehalter

Immer weniger Verständnis in der Gesellschaft, weniger Geld für mehr Arbeit und immer neue Vorschriften bringen Betrieb an die Grenze der Rentabilität.
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Heiko Engel hält ein wenige Tage altes Ferkel auf dem Arm. Foto: Rainer Lutz
Heiko Engel hält ein wenige Tage altes Ferkel auf dem Arm. Foto: Rainer Lutz
Die Schweinezucht von Heiko Engel in Mittelwasungen ist einer von zurzeit 242 Betrieben mit Schweinehaltung, die der Bayerische Bauernverband (BBV) im Landkreis Coburg gelistet hat. Kreisobmann Martin Flohrschütz hat die Zahlen von 1980 parat. Damals wurden noch rund 2100 Schweinehalter im Landkreis gezählt. Ein Strukturwandel, für den verschiedene Ursachen genannt werden. Ein Wandel auch, der wohl noch nicht abgeschlossen ist.
Nach Einschätzung des BBV-Kreisobmannes können schon heute wohl kaum mehr als 50 Schweinehalter im Landkreis mit ihrem Betrieb ein nennenswertes Einkommen erzielen. Auch für die wird es immer schwerer, sich zu behaupten.
Bürokratische Hürden sind ein Grund, den Praktiker wie Verbandsfunktionäre nennen. "Wir fordern seit langem beispielsweise einen Bestandsschutz für mehr Planungssicherheit bei Investitionen", erklärt Hans Rebelein, Geschäftsführer beim BBV in Coburg. Wer heute einen neuen Stall baut, so Flohrschütz, der finanziert ihn auf etwa 25 Jahre. Wird er während dieser Zeit wegen neuer Vorschriften gezwungen, grundlegend umzubauen, kann ihn das schnell finanziell überfordern. "Betriebsleiter, die schon geplant haben, in einigen Jahren aufzuhören, ziehen diese Entscheidung dann vor. So kommt es zu regelrechten Schüben mit Stilllegungen", erklärt Kreisbäuerin Heidi Bauersachs.
Heiko Engel plant nicht, aufzuhören. Doch manchmal denkt er schon darüber nach, wie es weitergehen soll, wenn gerade die nächste neue Anforderung auf den Tisch kommt. So hat er beispielsweise seine Boxen für die Schweine nach Maßen gebaut, die vor wenigen Jahren eben gültig waren. Inzwischen entschied jedoch ein Gericht, dass die Boxen zehn Zentimeter breiter angelegt werden müssen. "Das geht nicht so einfach, da müsste ich komplett umbauen", stellt Engel fest.


Planungssicherheit schaffen

"Wir fordern, die Umsetzung von Haltungsvorschriften an die Abschreibungszeiten der Investitionen anzupassen", sagt Hans Rebelein. Bisher konnt das der Verband aber nicht durchsetzen.
Kopfschütteln auch angesichts rascher Gesinnungswechsel in den EU-Vorschriften. Heiko Engel nennt das Beispiel "Beschäftigungsmaterial". Gemeint sind damit schlicht Spielsachen, die den Schweinen laut EU-Vorgabe zur Verfügung gestellt werden müssen. Wehe der Stall wird überprüft und es fehlt am - wohlgemerkt vorschriftsmäßigen - Spielzeug. Da gab es vor wenigen Jahre eine Änderung. Spielzeug durfte nicht mehr aus Holz hergestellt sein und es musste "unveränderbar" sein. Die Schweine sollten es nicht zerbeißen können. In der Praxis "veränderten" manche groben Schweine aber selbst die widerstandsfähigsten Spielzeuge, von denen ein Satz schon für einen eher kleineren Betrieb wie den der Engels mit 190 Zuchtsauen und 300 Masttieren schnell in die Tausende Euro kostet. Jetzt befand die zuständige EU-Kommission, Spielzeuge hätten doch wieder aus Holz und veränderbar zu sein. Das heißt, für viel Geld umrüsten und ständig nachkaufen, denn Schweine "verändern" Holzspielzeug sehr schnell.


Die Macht der Käufer

Investieren ist leichter gesagt, als es bei den derzeit stabil niedrigen Schweinepreisen getan ist. Die Bauern haben auf dem Markt wenig Macht gegenüber den Abnehmern. Große Schlachtbetriebe drücken mit so genannten Hauspreisen den Ertrag der Mäster. Die haben keine Wahl. Denn wenn ihre Tiere das vom Markt geforderte Gewicht erreicht haben, müssen sie raus aus dem Stall. Werden sie zu schwer, steigen einerseits die Kosten und andererseits wollen die Käufer dann weniger zahlen. Also bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich dem gegenüber dem üblichen Marktpreis gedrückten Hauspreis zu beugen.


Druck erzeugt Wandel

Landwirte und Verbandsvertreter sind sich einig, dass der immer größere Druck zur Ertragsoptimierung den Strukturwandel weiter treiben wird. Betriebe müssten immer größer werden, um noch rentabel wirtschaften zu können. Ein Trend, der politischen Bekenntnissen zur bäuerlichen Landwirtschaft auf Familienbetrieben klar entgegen läuft.
Wenn er nach jahrelanger Ausbildung und noch längerer Berufserfahrung einen Tierhaltungskurs absolvieren soll, während selbst ernannte Tierschützer meinen, ihm genau sagen zu können, wie er seine Schweine zu halten hat, dann versteht Heiko Engel die Welt nicht mehr. Martin Flohrschütz pflichtet ihm bei. Er beobachte "einen Wildwuchs an Pseudo-Tierschutzorganisationen", die sogar in aller Offenheit über Anzeigen nach Kameraleuten suchen die in Schweineställe einbrechen, um möglicherweise Skandale aufzudecken. "Wir als BBV und mit uns die Tierhalter sind bereit, uns weiter zu entwickeln. Das betrifft auch und vor allem den Tierschutz", sagt er. Neue Erkenntnisse umzusetzen, verweigere sich die Landwirtschaft da nicht. Alles müsse aber auch bezahlbar sein, beziehungsweise vom Verbraucher bezahlt werden, wenn die Betriebe überleben sollen. Stellvertretender Kreisobmann Wolfgang Schultheiß bringt es auf den Punkt: "Wenn die Gesellschaft das will, muss trotzdem für den Landwirt eine Zukunft drin sein."
Viele Forderungen, so die Einschätzung der Bauern, kommen nicht zuletzt zu Stande,weil immer mehr Verbraucher ein entfremdetes Bild von der Tierhaltung in der Landwirtschaft hätten. Daher ruft Hans Rebelein alle auf, sich zu informieren, und zwar bei den Bauern selbst: "Reden Sie nicht über uns, sondern mit uns!"
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